, ihm doch den Fächer wieder zu geben, sie wolle mir gern einen andern kaufen. Ich tat es, obgleich höchst ungern. Nun wollte ihn der Junge nicht einmal, und sie hatte viele Mühe, seinen Trotz so weit zu überwinden, dass er ihn hinnahm.
Zu meinem Verdruss waren wir auch auf den Abend gebeten. Es wurde mir sehr sauer, Wort zu halten; denn Madam sah mich sehr scheel an, weil ich so unhöflich gewesen war, und mir nicht gleich hatte wollen meinen Fächer verderben lassen. Die Gesellschaft ihres Mannes, der beim Essen zu uns kam, und uns sehr vernünftig und angenehm unterhielt, erheiterte mich wieder. Es verstand sich, dass die Kinder auch mit an den Tisch kamen, J u s t c h e n ausgenommen.
Wie würde ich doch das Herz haben, solche ungezogne Geschöpfe unter Fremde zu bringen, und die ganze Gesellschaft durch sie beunruhigen zu lassen? – M a l c h e n spielte die Zierpuppe, und ass sehr wenig, weil ihr fest eingeschnürter Leib ihr nicht mehr zuliess. F r i t z aber verlangte mit Ungestüm von allen speisen. Der Vater sah mit unwilligen Blikken nach ihm und der Mutter hin, sagte aber nichts, und bemühte sich interessante gespräche aufzubringen, welche uns nicht zuliessen, alle Ungezogenheiten des Jungens zu bemerken. Endlich verlangte er von einem feinen Gerichte, davon nur eine kleine Portion da war. Wie die Mutter es ihm verweigerte, wollte er laut weinen, und sie gab ihm voller Angst ein Bisschen hin.
"Ne, schrie er laut, ich will den ganzen Teller haben."
"Sei doch still, F r i t z c h e n , es ist ja nur ein wenig für die Fremden da. Du kriegst noch Kuchen."
"Den will ich nicht. geben Sie mir den Teller."
Bei einer nochmaligen Verweigerung warf er seinen Löffel nach der Mutter hin, und stiess ein Glas Wein um. Nun konnte sich der Vater nicht länger halten. Er stand auf, und wollte den Buben beim Arm die Treppe hinunter bringen, aber nun sprang sein Weib auf:
"Rühren Sie ihn mir nicht an. Schämen Sie sich, Ihren Aerger an dem armen Wurm auszulassen. Komm, F r i t z e ."
"An der Mutter, die durch Affenliebe ihre Kinder zu grund richtet, sollte ich ihn freilich zuerst auslassen. Kurz und gut, ich will solche Unarten nicht länger dulden."
Drauf erhob sie ein Geschrei von alle dem, was er ihr zu danken hätte, und nun wollte ein solcher Schuft, durch sie zum Mann gemacht, sich sö mausig machen. – Er schämte sich, und wollte schweigend zu seinem Platz zurückkehren, aber sie stiess eine Menge Schmähungen aus, und schimpfte ihn einen schlechten Kerl, so, dass er höchst aufgebracht wieder umkehrte.
"Nein, das ist zu viel. Meine Geduld reisst endlich. Da, heule und schreie mit deinem Jungen um die Wette!"
Mit den Worten stiess er beide in ein Nebenzimmer, und schloss die Tür ab.
"Verzeihen Sie – sprach er zitternd vor Aerger – dass Sie Zeugen eines solchen Auftritts sein mussten. Ich habe bisher nur zu viel Nachsicht gegen eine Frau gehabt, der ich leider mein äussres Glück zu danken habe. Streit und Zank hasse ich bis in den Tod; darum habe ich bisher meinen Gram stillschweigend erduldet: aber der Greuel der Kinderzucht geht zu weit. Ich kann es vor Gott nicht verantworten, wenn ich diese unschuldigen Geschöpfe so ganz ihrem Verderben überlasse. Ich will sie morgendes Tages alle drei in eine Pension schicken; denn hier werden sie ganz ruinirt."
Ein paar Tage nachher hörte ich, dass der gute Mann nicht durchgedrungen ist. Sein mächtiger Schwiegervater, der ihm sein Amt verschaffte, hat sich ins Mittel geschlagen; er hat zu Kreuze kriechen müssen, und unter der Bedingung Gnade erlangt, dass er sich nie wieder in die Kinderzucht seiner teuren Hälfte mischen wollte. Wer ist nichtswürdiger, ein solches Weib, oder ein Mann, der niederträchtig genug ist, um zeitlicher Vorteile willen sich mit einem solchen Teufel zu verbinden, und Ehre, Vernunft und alles zu verläugnen? Wie glücklich werden Sie sich jetzt schätzen, liebste J u l i e , dass Sie Verstand und Stärke genug haben, ihr Kind mehr zu lieben als das Ungeheuer, Vorurteil!
M a r i e ist sehr bekümmert, weil sie ein Blatt von E d u a r d s Briefe vermisst. Sie hat allentalben nachgesucht, aber vergeblich. Wir können beide nicht begreifen, wo es hingekommen sein mag. – Adieu, liebste J u l i e . Wenn Sie Ihre neue Freundinn sprechen, so empfehlen Sie mich ihr, und versichern Sie die liebe Frau meiner ganzen Hochachtung.
Sophie.
Zweiter teil
Zweiundfunfzigster Brief
Wildberg an Amalien
Ich schreibe Ihnen, halb rasend vor Wut und Eifersucht. Die fromme M a r i e ! Gegen mich schwatzt sie von lauter Tugend und Pflicht, und unterhält dabei einen geheimen Briefwechsel mit ihrem ehemaligen Liebhaber! Teufel und Hölle! ich darf es nicht wagen, ihre Hand zu berühren, und der elende Kerl schreibt ihr die zärtlichsten Liebeserklärungen, und bekömmt eben solche von ihr! Aber ich werde mich rächen. Zittre, du Schwachkopf! Wildberg hat schon einmal Eure Plane vernichtet; er wirds wieder tun.
Ich habe ein Mädchen,