, es zum Guten anführe!
Es ist ausgemacht, dass jede gute Handlung ihre schönen Folgen mit sich führt, aber gewiss wird keine derselben eine so schöne Quelle des Glücks für uns sein, als die gute Erziehung unsrer Kinder; so wie hingegen eine Vernachlässigung derselben uns durch ihre ungeratne Gemütsart aufs empfindlichste bestraft.
Ich bin ganz müde vom Schreiben, und Sie werden viele Mühe haben, mein unleserliches Geschmier zu verstehen. Schlafen Sie wohl, meine Teure. Morpheus gaukle mit den angenehmsten Bildern um ihre Phantasie. Möchte doch unter denselben auch befindlich sein
Ihre
Julie Karlsheim.
Einundfunfzigster Brief
Sophie an Julien
Vielen Dank, liebes bestes Weib! für Ihren vortrefflichen Brief. Er hat uns auf die angenehmste Art unterhalten, und wir bewundern die liebenswürdige C h a r l o t t e B . M a r i e aber glaubt doch, dass sie kaum zu einer solchen Erziehung Standhaftigkeit genug haben würde. Ich meiner Seits aber denke dereinst bei meinen Kindern ganz dieser Metode zu folgen, die mir sehr vernünftig scheint. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr es mich kränkt, diese Frau bisher nicht genau gekannt zu haben, und wie ich mich schäme, dass ich so oft in Spöttereien über ihre Kinderzucht mit einstimmte, von der ich doch bis jetzt einen ganz falschen Begriff hatte. Ich hörte von ihr nur als von einer Frau reden, die gar keine mütterliche Liebe gegen ihre Kinder hätte, die sie vielmehr hassete, und dieses sagten Weiber, welche wirklich durch eine ganz verkehrte Erziehung, und durch alle mögliche Päpelei, wahren Hass gegen ihre Kinder beweisen. Wie sehr bin ich gedemütigt, dass ich diesen Verläumdungen wohl gar Glauben beimass, ohne sie zu untersuchen!
Hier ist die Erziehung im kläglichsten Zustande. Man zwängt die kleinen Kinder gleich nach ihrer Geburt in feste Windeln. Das erste Vierteljahr kommen sie nicht aus der Kinderstube, woselbst man stets beschäftigt ist, sie zu tragen, und wenn dann der Wärterinn die arme weh tun, so packt sie es in eine Wiege, und schaukelt es so, dass ihm hören und Sehen vergeht, bis es vor Betäubung einschläft. Mit dem vierten monat wagt man es denn wohl zuweilen, sie an die Luft zu bringen, aber nur an recht warmen Tagen; und dann hüllt man sie so fest in einen Mantel ein, dass nichts als die Hälfte des Gesichts heraus guckt, damit sie ja in beständig starker Transspiration bleiben. Ist das erste Jahr vollbracht, so entwöhnt man sie, und ist sehr besorgt, die abgehende Nahrung dadurch zu ersetzen, dass man ihren Magen Tag und Nacht mit Brei verkleistert, und ihnen in den Zwischenzeiten einen Zuckertiss – so nennt man einen zusammengebundnen Lappen, der mit Zucker und Zwieback ausgestopft ist – in den Mund steckt; denn jede Mutter sucht darin ihre Ehre, wenn das liebe Kind recht fett gemästet ist.
Im zweiten Jahr denkt man denn wohl daran, dass ihnen die natur doch vermutlich die Füsse zum Gehen gegeben haben könnte. Man wagt es nun also zuweilen, sie im Gängelband auf der Erde zu leiten. Dieses wird ihnen wegen ihres schweren Körpers, und wegen der Ungewohnheit, ihre Glieder selbst zu gebrauchen, herzlich sauer. Ihre Füsse, die schon im Mantel eine schiefe Richtung bekommen haben, wachsen nun ganz einwärts; die Brust beugt sich vorund macht mit dem aufgetriebnen Bauch eine gerade Linie. Auch die Schultern werden durch das Gängelband in die Höhe getrieben. Das Gesicht ist aufgedunsen, und hat eine kränkliche Farbe, und der Tanzmeister hat alle Mühe von der Welt, dieser verzerrten Figur eine erträgliche Stellung beizubringen. Fällt nun das Kind zuweilen einmal – (und wegen seiner Ungeschickteit wird es häufig fallen, wenn es sich selbst überlassen wird –) so erhebt man ein Angstgeschrei; die Wärterinn nimmt es auf den Schooss, gibt ihm Zucker und andre magenverderbliche Sachen, lässt es die böse Erde schlagen, und sucht es auf alle Weise zu besänftigen.
Nun beschäftigt man sie damit, ihnen Gespenstergeschichten zu erzählen, sie hübsch angeputzt vor den Spiegel zu stellen, und sich selbst bewundern zu lassen; ihnen von Braut und Bräutigam und von andern törichten Dingen vorzuschwatzen, die der hirnlose Kopf der Wärterinnen aussinnt. Eine französische Gouvernantinn fängt an, sie mit Vokabeln und Buchstabieren zu quälen; der Hofmeister gibt ihnen Religionsunterricht, welcher darin besteht, sie Sachen herplappern zu lehren, von welchen sie kein Wort verstehen. Kurz, man bemüht sich, ihren Kopf zu einem Chaos von lauter verworrnen undeutlichen Ideen zu machen.
Bis jetzt hat die Mutter sie wenig anders als bei Tische gesehen; nun fängt sie an, sie zuweilen mit in Gesellschaft zu nehmen. Sie unterrichtet sie also sorgfältig von ihrem vornehmen stand, wie sie sich demselben gemäss betragen, gegen vornehme ein untertäniges höfliches, und gegen Geringere ein nachlässiges verächtliches Betragen annehmen sollen. Versieht das Kind etwas, so heisst es: das war einmal wie ein Bauernkind gehandelt; und durch mehrere solche Aeusserungen bringt man ihnen eine Verachtung gegen diesen Stand bei, ohne den doch alle andern Stände nicht bestehen können.
Doch ich ermüde, Ihnen die törichte Kinderzucht der hiesigen Damen noch weiter zu beschreiben. Genug, dass die jungen Mädchen die unerträglichsten Zieraffen und die Söhne entweder roh und ungeschliffen, oder auch fade Stutzer sind. M a r i e n s Geist und Herz ist zu edel, um an dieser Gesellschaft Geschmack zu finden; auch wird sie von diesen Weibern, für die sie freilich nicht