Beweis für die Güte der Mutter, wenn ihr Kind mehr an ihren Mägden als an ihr selbst hängt, und ich habe es auch mir immer zur Pflicht gemacht, meinen G u s t a v selbst zu warten: aber bei dreien Kindern ist es doch nicht möglich, ihre Wartung allein zu besorgen."
"Und warum nicht, meine Liebe? Mir ist es möglich gewesen. Freilich, wenn man sie an ein stetes Tragen oder Wiegen gewöhnt, so ist es nicht möglich. Aber das ist sehr lästig für die Mutter, und auch lange nicht so gut für die Kinder, als wenn man ihnen selbst den freien Gebrauch ihrer Glieder überlässt. Ich habe meine Kinder gleich anfangs auf ein Küssen auf die Erde gelegt, und sie da sich selbst überlassen."
"Aber verlangte denn das Kind nicht aufgenommen zu werden?"
"Weil es von Anfang an nicht anders gewöhnt wurde, so wusste es auch nichts Bessers. Aber einige Tage lang hielten mich unabänderliche Geschäfte von ihm so entfernt, dass ich selten bei ihm sein konnte, als wenn ich es saugen liess. Eine Tante, die bei mir war, hatte es, meiner Bitten ungeachtet, oft in der Zeit getragen, und nun wollte ihm das Liegen nicht mehr schmecken. Aber ich liess es – ungeachtet mir der Kummer seines kleinen Herzens in die Seele drang – ruhig liegen und schreien, bis es endlich vor Mattigkeit einschlief. Dieses versuchte ich einigemal, und es liess sich nicht einfallen, sich aufs neue wiederum durch unnütze Arbeit zu erschöpfen. Die Wartefrau und Tante schrien zwar über mich, und konnten nicht aufhören, den armen Wurm zu bejammern; mein Gesinde brachte mich in der ganzen Stadt in den Ruf einer unmenschlichen Grausamkeit; aber ich setzte mich über alles das hinaus, überzeugt, dass meine anscheinende Härte zu des Kindes wahrem Besten gereichte."
"Sollte denn das viele Liegen den Kindern nicht schädlich sein? Sie bedürfen doch so gut der Bewegung, wie wir."
"Ich habe Ihnen schon gesagt, dass der Mensch in diesen ersten Jahren bloss Tier ist. Und wer trägt wohl jemals die jungen Tiere? Und doch sind sie verhältnissmässig weit stärker als unsre Kleinen. Ich habe meine Kinder nur die ersten acht Tage, und doch nur des Nachts, ganz locker wickeln lassen. Ich habe. ihr Waschwasser mit jedem Tage weniger lauwarm machen lassen, so dass ich sie mit der dritten Woche schon ganz kalt badete. Ich hielt sie nur gerade so bedeckt, als es nötig war, um sie vor der äussersten Kälte zu schützen, gewöhnte sie stufenweise alle Arten von Luft zu ertragen, und auf diese Art wurden sie so stark, dass sie sich bald auf ihrem Küssen bewegten, und herunter zu kriechen anfiengen."
"Ich sehe an den geraden Beinen Ihrer Kinder, dass auch die Besorgniss ungegründet ist, als wenn das Kriechen ihre Füsse schief machte."
"Sie werden zuweilen wohl etwas krumm, aber das Manteltragen gibt ihnen eine noch ungleich schiefere Richtung. Und dann werden ihre Füsse von selbst gerade, wenn sie gehen lernen."
"Auch das haben ihre Kinder wohl von selbst gelernt. Aber sind sie nicht oft dabei gefallen?"
"Sie fielen anfangs sehr häufig, aber ohne Schaden zu nehmen; denn ihr Körper, sich selbst überlassen, hatte seine kleinen Glieder so gut brauchen lernen, dass sie sich immer zu helfen wussten, und diese Gelenkigkeit ihrer Glieder soll ihnen auch, hoffe ich, noch in der Folge gute Dienste tun. Ich hüte mich auch sehr, sie zu bedauern, und erschrocken zu tun, wenn sie fallen; denn dieses macht, dass sie weinen, nur selten verursacht es der Schmerz. Sollten sie einmal in Tränen ausbrechen, so muss man sie zuerst zerstreuen, und ihnen, wenn es notwendig ist, hülfe leisten, aber ja keine Aengstlichkeit, kein Bedauren, oder gar Unwillen auf den Gegenstand, über welchen sie fielen, merken lassen. Man muss aber ein Kind so wenig als möglich an fremde hülfe gewöhnen; denn es kommt ihnen in der Folge ihres Lebens sehr zu Statten, wenn sie darin geübt sind, sich stets selbst zu helfen. – Aber verzeihen Sie, dass ich Ihnen so viel von meinem Lieblingsgegenstande vorgeplaudert habe."
"Ich kann Ihnen nicht genug danken, dass Sie meine Begriffe über diese Materie so sehr aufgeklärt haben. Ich werde von nun an mit gedoppelter Sorgfalt über die Erziehung meines G u s t a v s wachen, und sollte es mir einmal an Geduld und Standhaftigkeit gebrechen, so komme ich zu Ihnen, meine Teure."
Diese liebe Frau antwortete mir mit vieler Güte, und trug mir ihre Freundschaft an, die mir unendlich viel wert ist. Wir kehrten unter den angenehmsten Gesprächen nebst unsern Kindern nach haus zurück, und ich konnte nicht unterlassen, Ihnen, liebe S o p h i e , meinen neu erworbnen Schatz mitzuteilen. Gott! wie ehrwürdig ist doch eine Mutter, die ihre Kinder gut erzieht! Ach diese kleinen unschuldigen Geschöpfe sind es gewiss wohl wert, dass man alles aufopfert, um für ihre Bildung zu sorgen. Menschen für die Ewigkeit zu erziehen, welch ein Gedanke! Gott! stärke mein Herz, an meinem kind dein grosses Beispiel gegen uns nachzuahmen. Entferne alles aus meiner Seele, was seine gute Erziehung hindern könnte, und reinige und bessre mein Herz, damit ich mehr durch Beispiel, als durch Lehren