. Rechnen Sie denn die Unpässlichkeit dieser Kleinen gar nicht?"
"Wenn das Kind von gesunder Leibesbeschaffenheit ist; wenn die Mutter es durch Mässigkeit vor Leibkneipen und Blähungen schützt; wenn sie durch kein festes Einwickeln seine kleinen Glieder zusammen presst; wenn sie alle Sorgfalt darauf wendet, es stets reinlich zu halten, und durch trockne Wäsche und öfteres kaltes Waschen es für Wundwerden zu hüten, und überhaupt bemüht ist, seinen Körper durch eine harte Erziehung abzuhärten: so glaube ich, dass es von keinen Schmerzen wird beunruhigt werden. Und wenn es ja ein unangenehmes Gefühl hätte, sagen Sie mir, können Sie dadurch, dass Sie es aufnehmen und hätscheln, seinen Schmerz vertreiben?"
"Das wohl nicht. Aber ich kann es doch dadurch zerstreuen."
"In der Tat, Sie sind eine gefährliche Gegnerinn. Ich denke aber doch, dass es besser ist, es gleich so zu gewöhnen, dass es zu seiner Zerstreuung und Belustigung so wenig als möglich fremder hülfe bedarf. Indessen will ich Ihnen nur meine eigne Schwäche gestehen. Mein W i l h e l m kränkelte vor kurzem an einem Stickhusten. Ich war so besorgt und zärtlich für ihn, dass ich allen seinen Einfällen während der Krankheit nachgab, und habe dafür das Misvergnügen, ihn jetzt – wie Sie erst gesehen haben – viel eigensinniger zu finden, als er sonst war."
"Wer könnte aber ein krankes Kind mit Härte behandeln?"
"Es ist allerdings schwer, und oft bat mich ein ihm gegebner Schlag eine heimliche Träne gekostet, und ich bin nur mit äusserster Mühe standhaft geblieben. Aber ist es nicht noch weit trauriger, wenn eine Krankheit in so kurzer Zeit den ganzen Bau verdirbt, den wir so mühsam aufführten? Wenn der Körper des Kindes gesund, aber seine Seele verdorben wird? Und das geschieht so leicht! Das Kind merkt, dass wir stärker besorgt, aufmerksamer auf seine Wünsche sind, als gewöhnlich; es macht einen Versuch, Sachen zu begehren, die man ihm sonst nicht würde erlaubt haben; es sieht, dass es ihm gelingt. Ein wunderliches Begehren folgt dem andern; alle werden erfüllt – und der kleine Tyrann ist da. Diesem kann man gewiss vorbeugen, wenn man sich auch in der Krankheit gleich anfangs seinen ungewöhnlichen Einfällen widersetzt. Ein gut erzognes Kind wird durch eine solche Verweigerung in kein heftiges Weinen, oder andre ähnliche Ausbrüche des Unwillens geraten, und wenn es also sieht, dass man es ganz so wie gewöhnlich behandelt, und seine Unarten eben so wie sonst bestraft, so wird die Krankheit gewiss keine nachteilige Veränderung in seinem Betragen bewirken. Ueberhaupt, dünkt mich, ist es sehr vorteilhaft für die Kinder selbst, wenn man sie daran gewöhnt, ihre Wünsche oft unbefriedigt zu sehen. Gewöhnt man sie, alle törichte Neigungen zu erfüllen: so macht man sie in ältern Jahren unglücklich. Denn es wird sich doch oft bei ihnen zutragen, dass Menschen oder Umstände nicht die unweise Nachgiebigkeit ihrer Eltern gegen sie haben, und dann werden sie unwillig und ungeduldig werden, und unfähig sein, das geringste Leiden zu ertragen."
"Ich fühle mit Beschämung, dass ich bisher nur schwach, und nicht mit weiser Zärtlichkeit gegen mein Kind handelte. Aber sagen Sie mir, meine Beste, woher haben Sie diese trefflichen Einsichten erlangt?"
"Ach Gott! die Einsichten machen es nicht allein aus. Man kann sie haben und doch zu schwach sein, ihnen gemäss zu handeln. Ueberhaupt ist es ein ganz andres Ding, idealische Erziehungsplane zu lesen, und ein Kind im Lauf des menschlichen Lebens wirklich zu erziehen. Ich war schon als Mädchen lebhaft davon überzeugt, dass es eine Torheit sei, ein Kind in den Jahren, wo es noch keine Vernunft hat, durch vernünftige Vorstellungen leiten zu wollen. In den ersten Jahren ist der Mensch bloss Tier, und muss durch sinnliche Gefühle geleitet werden. Ihn ohne Schläge erziehen zu wollen, wäre eben so töricht, als wenn ich einen Jagdhund – verzeihen Sie das Unedle des Gleichnisses – zu dressiren dächte, ohne den Stock zu gebrauchen. Es versteht sich, dass man nur wenn es notwendig ist, und ohne Hitze, schlagen muss. Aber ohne dieses Mittel ist es nicht möglich, dem kind Gehorsam gegen die Eltern einzuprägen. Und strenger Gehorsam muss die Hauptstütze der Erziehung sein. Von allem diesem also war ich – durch eine vortreffliche Frau, deren letzte Ausbildung ich genoss – (gesegnet sei ihre Asche!) – lebhaft überzeugt, und doch kostete es mich viel, meiner überzeugung gemäss zu handeln; ich war einigemal im Begriff, zu der so guten Metode, ein ungestüm weinendes Kind zu schlagen, die sehr unvernünftige hinzuzusetzen, es aufzunehmen, wenn es fortfuhr, oder sich fest um meine Knie klammerte. Aber Dank sei es meinem vernünftigen Mann, dass er meiner Schwäche widerstand!"
"Aber wird nicht die Neigung des Kindes durch solche harte Mittel von der Mutter abgewandt?"
"Das war auch meine Besorgniss. Allein ich habe sie dadurch vernichtet, dass ich mich selbst zur einzigen Wärterinn meiner Kinder machte, sie fütterte, kurz, dass ich auch das, was sie vergnügte, durch niemand anders ihnen tun liess, als durch mich, und dafür hängen auch meine Kinder mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an mir. Ich würde es auch nicht ertragen können, wenn sie ein Dienstmädchen oder sonst jemand mehr liebten als mich."
"Es ist mir auch immer ein schlechter