so kurz ist, und dass ich nicht Zeit habe, Ihnen mehr zu schreiben, als die Versichrung, dass es mich unaussprechlich freut, Sie und Ihren K a r l s h e i m so glücklich zu sehen, als Sie beide es zu sein verdienen. Ich bitte Sie recht sehr, liebe J u l i e , machen Sie mir doch ja kein Verdienst mehr aus einer Handlung, die nichts mehr als meine Pflicht war, und deren Unterlassung mich unter die niedrigste Klasse der Menschen würde gesetzt haben. Leben Sie wohl, meine teure Freundinn, und lieben Sie immer so zärtlich wie jetzt
Ihre
Sophie.
Funfzigster Brief
Julie an Sophien
Heute habe ich Stoff genug zu ernstaften Betrachtungen; und wenn Ihnen, liebste Freundinn, etwas daran liegt, so will ich Ihnen denselben gern mitteilen, nebst der angenehmen Art, wie ich dazu gekommen bin. Mein G u s t a v liegt schon in süssem Schlummer; – eben bog ich mich über sein Bettchen, und sah mit Entzücken den schuldlosen Ausdruck der Ruhe und Zufriedenheit auf seinem kleinen gesicht. – Mein K a r l s h e i m ist heute bei dem Hofrat G. zu gast. Ich fühle diesen Abend einen besonderen Trieb mit meiner S o p h i e zu schwatzen. Sehen Sie, meine Liebe! Aussichten genug, Sie mit einem lange Briefe zu bedrohen.
Ich ging heute Nachmittag unsern gewöhnlichen Weg spazieren, bloss von meiner treuen L i e s e , welche meinen Kleinen trug, begleitet. Dieser Weg führt auf lauter schönen Wiesen an der Krümmung eines breiten Bachs hin. Ist man so eine halbe Stunde gegangen, so kommt man durch ein kleines Buschwerk in eine artige Weidenallee, welche zu der Mühle führt, die Ihnen bekannt sein wird. Dann pflege ich gewöhnlich in einer Laube am wasser Platz zu nehIch stutzte ein wenig. Sie aber kam mir gleich mit h e l m – ein Kind von fünf Vierteljahren, begehrte etwas, das er nicht haben sollte, und fing an zu weinen. Man hörte gar nicht auf ihn. Als er stärker schrie, gab ihm seine Mutter ein paar Schläge mit der Rute, und legte ihn ganz gelassen in eine entfernte Ecke. Ich erwartete nun ein verdoppeltes Weinen. Aber weit gefehlt. Er schwieg augenblicklich still, kam zu seiner Mutter – er fängt eben an zu gehen – und flehte mit den schmeichelndsten Geberden sie an, ihn auf den Schooss zu nehmen. Sie wies ihn ab; er zog ein weinerliches Gesicht; sie drohte ihm mit dem Finger, sagte ein ernstaftes W i l h e l m ! und der Junge spielte auf der Erde so vergnügt, wie vorher.
"Ich bewundre Ihre Standhaftigkeit, Frau Kriegsrätinn. Ich muss gestehen, dass ich es nicht so weit gebracht habe, und dass mir der jetzt mit Macht wachsende Eigensinn meines G u s t a v s viel sorge macht."
"Glauben Sie mir, meine Liebe, es ist kein besseres Mittel, diesen Eigensinn gleich früh zu unterdrücken, als wenn man dem kind gar keine Achtsamkeit auf sein Weinen zeigt."
"Aber, mein Gott, wie ist das möglich? Die Tränen eines so hülflosen Geschöpfes zu sehen, ohne sie zu trocknen! Ich muss gestehen, dass das Weinen eines kleines Kindes oft die stärksten Vorsätze seiner Erziehung in mir zernichtet hat."
"Diese Weichheit dient gewiss nur dazu, dem Uebel einen Augenblick abzuhelfen, um es nachher desto stärker zu machen. Das Kind wird bald den Eindruck merken, den seine Tränen auf Sie machen. Es wird bald Dinge fodern, welche Sie ihm ohne den grössten Nachteil nicht gewähren können, und wird alsdann bei jeder Verweigerung in das gellendste Geschrei ausbrechen."
"Aber ein starkes Schreien kann doch der Gesundheit gefährlich werden?"
"Das ist der Deckmantel, unter dem sich gewöhnlich die Schwäche der Mütter verbirgt. Ich habe über diesen Punkt mehrere ärzte befragt, und immer die Antwort erhalten, dass das Weinen einem kind nicht schade, wenn es nicht allzuheftig und oft wiederholt würde, und auch dann schade es ihm nur äusserst selten. Man kann das ja auch an den Kindern sehen, die, aller Verpäpelung ungeachtet, doch oft mehrere Stunden hinter einander schreien, ohne nachteilige Folgen für ihren Körper davon zu haben. Und dann, meine Beste, kann ich Ihnen aus der Erfahrung bezeugen, dass ein Kind, welches man anfangs einigemal vergeblich weinen liess, eines solchen heftigen Geschreis gar nicht fähig ist, da hingegen ein solches, dem man immer nachgiebt, gar wohl im stand ist, wenn ihm einmal etwas verweigert wird, so heftig zu weinen, dass es aus Bosheit Verzuckungen bekömmt und ganz blau wird, wie ich schon mehrmal gesehen habe, und das kann denn wohl freilich der Gesundheit schaden, ob gleich immer auch in diesem Fall die Rute das beste Mittel bleibt."
"Ich sehe freilich wohl ein, dass diese Zärtlichkeit falsch ist, und dem kind selbst sehr nachteilig wird; aber sagen Sie mir, beste Frau, wie wollen Sie unterscheiden, ob ein ganz kleines Kind aus wahrem Bedürfniss oder aus Eigensinn weint? Und im ersten Fall werden Sie selbst es doch wohl für hart halten, ihm nicht beizustehen."
"Allerdings. Aber bei einem kleinen kind sind die Bedürfnisse bloss Hunger, Schlaf und Reinlichkeit. Diese muss ich immer befriedigen und – –"
"Verzeihen Sie, dass ich Sie unterbreche