haben. Sie freute sich sehr über meine Ankunft; aber selbst in ihrer Freude war etwas Krankes. O! hätte sie etwas mehr Gewalt über ihr Herz und weniger Empfindsamkeit: so wäre sie ein unverbesserliches Muster für unser Geschlecht. Sie hat die grösste Anlage zum edlen und Guten, und würde täglich die herrlichsten Handlungen verrichten; nur Schade, dass sie vor allzuvielem Gefühl selten zum Handeln kommt.
Ich werde alles Mögliche anwenden, sie zu zerstreuen, und ihren Geist auf andre Gegenstände zu leiten; aber ich fürchte fast, dass ich vergebens arbeiten werde, denn E d u a r d sitzt zu fest in ihrer Seele. Wäre er ihrer wert, so würde ich ihr noch eher verzeihen; aber einen Ungetreuen, der sie so bald vergessen konnte, noch nach Jahren zu lieben, durch das blosse Lesen eines ehemals von ihm geschriebnen briefes wiederum so zu ihm hingezogen zu werden, als wären sie beide im stärksten Zeitpunkte der Liebe, das kann ich meiner M a r i e , so sehr ich sie auch liebe, nicht vergeben. Ich muss diese Gedanken sorgfältig vor ihr verbergen.
Heute beleidigte ich sie dadurch, dass ich etwas davon gegen sie äusserte. Mit Tränen verliess sie das Zimmer, und ich machte mir selbst den Vorwurf, dass ich vielleicht nicht fein genug in der Behandlung eines leidenden Herzens gewesen war. Von ihrem Kummer durchörungen, folgte ich ihr nach, und wollte sie durch die zärtlichsten Bitten wieder beruhigen; aber ehe ich zum Reden kommen konnte, warf sie sich um meinen Hals, und bat mich, ihr zu verzeihen, wenn sie mich durch ihre schleunige Entfernung beleidigt hätte. Sie fühle leider, dass meine Vorwürfe nur allzugegründet wären, und beweine die Schwäche ihres Herzens.
Ich schreibe Ihnen des Nachts; denn ich habe mir vorgenommen sie bei Tage nicht zu verlassen, um die schädlichen Folgen zu verhüten, welche die Einsamkeit bei ihr hervorbringen möchte. Schreiben Sie mir doch ja bald, liebste J u l i e , grüssen Sie Ihren Mann, und küssen Sie Ihren allerliebsten Jungen von mir. Ich bin stets mit grösster Zärtlichkeit
die Ihrige
Sophie.
Achtundvierzigster Brief
Julie an Sophien
Könnte ich Ihnen doch alle Empfindungen meines Herzens gegen Sie schildern, Teuerste! Welch ein lebhaftes Gemälde der innigsten Liebe und Dankbarkeit würden Sie dann bekommen! Allein so haben Sie allzugrossmütig sogar den Ausbruch dieser Empfindungen in meinen Briefen mir untersagt, und ich muss mich Ihren Befehlen unterwerfen. Aber in der stillen Einsamkeit, oder bei dem Gefühl, dass wir jetzt unaussprechlich glücklich sind, segnen wir gemeinschaftlich die edle S o p h i e , die Schöpferinn unsers Glücks. K a r l s h e i m s Herz hat sich ganz wieder zu mir geneigt; er ist der zärtlichste, beste Gatte gegen mich, und unsre Ehe wird gewiss immer glücklich bleiben.
Ich bin hier noch nirgends zum Besuch gewesen. Wir wollen erst die häufigen Stadtgespräche über uns etwas verrauchen lassen, und alsdann unsern Umgang doch nur auf sehr wenige einschränken. Ich bin gar nicht für grosse Gesellschaften und Zerstreuungen, sondern finde mehr Vergnügen daran, die stillen Pflichten der Mutter und Hausfrau zu erfüllen, und in meinem häuslichen Kreise das Glück meines Lebens zu finden.
K a r l s h e i m denkt hierinn mit mir einstimmig. Die rauschenden Freuden der grossen Welt haben auch für ihn keinen Reiz. Wenn ihm von seinen Geschäften Zeit übrig bleibt, so mag er sie lieber zu einsamen Spaziergängen anwenden, auf welchen wir nur von unserm kleinen Gustav begleitet werden. Alsdann gehen wir auf einem schönen Wege nach einem etwas entlegnen dorf, wo wir bei einer Schaale Milch oder einem andern ländlichen Gerichte, im Schatten einer dunkeln Linde verzehrt, königlich vergnügt sind. Unterwegs unterrichtet mich mein Mann in der Naturgeschichte und andern solchen Kenntnissen, die mir notwendig sind, um meinem Vorsatze gemäss die Erziehung meines Knaben so lange als möglich allein zu besorgen. In dieser Rücksicht danke ich es meinem Vater, dass er mich in allerlei Dingen unterrichtete, die man sonst nur dem männlichen Geschlechte beizubringen pflegt; was ich davon vergass, werde ich durch Lesen zweckmässiger Bücher nachzuholen suchen.
Leben Sie wohl, beste, edelmütige Freundinn! Ich wünsche, dass Ihre Bemühungen, Ihre leidende M a r i e zu beruhigen, von dem besten Erfolg sein mögen. K a r l o h e i m küsst Ihnen ehrerbietigst die Hand.
Julie Karlsheim.
Neunundvierzigster Brief
Sophie an Julien
Unsre arme M a r i e leidet noch immer sehr. Es ist mir aber doch schon gelungen, sie um vieles ruhiger zu machen; aber, sie ganz zu beruhigen, das werden ihre gar zu hoch gespannten Empfindungen wohl nicht zulassen.
Ich suche sie so viel möglich zu zerstreuen: ich habe sie auch ein paarmal bewogen, mit mir in Gesellschaft zu gehen; aber ich sehe, dass dieser Weg nicht der rechte bei ihr ist. Ernstafte Betrachtungen über allerlei Materien machen noch den grössten Eindruck auf sie, und sind in guten Stunden ihre liebsten Unterhaltungen. Sie würden mich sehr verbinden, liebste J u l i e , wenn Sie mir in Ihren Briefen Stoff zu dergleichen geben wollten. Es würde von grossem Nutzen für meine Freundinn sein, wenn ich sie so oft als möglich zum Nachdenken über solche Gegenstände bewegen könnte. Die lebhaften Erinnerungen an ihren E d u a r d würden dadurch etwas verbannt werden.
Verzeihen Sie, dass mein B r i e f diesesmal