, machen ihn zum angenehmsten Gesellschafter. Er ist nun schon vierunddreissig Jahre Prediger in diesem dorf, welches wegen der schlechten und rauhen Lebensart seiner Einwohner bekannt war. Er hatte erst einige saure Jahre; aber zuletzt gelang es ihm, durch unermüdeten Fleiss, durch stete Leutseligkeit, und vorzüglich durch seinen frommen Wandel, die Herzen seiner Bauern zu gewinnen. Er ging oft selbst zu ihnen, erzählte von seinen Universitätsjahren, von seinen Reisen, und, ohne dass sie selbst seine Absicht merkten, wusste er beständig gute Lehren in seine Erzählungen zu mischen, und so besserte er zugleich ihr Herz, und klärte ihren Verstand auf. Seine Predigten waren stets fasslich, und griffen an das Herz. Im Anfange gingen die Bauern selten zur Kirche, jetzt aber war es ein Wunder, wenn Sonntags mehr als einer in einem haus zurück blieb. Man konnte dann gewiss auf eine Krankheit rechnen.
Der Kranken nahm sich die Frau Pastorinn vorzüglich an. Sie pflegte und wartete sie selbst mit unermüdeter Sorgfalt, erquickte sie durch stärkende speisen, und war bemüht die Vorurteile auszurotten, welche gewöhnlich die Krankheiten dieser Leute hartnäckig zu machen pflegen.
Auch in der Kinderzucht machte sie manche heilsame Veränderung. Die Kinder waren bisher bis ins zwölfte Jahr ganz ohne Aufsicht, wie das liebe Vieh, umher gelaufen, und wussten, wenn sie confirmirt wurden, kaum die zehn Gebote und die drei Glaubensartikel papageienmässig herzuplappern. Der Pfarrer setzte einen wackern Schulmeister her, der die Kinder treu und gut unterrichtete, und sie lesen lehrte. nachher machte er selbst ihnen die heiligen Wahrheiten unsrer Religion bekannt; er brachte ihnen auch in einer andern Stunde die nötigen Kenntnisse vom Feldbau bei, und lehrte sie oft in Spaziergängen aufs freie Feld die Weisheit und Grösse des Schöpfers bewundern.
Die Frau Pastorinn lehrte zu gewissen Stunden des tages die Mädchen allerlei weibliche arbeiten, und sie hat die jungen Bäuerinnen wirklich so weit gebracht, dass sie jetzt jährlich durch Weissnähen grosse Summen aus der Stadt verdienen. Auch verfertigen sie alle ihre Kleidungsstücken selbst, und sogar der Mannspersonen ihre.
"Aber – so unterbrach ich sie – wo nehmen sie denn die Zeit dazu her? Leidet nicht die Haushaltung und die Feldarbeit darunter? Ihr Einwurf, meine Liebe, ist sehr vernünftig. Wenn nicht die Zeit zu solchen arbeiten auf eine andre Art erspart würde, so wären diese Beschäftigungen sehr schädlich für meine Landleute, und der Gewinn ihrer Arbeit würde lange nicht hinreichen, den Schaden zu ersetzen, der aus der Vernachlässigung ihrer Haushaltung entstünde. – Sonst brachten die Bäuerinnen wöchentlich drei halbe Tage damit zu, um dem wollüstigen Städter an den Wochenmärkten die Lebensmittel aus ihrer Haushaltung zuzutragen, die sie oft sich selbst entzogen. Dieses hat viele schädliche Folgen für sie. Sie nehmen dadurch manche üppige Stadtsitte an, sie werden zum Wohlleben gewöhnt, lernen allerlei Bedürfnisse kennen, von denen sie vorher nichts wussten. Wenigstens ein Drittel dessen, was sie lösen, wird für Näschereien oder andre eben so entbehrliche Dinge ausgegeben. Sie bekommen Geschmack am Müssiggehen und Herumschlendern, und entblössen ihre Haushaltung von allerlei nötigen Sachen, die sie selbst brauchen müssten, teils aus Geldgier, teils um nur einen Vorwand zu haben, nach der Stadt zu gehen, mancher andern schädlichen Folgen nicht einmal zu gedenken. Es hat mir unsägliche Mühe gekostet, diesen üblen Gebrauch abzustellen; aber endlich bin ich doch, mit hülfe meines Mannes, durchgedrungen."
"Aber wo lassen denn die Bauern das, was sie überflüssig haben? Oder bauen sie nicht mehr Früchte als sie brauchen?"
"Gerade umgekehrt. Sie bauen mehr zum Verkaufe als sonst. Jeder sammelt seine Eier, seine Butter, seine Gartenfrüchte, und was er sonst Entbehrliches hat, zusammen. Alle Monate gehen zwei Fuhren von hier ab, nach einer Stadt, die eine Stunde weiter von hier entfernt liegt, als die, nach welcher sonst die Bauern gingen, und in der man die Victualien nicht so teuer bezahlte. Auf diesen Wagen packt nun jeder seinen Vorrat besonders zusammen. Zwei bejahrte Männer und Frauen, welchen die Dorfschaft dafür eine gewisse kleine Einnahme gibt, und die wegen ihrer Ehrlichkeit bekannt sind, fahren mit, und verkaufen die Sachen. Ein jeder bekömmt das, was aus seinem Vorrate gelöset ist, und hat den Vorteil, das Geld auf einem Haufen einzunehmen, das er sonst groschenweise einnahm, und wieder durch die Finger gehen liess, ohne grossen Nutzen davon zu haben. So aber, da er mehr auf einmal einnimmt, wendet er das Geld an, die grossen Punkte seiner Ausgaben damit zu bestreiten und vertändelt nichts davon. Die Weiber bringen die Zeit, welche sie sonst zu ihren Wanderungen nach der Stadt brauchten, mit Nähen zu, und auch die kleinen Kinder, die sonst sehr lange müssig herum liefen, werden gleich früh zur Arbeitsamkeit gewöhnt.
Auch den Juden, und den herumziehenden Galanteriekrämern, die sonst unsern Landleuten manchen Groschen und Taler für unnütze Waaren abschwatzten, und ihnen für ihr baares Geld den Ausschuss dessen gaben, was der Städter nicht wollte, haben wir den Eingang verschlossen. Dasjenige, was unsre Einwohner an Kleidungsstücken notwendig brauchen, lasse ich in Quantität kommen, und sie stehen sich viel besser dabei. Dieses ist aber ein seltner Fall; denn die meisten Kleidungsstücke, die hier die Männer und Weiber tragen, bestehen aus Zeugen, die ich sie selbst machen lehrte, und die, ihrer Stärke und ihres guten Aussehens wegen, auch ausserhalb dieses Dorfs von ihnen verkauft werden.