1784_Liebeskind_067_45.txt

F r i e d r i c h lag ganz zerquetsche da, gab aber doch noch Zeichen des Lebens von sich. Ich machte ihm Umschläge von warmem Wein, und schickte nach einem Chirurgus. Dieser gibt zwar Hoffnung zu seiner Genesung, aber ein Bein wird er wohl verlieren. Der arme Kerl! Es war eine gute treue Seele; sein Schicksal geht mir nahe. Denn wenn auch mein Onkel für seinen lebenslangen Unterhalt sorgt, so ist doch nichts vermögend, ihm den Verlust seiner Gesundheit zu ersetzen.

Ach! man sollte doch ja stets gut und liebreich gegen Dienstboten sein. Diese armen Leute müssen sich für uns so manchen Gefahren ausfetzen, und doch belohnen wir sie gewöhnlich nur mit Härte und Unterdrückung, sind so besorgt, Ihnen jede kleine Lebensfreude zu verbittern, und sie stets die tiefe Abhängigkeit fühlen zu lassen, in der sie gegen uns stehen. Ein liebreiches und sich immer gleiches ernstes Betragen würde uns die Herzen dieser armen Menschen gewinnen, und weit besser auf sie wirken, als die grosse Strenge, mit der wir gegen sie verfahren. Aber leider sind sie der Gegenstand, an dem man gewöhnlich jede üble Laune auslässt; und indem manche oft zu andern zeiten allzugrosse Vertraulichkeit gegen sie hegen, und ihnen Geheimnisse aller Art anvertrauen, machen sie dieselben falsch und niederträchtig, und setzen sich allen Folgen der Geschwätzigkeit ihres Gesindes aus. Es ist wahr, es ist sehr schwer, die Mittelstrasse zwischen Familiarität und zu grosser Entfernung zu halten. Beides verdirbt gleichviel.

Ich glaube, man muss mit seinen Leuten nicht mehr reden, als die Umstände nötig machen, aber dieses Wenige mit Güte und Sanftmut. Man muss sie nie zu Vertrauten seiner eignen Handlungen machen, wohl aber in den ihrigen ihnen mit Rat beistehen. Man muss nie befehlen, ohne erst den Befehl gehörig überlegt zu haben, damit man nicht oft nötig hat zu widerrufen; dadurch verliert er sonst den Eindruck, und wir geraten bei ihnen in Verdacht, dass wir ohne Grund befehlen, und bloss unsern Launen folgen, und dieses macht sie unwillig uns zu gehorchen. Man muss ihnen aber doch auch zu zeiten erlauben, uns in Dingen, worinn sie mehr Erfahrung haben, als wir, mit Bescheidenheit Gründe anzuführen, wenn ihnen das, was wir befohlen, nicht vorteilhaft für uns scheint. Und alsdann muss man auch nicht hartnäckig sein, ihrem Rate zu folgen, wenn er wirklich gut ist. Dieses hat für uns einen vorzüglichen Nutzen, wenn wir Neuerungen oder Abweichungen ihrer gewöhnlichen Art zu handeln von Ihnen fodern, weil uns alsdann ihre Einwendungen gelegenheit geben, sie desto besser von unsrer Sache zu überzeugen. Merkt man aber, dass sie sich uns aus blossem Eigensinn und Verdrossenheit widersetzen, so muss man sie strenge anhalten, uns genaue Folge zu leisten.

versehen sie etwas, so verweise man es ihnen nach Maassgabe des Fehlers, doch ohne Schimpfreden; denn diese erniedrigen uns bis zu ihnen, oft unter sie, machen uns verächtlich, und dienen nur, sie zu erbittern und boshaft zu machen. Uebrigens halte man sie gut im Essen und Trinken, gebe ihnen einen guten Lohndenn das sind die Dinge, die vorzüglichen Eindruck auf sie machen, weil alle ihre Handlungen hauptsächlich durch sinnliche Gefühle geleitet werdenhalte sie aber auch dafür zu strenger Ordnung und Arbeitsamkeit in Geschäften an. Man gewöhne sie durch sein Beispiel zur Reinlichkeit; man halte sie zu den Uebungen der Religion an, und zeige ihnen, dass man s e l b s t Gott von ganzem Herzen verehrt. Beobachtet man dieses Betragen, so wird man gewiss selten Klagen über das Gesinde zu führen brauchen. –

Ich sehe Ihr Erstaunen über meine Weisheit, liebe J u l i e , denn man ist sonst eben nicht gewohnt, dergleichen ernstafte Betrachtungen aus meinem Gehirne kommen zu sehen. Ich will Ihnen auch nur lieber gleich gestehen, dass ich mit einem fremden Kalbe gepflügt habe, und dass ich Sie nur überraschen wollte. hören Sie also an:

Wir gingen, wie ich Ihnen schon erzählt habe, in ein Bauernhaus. Aber dieses Haus hatte nur eine stube, und diese stube war so voll von Alten und Kindern, von Knechten und Mägden, dass es unmöglich war, noch ein Plätzchen für uns darin zu finden.

"Ist denn hier im dorf kein gutes Wirtshaus? fragte mein Onkel."

"Nein! für vornehme Leute ist es wohl eben nicht eingerichtet, denn es trifft sich sehr selten, dass jemand hier ein Nachtlager sucht."

"Weisst du was, Christoffel, – sprach die Fraubring sie hin nach der Pfarre. Da unser Pastor und die Frau Pastorinn so liebreich gegen unser einen sind, so werden sie es ja auch gegen diese Fremden sein. –"

Nun sprachen auf weiteres Nachfragen meines Onkels alle die Bauern mit solcher Ehrfurcht und Liebe von ihrem Pfarrherrn, dass wir begierig wurden, diese Familie kennen zu lernen. Wir liessen uns also hinführen. Sie schienen eben zu Bette gehen zu wollen; als wir aber den Unfall erzählten, der uns hergeführt hatte, empfiengen sie uns sehr freundlich. Die Pastorinn besorgte reine Wäsche und trockne Kleider für uns, und war so gütig, uns mit einer stärkenden Suppe, die sie sehr geschwind verfertigte, zu erquikken.

Der Pfarrer ist ein Mann von sechzig Jahren, aber noch so stark und munter, als wäre er erst vierzig. Eine stete Heiterkeit, ein heller Verstand, Kenntnisse mit Erfahrung vereinigt