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und hörte.

Amalie.

Fünfundvierzigster Brief

Wildberg an Amalien

Ich nehme den grössten Anteil an Ihrem Kummer, A m a l i e . Der Rückfall von der Baronesse zum bürgerlichen Mädchen mag nicht der angenehmste sein. Sie hätten sich mit Ihrem jungen Herrn Baron hurtiger expediren sollen, ehe Ihnen die Alten in die Queer hätten kommen können. Dass die verschlagne A m a l i e nicht merkte, warum man mit ihr aufs Landgut reiste, wundert mich sehr.

Sehen Sie, dieser spöttische Tonden ich gern

noch weiter fortsetzte, wenn ich Sie nicht zu sehr zu beleidigen fürchteteist Wiedervergeltung für das, was Sie mir von M a r i e n schrieben. Ein Frauenzimmer kann so wenig von dem andern urteilen, als der Blinde von der Farbe; denn ihre Augen, so hell sie auch sonst sehen mögen, werden in diesem Fall immer von einerlei Leidenschaften geblendet. Also wundert es mich gar nicht, Sie über M a r i e n spotten zu hören. Um eben so aufrichtig zu sein, wie Sie, muss ich Ihnen auch offenherzig gestehen, dass ich oft über mich selbst spotte, und nicht begreifen kann, wie es möglich ist, dass ich ein Frauenzimmer von M a r i e n s Art schon seit so langer Zeit mit der grössten Heftigkeit liebe, dass ich auch noch jetztob ich gleich aufs bitterste von ihr beleidigt bin, ob ich gleich in meinem Herzen ihr die stärkste Rache schwurdennoch zu zeiten ihren Besitz wünschen kann.

A l b r e c h t ist verreiset. Er trug mir auf, während seiner Abwesenheit oft zu seiner Frau zu gehen. "Sie wäre seit einiger Zeit sehr melancholisch, ich möchte doch suchen, ihren Kummer zu erforschen und zu zerstreuen; denn das weinerliche Wesen hasse er bis in den Tod."

Der Tropf! Er wusste nicht, dass er den B o c k zum Gärtner machte, und dass es gewiss nicht an mir lag, wenn er ohne Hauptschmuck von seiner Reise wiederkehrte. Ich benutzte die gelegenheit M a r i e n zu sehen sehr häufig. Ich sparte keine Bitten, keine Schmeicheleien, sogar wusste ich Tränen aus meinen Augen zu pressen. Alles umsonst. Sie war taub gegen meine Bitten, hörte mit verächtlichem blick meine Schmeicheleien, und blieb bei meinen Klagen und Tränen fühllos. Dieser Widerstand erhitzte mich nur noch mehr. Als mein Flehen nichts half, versuchte ich Gewalt. Ich wollte sie in meine arme schliessen. – Sie sass auf einem Kanapee, welches mir auch noch zu andern Liebkosungen bequem schien, zu denen ich bei ihr hinaufzusteigen hoffte; – aber, hilf Himmel, mit welch einem Wesen riss sie sich los! Sie gab mirkaum kann ich vor Wut diese verdammten Worte schreibeneine Ohrfeige und ging aus dem Zimmer. Beinahe schäumend ging ich fort, und schwur mich zu rächen, es koste auch was es wolle. Und diesen Schwur will ich halten. Diess ist die erste Ohrfeige, die ich bekam, und du sollst sie teuer büssen. Zorn und Rache haben meine Liebe überwältigt. Du sollst sehen, was W i l d b e r g vermag, wenn man ihn aufbringt!

Ich habe da so einen Plan, A m a l i e , der Sie auch mit angeht. Wir wollen mündlich davon reden. Sie werden aus der Beilage sehen dass ich es aus Ursachen für besser halte, wenn Sie sich eine halbe Viertelstunde von der Stadt bei der witwe A. eine wohnung mieten. Diess ist wirklich weit besser als in der Stadt selbst, und erweckt Ihnen, ausser den Ihnen bekannten Gründen, weit besser den Ruf einer anständigen eingezognen Lebensart; denn da Ihre Tante tot ist, können Sie doch, als ein lediges Frauenzimmer, nicht mit Anstand eine wohnung hier beziehen.

Ich werde Ihnen eine Stunde weit entgegen kommen, und freue mich sehr, Sie wieder zu sehen. Ich bin heute gar nicht in der Laune einen langen Brief zu schreiben, glaube auch übrigens, dass Ihre eignen Gedanken weit mehr vermögend sein werden, Sie auf Ihrer Reise zu beschäftigen, als mein Brief.

Der Ihrige

Wildberg.

Sechsundvierzigster Brief

Sophie an Julien

Ihre zärtliche Freundschaft, meine J u l i e , ist gewiss bei dem heftigen Gewitter für mich besorgt gewesen. Wir bekamen es auch wirklich unterwegs. Bei unsrer Abreise war der Himmel so schön und heiter, dass auch wir diese Stimmung annahmen. Auf einmal erschienen Wolken. Es wurde fürchterlich dunkel; die Arbeiter eilten alle von den Feldern; sogar die Vögel schienen in ihre Wohnungen zu fliehen. Wir stiegen aus, und indem zersplitterte ein starker Schlag die majestätische alte Eiche, unter deren Zweigen wir Schutz suchten. Unsre Pferde wurden flüchtig, und liefen mit dem Kutscher und Wagen davon.

Ich war ganz betäubt, und mein Onkel schleppte mich mit vieler Mühe fort, um mit mir auf ein Dorf zu kommen, welches wir vor uns liegen sahen. Es fiel ein starker Platzregen, der den Erdboden so glatt machte, dass ich bei jedem Schritt wieder zurücksank. Endlich kamen wir abgemattet und durchnässt in einem Bauernhause an. ungeachtet es schon dunkel war, sandten wir doch gleich einen Botender sich freilich nur durch vieles Bitten und Geld dazu brauchen liessnach unserm Kutscher und Wagen aus. Man fand beides am fuss eines steilen Bergs, den die Pferde herunter gestürzt waren. Der arme