Der geheimde Rat kam mir entgegen.
"Können Sie mir verzeihen, teuerster Mann?
"O! reden Sie nicht von Verzeihen, lieber E d u a r d ! Ich verehre Ihre Treue gegen Ihre Geliebte. Aber warum waren Sie so geheim mit Ihrer geschichte? Hätte K a r o l i n e Ihre Lage gewusst, so würde sie ihr Herz vor dem Eindruck der Liebe bewahrt haben; auch ich hätte dann ihre aufkeimende Neigung gleich anfangs erstickt."
"Wenn meine Unvorsichtigkeit traurige Folgen für K a r o l i n e n s Ruhe haben sollte, so würden mich diese Vorwürfe ewig quälen; aber ich fürchte nicht, dass mich der Himmel so hart strafen wird."
"Ich fürchte für ihr empfindliches Herz. Doch, Mädchenliebe kommt und geht. Ich hoffe, dass auch meine Nichte sich in die Umstände wird zu finden wissen. Aber dieser verunglückte Plan hebt meinen ersten Entwurf nicht auf. Ich trug Ihnen die Bedienung nicht an, um dem Gatten meiner Nichte eine Versorgung zu verschaffen, sondern um den Platz mit einem Mann zu besetzen, dem ich die Geschicklichkeit zutraue, ihm gut vorzustehen."
Ich wurde von seinem Edelmut durchdrungen, und erzählte ihm aufrichtig die ganze geschichte, meine vorhabende Reise, und die Schwierigkeit, dass M a r i e mir hieher folgen würde. Er schüttelte den Kopf:
"Lieber Sohn, Sie können vielleicht glauben, dass die Liebe zu meiner Nichte mich so reden lässt, aber ich kann es Ihnen nicht bergen: Ihr Entschluss scheint mir unüberlegt. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Sie ein Mädchen, von dem Sie in drei Jahren nichts hörten, noch treu, noch auf sich wartend finden werden."
"Sie kennen die standhafte Seele meiner M a r i e nicht. Unsre Liebe war kein Bündniss des Eigennutzes, oder sinnlicher Triebe; es war die Vereinigung zweier Seelen, die es fühlen, dass sie ganz Eins sind, dass keins ohne das andre leben kann, ohne sich von sich selbst getrennt zu glauben."
"Hätte ich Ihnen doch nicht so viel Empfindsamkeit zugetraut" – (sagte er mit einem Lächeln, das bei jedem andern mich würde beleidigt haben, bei ihm aber schmerzte es mich bloss –) Es wäre grausam, Sie von Ihrem Vorsatz abzuhalten. Reisen Sie ab, sobald es Ihnen beliebt, und ich wünsche aufrichtig, dass Sie die Gebieterinn Ihres Herzens Ihren Wünschen getreu finden mögen. –"
Ich antwortete bloss mit einer Verbeugung, und eilte auf mein Zimmer, voller Schmerz, mich so von ihm verkannt zu sehen; denn dieses musste ich aus dem zweideutigen Ton und gesicht schliessen, mit dem er die letzten Worte sagte. Mags doch sein! Es verkenne mich die ganze Welt, beurteile meine Handlungen falsch, nenne mich immerhin einen empfindsamen Schwärmer; ein blick von dir, meine M a r i e , wird für das alles mich schadlos halten. Was kümmert mich die Welt mit allen den kalten fühllosen Menschen, die drauf herum wandeln? Wenn du nur mich liebst! Wenn nur eine Träne von dir meine treue Liebe segnet, so bin ich unaussprechlich glücklich!
Ich werde morgen in aller Frühe hier abreisen, ohne K a r o l i n e n zu sehen. Eine Zusammenkunft würde uns beide verlegen machen. Möchte doch das gute Mädchen ihr Herz beruhigen, und einen andern Gegenstand finden, der ihre Liebe besser zu schätzen weiss als ich!
Der Gedanke, nun bald meine M a r i e wieder zu sehen, bringt mein ganzes Wesen in Wallung. Wäre ich nur erst bei dem himmlischen Geschöpfe! Wie unerträglich langsam werden mir die Tage während der weiten Reise schleichen! O! ginge sie so schnell wie meine Wünsche: so läge ich schon jetzt zu ihren Füssen.
Eduard.
Vierundvierzigster Brief
Amalie an Wildberg
Der verwünschte alte Geck nebst seiner hochweisen Frau gemahlin! Mir einen solchen Queerstrich durch meine Rechnung zu machen! Alle meine Plane sind vereitelt. Womit mag ich wohl das Schicksal beleidiget haben, dass es immer meine Absichten vernichtet, wenn ich der Erfüllung so nahe bin? Doch, wenn Sie mich verstehen sollen, muss ich Ihnen wohl eine umständlichere Erzählung machen. Wir sind ja nun einmal durch sonderbare Umstände seit andertalb Jahren vertraute Freunde geworden, und haben seit der Zeit keine Geheimnisse mehr für einander gehabt.
Ich schrieb Ihnen doch vor einiger Zeit von dem jungen Baron L . dem Vetter meiner gnädigen Frau. Er ist ganz gut gebildet, ist der einzige Erbe eines reichen Vermögens, hat nur gerade so viel Verstand, als er braucht, um dereinst den Befehlen seiner künftigen Frau gemahlin, ohne weitere Untersuchung und Widerrede, Folge zu leisten, ist also ganz der Mann, den ein Frauenzimmer von meiner denkart sich nur wünschen kann. Dieser junge Herr also verliebte sich gar ernstlich in mich. Ich spielte die Spröde gegen ihn sehr gut, redete viel von Tugend und Ehre, liess ihn mondenlang seufzen, ohne ihm die mindeste Hoffnung zu machen, und als seine Liebe nun auf dem höchsten Punkt getrieben war, und er zu meinen Füssen kniend aufs dringendste um Erhörung flehte; da stellte ich mich auch gerührt. Ich bat ihn mit Tränen, mich zu verlassen, verwünschte den Unterschied des Standes, der das Hinderniss unsrer Liebe wäre, denn ich würde nie einem mann mein Herz schenken, mit dem nicht priesterliche Einsegnung mich verbände. Zum ersten und letzten mal gestände ich ihm,