niemals, ohne dass Tränen in seine Augen steigen. Ich muss doch einmal nach der wahren Ursache forschen.
Künftigen Sonnabend bin ich bei Ihnen, meine Liebe, und hoffe in Ihrer Gegenwart mein Herz völlig zu heilen. J u l i e n scheint meine Entfernung nahe zu gehen. Wenn sie mich ansieht, so dringt noch immer eine Träne der Rührung in ihr Auge, und ich habe oft Mühe, die häufigen Ausbrüche ihrer Dankbarkeit zu unterdrücken.
Leben Sie wohl, Teuerste! Der Himmel gebe, dass Sie mit erheiterter Seele finden mag
Ihre
Sophie.
Vierzigster Brief
Bartold an Eduard
Ich bin noch auf meinem Zimmer, und kann nur durch die dritte Hand Nachricht von F e r d i n a n d erfahren. Morgen aber hoffe ich von meinem Arrest befreit zu werden. Wie ich vor Gericht meine Aussage getan hatte, erstaunten alle. Der Prorektor sagte mir nachher beim Herausgehen: "Er bedaure, dass ihn die gesetz abhielten, meinen Arrest aufzuheben. Er sei aber von meiner Unschuld in der Sache hinreichend überzeugt, kenne mich auch schon lange von einer guten Seite, und würde suchen, mir bald meine Befreiung zu verschaffen."
K l i n g e wird wohl relegirt werden: auch fürchte ich, dass das Schicksal des armen F e r d i n a n d s schwerlich viel besser sein wird; denn man straft den Zweikampf hier sehr strenge.
Eben bekomme ich einen Brief von F e r d i n a n d s Vater. Man hat ihm den Verlauf der Sache geschrieben, nebst der unglaublichen Summe Schulden, die F e r d i n a n d hier gemacht hat. Der dienstfertige Scribent hat, allem Ansehen nach, die Sache noch übertrieben, und das Betragen seines Sohns äusserst schwarz gemalt; denn der Alte scheint sehr aufgebracht. Du kennst ja seine unbändige Hitze, ob er gleich sonst der beste Mann und zärtlichste Vater ist. Er ist schwer zu reizen, und übersieht besonders die Fehler seines Sohns nur zu sehr. Ist er aber auch einmal aufgebracht, so kennt man in ihm den Vater nicht mehr. Er hat einen Brief an F e r d i n a n d eingeschlossen. Ich möchte ihn fast zurück behalten; er dürfte den jungen Menschen zu sehr niederdrücken. Doch nein, er soll ihn haben. Vielleicht werden diese gehäuften starken Eindrücke desto besser dazu dienen, ihn auf immer vor Ausschweifungen zu sichern. Ich schreibe dir bald mehr.
Bartold.
Einundvierzigster Brief
Der alte Gudheim an seinen Sohn
Ungeratner Bösewicht, den ich nicht mehr meinen Sohn nennen kann, der mein graues Haar vor der Zeit in die Grube bringt! O dass ich das an dem Jungen erleben muss, der meine einzige Freude war, von dem ich hoffte, er würde mein Alter mir versüssen, und mein Trost im Leiden sein! Aber nein! Ich habe dem Ungeheuer schon zu lange gelebt. Er konnte meinen Tod nicht erwarten, und sucht ihn durch seine schändliche Aufführung zu beschleunigen. Das ist dir nun zwar gelungen – ich fühle, dass ich dieses nicht lange überleben werde; – aber die Früchte, die du von meinem tod hoffest, sollst du nicht geniessen. Ich habe dich nichtswürdigen Buben enterbt, und mein Vermögen zu andern Endzwecken bestimmt, damit es doch nicht in lüderlichen Wollüsten verschwendet wird. Untersteh dich nicht, mir jemals wieder vor Augen zu kommen. Dein Anblick würde mich auf der Stelle tödten. Meine alte Hand zittert mehr zu schreiben; ich muss aufhören, an den Bösewicht zu denken, dem ich das Leben gab.
Zweiundvierzigster Brief
Bartold an Eduard
O Gott, E d u a r d , was ist aus dem armen F e r d i n a n d geworden! Eben bringt man mir die erlaubnis wiederum auszugehen. Ich laufe zu F e r d i n a n d . Das ganze Haus und die Wache ist in Aufruhr. Er ist in der Nacht entwischt, und niemand weiss, wohin. Auf dem Tische lag ein kleiner Zettel des Inhalts:
"Verzweiflung und Schande treiben mich von hier. Verflucht sein meine Verführer, mein verdammtes Schicksal und ich selbst! –"
Der arme Junge! Gewiss hat ihn seines Vaters harter Brief zu dem verzweifelnden Entschluss bewogen. Wer weiss, was nun aus dem Unglücklichen wird! O ich Tor, dass ich ihm den Brief gab! Ach! ich dachte nicht, dass er eine solche wirkung haben würde. O F e r d i n a n d ! wärst du doch wieder da! Könnte ich mein versehen wieder gut machen! Man setzt ihm scharf nach. Hascht man ihn wieder, so wird seine Strafe sehr vergrössert sein.
Gott, welch ein neuer Auftritt! Sein Vater ist hier. Gleich nachdem er seinen harten Brief abgesandt hatte, bereute er es. Er hatte sich die Verzweiflung seines F e r d i n a n d s vorgestellt. Seine Liebe war wieder aufgewacht, und hatte ihn hergetrieben. Nun hört er die Entweichung seines Sohns. O! du solltest den alten Mann sehen, wie er winselt und die hände ringt, wie er sich die grössten Vorwürfe über seine Härte macht. Sein Zustand rührt auch die Wildesten zu Tränen.
K l i n g e ist auf Bitten seines Vaters auf zehn Jahre ins Zuchtaus verbannt. Man hat noch schändliche Dinge von ihm entdeckt. Zwei seiner Bekannten, die auch mit in F e