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an den Mann zu bringen fähig ist. Die Söhne werden auf Universitäten geschickt, ohne das mindeste der dazu nötigen Kenntnisse zu haben. Froh, der Rute der Französinn entlaufen zu sein, führen sie das ungebundenste Leben, kehren mit leerem Kopf und Beutel zurück, und sind dann die würdigen Glieder, von welchen die Bedienungen unsers staates bekleidet werden.

Nie werde ich meiner Mutter die Sorgfalt genug verdanken können, mit der sie mich erzog. Nie kam ich von ihrer Seite. Geschäfte. Vergnügungen, alles opferte sie mir auf. Wenn ich noch an die rührenden Ermahnungen denke, womit sie zu Pflicht und Tugend mich ermunterte, so fliessen ihrem Andenken heisse Tränen, und ich bitte Gott, dass er mich wert mache, einst meinen Kindern das zu sein, was die Selige mir war. Gott sei gedankt, dass er mir das Glück aufbehielt, noch in ihren letzten Stunden ihr Freude zu machen, und sie mit einem zufriedenen Lächeln über meine Folgsamkeit aus der Welt gehen zu sehen!

Sie wissen die geschichte meiner Jugend. Sie wissen, dass ich mich lange der Verheiratung mit Albrecht wiedersetzte, dass auf ihrem Todbette die Selige in mich drang, ihn zu heiraten. Ich konnte ihren Bitten nicht widerstehen; und wäre auch nun mein Ehestand unglücklich, so würde doch das mir meine Leiden versüssen, dass ich durch meine Einwilligung die letzten Stunden einer sterbenden Mutter erheiterte. Aber Gottlob! unglücklich ist er nicht. Mein Albrecht ist ein guter Mann. Er ist zwar etwas zu kalt, um alle Forderungen meines Herzens zu befriedigen, das so ganz zur innigsten Liebe geschaffen ist. Aber ich hoffe, wenn es mir erst gelungen ist, alle Eindrücke vergangner zeiten, die sich zuweilen mir aufdrängen, völlig zu verbannen, die gar zu grosse Empfänglichkeit meiner Empfindungen zu mässigenmein Mann kränkt mich oft dadurch, dass er dieses übertriebne Empfindsamkeit nenntund mein Herz ganz unter die herrschaft der Vernunft zu beugen, dass dann unser Ehestand einer der glücklichsten sein wird.

Ganz glücklich zu sein, ist freilich schwer, wenn die Empfindungen von natur nicht gleichgestimmt sind. Aber es ist Pflicht für die Frau, sich nach der denkart ihres Mannes zu bilden, und ihn den Unterschied ihrer Gefühle so wenig als möglich fühlen zu lassen. Verzeihen Sie mir diese lange Ausschweifung, meine Liebe. Es wird vielleicht bald die Zeit kommen, da Sie ganz meiner Meinung sein werden. Ihr Herz wird gewiss nicht immer so unempfindlich bleiben, als es bisher gewesen ist. Es kommt nur darauf an, dass ein gefährlicherer Feind, als Herr S t e r n f e l d , es angreift. Ihre Beschreibung von diesem hat mich sehr belustigt. Melden Sie mir doch ja immer die weitern Fortschritte, die er bei Ihnen macht. Leben Sie recht wohl, meine S o p h i e .

Marie.

Dritter Brief

Sophie an Marien

Ich habe heute einige komische Originale kennen gelernt, die ich Ihnen, liebe M a r i e , auch bekannt machen will. Wir waren von dem Amtmann C l e b e r g zum Besuch gebeten; er wohnt zwei Stunden von hier zu M a y f e l d , und liess uns in seinem Wagen dahin abholen. Als wir ankamen, stand der Herr Amtmann nebst seiner Frau und zwei Töchtern vor der Tür, um uns zu empfangen. Ihr Anzug war ein sonderbarer Mischmasch von Stadt- und Landmode. Die Frau Amtmänninn freute sich denn sehr der Ehre mich zu sehen, wurde gewaltig bekümmert, wie sie hörte, dass mir vom Fahren etwas übel geworden wäre, erheiterte sich sehr, da ich versicherte, dass mir jetzt besser wäre, und bedauerte nur wiederum, dass ich so mit der Bewirtung ihres schlechten Hauses würde vorlieb nehmen müssen. Bei dieser letzten Aeusserung zogen sich die Augenbraunen des Herrn Amtmanns etwas merklich zusammen. Ei, mein Kind, man muss nicht auf Kosten der Wahrheit höflich sein; du solltest unsern Gästen wohl eine schöne idee von unsrer Einrichtung beibringen! Diess ist freilich nur ein Landhaus, aber es übertrifft denn doch wohl manche Stadtäuser. Sie sollen selbst davon urteilen. Freilich, als ich hier einzog, sah es ganz anders aus; ich habe alles, was sie Gutes drinn sehen werden, müssen machen lassen. Aber nun ist es auch ein Haus geworden. Jeder, der es sonst gesehen hat, kann seine Verwundrung nicht genug bezeigen. Der Geheime Rat B. klopfte mir noch neulich auf die Schultern: ja, sagte er, unser Amtmann C l e b e r g , das ist doch noch ein Mann von Geschmack, derPapa, unterbrach ihn Minchen, das jüngste Mädchen, Sie vergessen ja, dass Sie die Fremden herumführen wollten.

Nun schleppte er uns, meiner Müdigkeit ungeachtet, durchs ganze Haus, und wir mussten uns an seinen Verbesserungen (so nannte er es, jeder andre hätte es Verschlimmerungen geheissen,) fast ausser Atem bewundern. Ich will Ihnen nur eine dieser Veränderungen anführen. Es war ein grosser Saal im haus gewesen, den man immer, auch seiner schönen Aussicht wegen, als das vorzüglichste Zimmer betrachtet hatte. Der Herr Amtmann aber glaubte, es sei viel schicklicher, wenn eine Gesellschaft sich in mehrere Partien verteilen könne, und hielt es für sehr abgeschmackt, in Einem Zimmer zu sein. Er liess also vier Wände durchziehen, und machte aus dem schönen Saal fünf kleine Zimmerchen. Ein Fenster, das die schöne