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c h t zu beleidigen, der sein eifriger Freund ist, und dem ich die wahre niedrige Gesinnung W i l d b e r g s nicht entdecken mochte.

Diesen Morgen wurde er so unverschämt, mir ohne Scheu von Liebe vorzuschwatzen, und der Freche wollte sogar einige Liebkosungen wagen; aber ich verliess ihn mit der ganzen Verachtung, die er verdiente, und befahl meinen Leuten, niemand ungemeldet vor mich zu lassen. Mein Mädchen sagte mir, er hätte vor Zorn mit den Füssen gestampft, und im Weggehen drohende Worte ausgestossen. Mag er doch. Mir soll seine Wut nicht schaden. Aber, meiner Maassregeln ungeachtet, könnte er es vielleicht doch noch einmal versuchen wollen, zu mir zu kommen. Und ich wünschte mir Ihre Gegenwart, um mich vor allen solchen Unfällen zu schützen.

Gott, wäre Albrecht doch erst wieder da! Es ist mir immer, als läge eine gewisse Ahndung schwer wie Blei auf mir. Es ist mir unmöglich, mich in den hiesigen Gesellschaften zu zerstreuen. Der Ton, der darin herrscht, stimmt zu wenig mit meinen grundsätzen und Empfindungen überein. Mich dünkt immer, es sei ein ungerechter sträflicher Raub, die Zeit, die Gott zu so edlen Endzwecken uns schenkte, damit zu tödten, dass wir sie vor dem Spiegel und Putztisch verschwenden, um den Nachmittag am Kaffeetisch mit Nichtswürdigkeiten, oft gar mit den schändlichsten Verläumdungen hinzubringen. Mein Innres empört sich immer, wenn es anhören muss, dass so hämischer Weise dem nächsten Ehre und alles geraubt wird. Ich kann mich nicht entalten, ihn zu verteidigen, ob ich gleich wohl einsehe, dass es nichts hilft, und mich nur verhasst macht.

Noch kürzlich nahm eine solche mächtige vornehme Verläumderinn von einer monatlichen Abwesenheit eines jungen Mädchens gelegenheit, ihr die schändlichsten Dinge nachzusagen, sie zu einer Hure und dergleichen mehr zu machen, die nur deswegen verreiste, um ihr Wochenbette heimlich zu halten. Ich kannte die Unschuld des Mädchens, das zwar sehr lebhaft ist, aber gewiss noch ein reines Herz hat, in welchem noch nie ein lasterhafter Gedanke entstand. Ich widerlegte die Beschuldigung, und bewies, dass sie falsch wäre. Was halfs indessen? Man schwieg zwar beschämt, aber bald sahen alle mit hämischem Lächeln einander an, und nachher haben sie denn gefunden, dass ich die Unterhändlerinn des jungen Frauenzimmers und ihres Galans sei.

Und was ist die Ursache dieses schändlichen Lasters? – Bosheit? Nein, Vater, so verkehrt schufst du das Herz deiner Menschen nicht! Gewiss gibt es nur wenige Menschen, bei denen eigentliche Bosheit der Trieb zu diesem Laster ist: Langeweile und Eitelkeit. Manches unerfahrne Mädchen oder Weib geht vor Langerweile in Gesellschaft. Anfangs hört sie mit Unruhe die Lästerungen an, aber aus gefälligkeit schweigt sie dazu. Bald sieht sie, dass Spöttereien, skandaleuse Geschichten und dergleichen der Weg sind sich angenehm zu machen, Beifall und Lob sich zu erwerben. Sie wendet also ihr Bisschen Witz dazu an. Nach und nach erstirbt auch der letzte Funken moralischen Gefühls, und sie durchschneidet des nächsten Ehre eben so leicht, wie ein Stückchen Flor.

Gott im Himmel! wenn du einst von jedem unnützen Worte Rechenschaft von uns foderst, was wirst du dann von solchen Verläumderischen für Verantwortung heischen! Möchten doch in der Seele einer jeden, die nun da sitzt, und mit hämischem Witz die kleinste unschuldigste Handlung der andern verdreht, schrecklich die Worte erschallen: S o w i e i h r r i c h t e t , werdet ihr auch wieder gerichtet w e r d e n ! Möchte sie dann schnell ihre Rede endigen, und sich bemühen, das geschehene Unrecht nach allen Kräften wieder gut zu machen! Eile daheim, Unbesonnene, wirf dich vor deinem Gott nieder, und lies mit Andacht und Ehrfurcht die Bergpredigt unsers Erlösers, diess göttliche Meisterstück! Und ist dann dein Herz ganz von den seligen Empfindungen der Bewundrung, der Liebe und Dankbarkeit durchdrungen, o so ruf ihn andass er dein Herz heilige, und es mit den erhabnen Gefühlen der Menschenliebe erfülle.

Sie fragen mich, S o p h i e , wie denn dem Uebel abzuhelfen sei? ob man sich durch Widerspruch dem Hass, den Bitterkeiten einer ganzen Menge aussetzen solle? Suchen Sie solche gespräche zu vermeiden. Haben Sie Witz und Talente, o, so wenden Sie sie an, die Gesellschaft mit andern Dingen zu unterhalten. Suchen Sie dieselben so interessant vorzutragen als möglich. Erzählen Sie merkwürdige edle Handlungen von andern. Will alles das nicht helfen; gähnt die ganze Gesellschaft: nun, so vermeiden Sie in Zukunft solche Besuche. Ist das nicht ganz möglich, so sprechen Sie von Putz, und dergleichen. Muss durchaus verläumdet werden, so wählen Sie zum Gegenstand ihrer Spöttereien kleine unschädliche Torheitendas muss aber Ihr letztes Mittel seinund fallen doch Verläumdungen vor, die Ihrem nächsten schaden könnten, so widerlegen Sie dieselben herzhaft, aber sanft und ohne Bitterkeit, und kehren Sie sich nicht daran, wenn eine oder die andre Ihnen ein scheeles Gesicht macht. Für diess scheele Gesicht wird einst der Unschuldige Ihnen danken, dessen Ehre Sie retteten.

Verzeihen Sie meine Weitschweifigkeit, liebe Freundinn. Sie wissen ja einmal meine Art. Erfüllen Sie meine Bitte, und kommen Sie bald in die arme

Ihrer M a r i e .

Neununddreissigster Brief

Sophie an Marien

Der Himmel möchte unsern Assembleen und Kränzchen gnädig sein, wenn Sie Präsidentinn unsrer Obrigkeit wären. Sie