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, wenn er zu mir gekommen wäre. So ein Fremdling, den man nicht kennt! Ach! er tat anfangs so süss gegen mich –" (er hatte sie erst kennen gelernt, als ich sie nebst den andern Mädchen an jenem Nachmittage, den ich Ihnen beschrieb, zu mir gebeten hatte – –) "dass es allen Leuten auffiel; aber ich sah ihn kaum an, und führte ihn bei jeder gelegenheit ab."

"Das habe ich nun zwar niemals bemerkt. Aber, wie gesagt, S o p h i e hat recht dumm gehandelt. Da er nun einmal ihr Bräutigam war, so hätte sie ihn auch sollen fest halten. Die andre muss ein listiges Mensch sein, dass sie so bis auf die letzte Stunde gewartet hat. Es ist ihr gewiss nur um ein gut Stück Geld zu tun gewesen, – denn, im Vertraun gesagt, sie soll nur eine gemeine Hure sein, und wer weiss, ob das Kind nicht mehr Väter hat, als K a r l s h e i m allein? – und da hätte ich doch lieber meinen Staat ein wenig eingeschränkt, und ihr eine Summe hingeschmissen, als mich so blamirt."

"Ja, ja, das Ding muss so einen eignen Haken haben. Aber das weiss ich gewiss, so stolz sie auch immer tat, so wird, aller ihrer Coketterie ungeachtet, sich gewiss kein Liebhaber wieder zu ihr finden."

"Werdet Ihr noch nicht aufhören, durch Eure Lästerzungen eure Nachbarn zu stören? S o p h i e wird gewiss eher zehn vernünftige Freier finden, als Ihr einen. Ihr solltet es gar nicht einmal wagen, von ihr zu reden, da Ihr gar nicht einmal fähig seid, ihr edles Betragen zu beurteilen. Schämt Euch Eures Geschwätzes, aus dem doch bloss Neid und Schadenfreude hervorleuchtet. Alles Zierens ungeachtet ist doch gewiss keine einzige unter Euch, die nicht mit grösster Freude K a r l s h e i m s Hand würde angenommen haben, und bloss Eure getäuschten geheimen Hoffnungen machen Eure Zungen so hämisch. Es ist nur gut, dass Euer Tadel wahres Lob für den ist, auf welchen er er fällt."

So sprach die alte geheimde Nätinn B., eine verehrungswürdige Frau, von allen Guten geliebt, und von den Bösen gefürchtet, und sie schwiegen, wie vor den Kopf geschlagen. Der Beifall dieser vortrefflichen Matrone ist mir wichtiger, als aller Spott und Tadel der Gänschen unsrer Stadt. Man lässt sie schnattern, ohne auf sie zu hören, und dann verstummen sie bald.

K a r l s h e i m und J u l i e sind zwar über diese kleinen Geister zu sehr erhaben, um nur im mindesten auf sie zu hören; um sich aber doch gar keinen Unannehmlichkeiten auszusetzen, wird ihre Hochzeit bei einem Pachter meines Onkels, eine Stunde weit von hier, gefeiert werden. Doch das alles beschreibe ich Ihnen im nächsten Briefe.

Sobald sie verbunden sind, und ich ihre Einrichtung besorgt habe; denn Julien sind die Preise der Sachen und alle solche Dinge hier ganz unbekannt: so komme ich zu Ihnen, liebe M a r i e , um in Ihren Armen auszuruhen.

Sophie.

Siebenunddreissigster Brief

Karlsheim an Wilhelm

Vergieb mir, W i l h e l m , wenn es mir unmöglich ist, dir heute etwas Zusammenhängendes zu schreiben. Die himmlische Güte meiner wiedergefundnen J u l i e , die mir alles vergiebt, und mich noch eben so zärtlich liebt wie sonst, die mir bisher unbekannten, unbeschreiblich süssen Vaterfreuden, S o p h i e n s beispiellose Grossmut, alles das macht einen zu mächtigen Eindruck auf mich. Ewige Vorsehung! wie sind deine Wege so unerforschlich, und doch so weise! Mit heissester Inbrunst danke ich dir, dass du mir Unwürdigen noch ein solches Glück bereitetest, bei dem keine Gewissensbisse mich beunruhigen werden, dass du noch zu rechter Zeit mich rettetest.

Gott, noch zwei Tage, und es wäre zu spät gewesen. Eine fürchterliche Reihe schrecklicher Vorwürfe hätte dann ewig mich gemartert. Eine durch mich elend gemachte Mutter; ein verwaistes Kind; eine gattin, der mein Anblick mit jedem Tage Kummer und Abscheu eingeflösst haben würde! Ich mag nicht daran denken. Dank dir, gütiger Gott, dass du von diesem Abgrunde mich zurückzogst.

Liebster, bester Freund, komm zu mir, dass ich auch dich um Vergebung bitte, dich, dessen treuen Rat ich nicht hörte, dass ich alle Empfindungen meines Herzens vor dir ausschütten kann. Nicht ich allein, auch meine geliebte J u l i e , S o p h i e und ihr trefflicher Onkel sehen dir mit Verlangen entgegen.

Dein glücklicher

Karlsheim.

Achtunddreissigster Brief

Marie an Sophien

O S o p h i e , kommen Sie zu mir. Nicht nur mein innres Leiden zehrt mich ab; auch noch der nichtswürdige W i l d b e r g sucht mich zu kränken. Er belästigt mich täglich mit seiner Gegenwart, weint mit heuchlerischen Tränen, als nähme er den grössten Anteil an meinem Schmerz, fragt mich unruhig nach der Ursache meines Kummers und schwört, dass ihm sein Leben selbst nicht zu teuer sein soll, um es für meine Zufriedenheit aufzuopfern. Bisher begnügte ich mich damit, ihm äusserst kalt zu begegnen, und hütete mich, so gegen ihn zu verfahren, wie ich sonst würde getan haben, um nicht A l b r e