1784_Liebeskind_067_35.txt

Junge. Nie sah ich ein liebenswürdigers Kind. Sein kleines Gesicht ist ganz der Abdruck von den Zügen seines Vaters. Eben dieses süsse Lächeln, das K a r l s h e i m so schön steht. Holder Knabe, bald, bald hätte ich deinen Vater dir entzogen! – Ach M a r i e , der Anteil a n J u l i e n s Schicksal, die Beschäftigung mit meinem Plan, alles das liess mich damals nicht an mein eigenes Herz denken. O, wie schäme ich mich jetzt oft seiner Schwäche! – K a r l s h e i m kam. Wie liebenswürdig sah er aus! Das Bewusstsein, dass seine Liekosungen mir nicht mehr gehörten, machte, dass ich dabei bebte. Ich musste mir viel Gewalt antun, damit er meinen Zustand nicht merkte. Unter einem Vorwand verliess ich das Zimmer, und ging durch eine andre Tür in meinen Alkoven, aus dem ich ihn genau beobachten konnte.

Man brachte ihm den Brief. Er öffnete ihn, wurde todtenblass, als er die Hand erkannte, und sank ganz ausser sich auf einen Stuhl. Er sprang wieder auf, ging heftig im Zimmer umher, rang die hände, rief einigemal J u l i e , und fiel wieder auf den Stuhl zurück. Sein Zustand ging mir so nahe, dass ich nur mit äusserster Mühe mich entielt ihm alles zu sagen. Aber ich überwand mich noch; denn er hatte diese Strafe verdient, und die wirkung war desto besser, wenn er J u l i e n nicht gleich sah. Ich ging ins Zimmer.

"Was fehlt Ihnen, K a r l s h e i m ? Sie sind ja ganz ausser sich."

"Lassen Sie mich, S o p h i e . Ich bin ein Ungeheuer, nicht wert, dass Sie mit mir reden! Gott! ist diess das Traumbild, das mich schreckte? Gewiss ist sie tot. J u l i e ! ich sehe deinen Schatten auf mich zueilen, o wie fürchterlich, wie bleich! Stoss mich hinab! Hinab in die Gruft mit dem Nichtswürdigen, der dich tödtete! Aber was sehe ich? Du weinst, du winkst mir. Seliger Geist, Bild des sanften Engels, durch mich zu grund gerichtet, vergieb mir, ich folge dir nach."

Mir ward bange für ihn.

"K a r l s h e i m ! teurer K a r l s h e i m ! kommen Sie zu sich, was ist Ihnen?"

"Da, lesen Sie, und verabscheuen mich Elenden. Verzeihen Sie mir, S o p h i e , ich bin ausser mir."

"Das sehe ich; aber, K a r l s h e i m , ich sehe nicht, warum Sie es sind. Sie haben sich freilich gegen das Frauenzimmer, das diesen Brief schrieb, nicht so betragen, wie Sie gesollt hätten. Aber jetzt muss alles unter Ihnen und ihr vorbei sein. Sie sind mein verlobter Bräutigam: und ich habe die gerechtesten Ansprüche auf Sie."

"S o p h i e ! Ich verkenne Sie ganz. Nein, ich muss abreisen, um zu sehen, ob sie noch lebt, wo sie ist, wo das Kind ist, das sie mir gebar. Ach Gott! wahrscheinlich ist auch diess kleine Schlachtopfer nicht mehr."

"Was hör' ich! Sie wollten mich verlassen, und unser Hochzeittag ist schon bestimmt? Das geb' ich nie zu. Lebt das Kind noch, so wollen wir es zu uns nehmen, aber die Mutter – –"

"Soll in Elend und Schande verschmachten? Nein, S o p h i e . Ich bin Ihnen viel schuldig, Ihre Liebe hat mir glückliche Stunden gemacht; aber die arme J u l i e hat stärkere Ansprüche als Sie."

Ich glaubte nun J u l i e n s Bitten, ihn auf eine starke probe zu setzen, Genüge geleistet zu haben; auch weigerte sich meine Zunge, länger so ganz gegen meine überzeugung zu sprechen. unsrer Abrede gemäss hätte ich ihn zwar noch etwas ängstigen solleneigentlich war diese Abrede nur zwischen meinem Onkel und mir getroffen; denn J u l i e ist zu zärtlich und sanft, als dass sie Rache nehmen könnteaber er war schon genug auf der Folter, und sein Schmerz ging mir zu nahe.

Ich hiess ihn mit mir gehen, öffnete eine Tür, und nun sah er J u l i e n , mit dem kind an ihrer Brust. Sie erwartete ihn nicht, und schrie laut, als sie ihn sah.

"Was sehe' ich? Täuscht mich meine Phantasie? Sie ist es selbst! – Zu ihren Füssen: J u l i e , kannst du mir verzeihen?"

"O K a r l s h e i m , o Geliebter! Wie belohnt mich dieser Augenblick für alles, was ich litt! Du liebst mich noch? Ich bin dir nicht ganz gleichgültig geworden?"

"J u l i e mir gleichgültig? – Engel, voller Huld und Sanftmut, du vergiebst dem Reuvollen, dem Wiederkehrenden. An dieser himmlischen Güte erkenne ich meine J u l i e wieder."

Er lag an ihrer Brust. Ihre Tränen vermischten sich mit den seinigen. O! gewiss, Engel sahen mit Wonne diesem Auftritt