geboren ward, und durfte mich aus Furcht vor der Schande ihr nicht nähern. Die Erinnerung an alle Freuden meiner Jugend, die ich da genoss, drang in meine Seele; in stummen Tiefsinn versenkt, sass ich auf dem Pestwagen.
Endlich kam ich in der Stadt an, wo K a r l s h e i m wohnte. Ich schickte nach seinem haus hin; aber, welch ein Schmerz für mich, die eine so weite beschwerliche Reise um ihn gemacht hatte! er war schon über ein Jahr von dem Orte weggezogen, und sein ehemaliger Wirt wusste auch nicht, wohin. Ich spähte einen Bekannten von ihm aus, und erfuhr von diesem, dass K a r l s h e i m eine Reise in einige Städte Deutschlands gemacht, und seit kurzem in D. wohne, wo er eine Bedienung erhalten habe.
Nun glaubte ich die Erklärung seines Stillschweigens gefunden zu haben. Ich dachte ihn mir, voller Besorgniss über meinen Zustand, über meinen Aufentalt, den er nicht hatte erfahren können. Ich malte mir mit den lebhaftesten Farben die Freude, die er empfinden würde, wenn er mich wiedersähe. Mit einer Eile, die mir nicht einmal ein Nachtlager zu nehmen zuliess, reiste ich nach D. Und können Sie nun das Schrecken, die Verzweiflung sich denken, die mich überfiel, als ich hörte, in wenig Tagen würde seine Hochzeit sein? Lange kämpfte ich mit mir, ob ich gehen und schweigen, und alle Gedanken auf den Besitz desjenigen wollte fahren lassen, dessen Liebe allein mich beglückken konnte, dessen Herz aber mir nicht mehr gehörte. Welch eine erbärmliche Verbindung, die Zwang und Mitleid schliessen! Ich glaube, diese Vorstellungen hätten die Oberhand behalten. Ich würde, fern von ihm, mein unglückliches Schicksal beweint haben. Aber ein blick auf mein Kind, auf das Elend, das seiner warten würde, wenn es vaterlos, ohne Unterstützung, einsam umher irrte! Und ich entschloss mich zu Ihnen zu gehen, deren Edelmut man mir gerühmt hatte.
Aber selbst jetzt noch liebe ich ihn zu sehr, um ihn zu einer Verbindung mit mir zu nötigen, wenn sie nicht sein eigner Wunsch ist. Hat der Treulose mich ganz vergessen, bin ich ihm verhasst, o! so soll meine Gegenwart ihn nicht quälen; er sorge nur für mein unglückliches Kind, und ich will die wenigen Tage, die der Gram meinem Leben noch übrig lassen wird, von ihm entfernt zubringen, und mich auf das stille Grab freuen, das alle Leiden der unglückchen Julie enden wird! –"
Sie zerfloss fast in Tränen. Auch ich war äusserst bewegt.
"Teure unglückliche J u l i e ! Können Sie glauben, dass ich noch einen Gedanken an den Besitz desjenigen haben kann, der mit so vollem Recht Ihnen gehört? Er liebt Sie gewiss noch. Seine Unruhe zeigt es deutlich genug."
"Ach! wenn das wahr wäre, K a r l s h e i m ! Nur ein zärtlicher blick auf mich, auf dein Kind, und ich habe nichts gelitten."
"Wir wollen ihn erforschen. Erinnern Sie sich noch wohl des letzten Briefes, den Sie ihm aus Holland schrieben?"
"Ach! die Empfindungen, die ich damals aufs Papier brachte, stehen noch aufs lebhafteste vor meiner Einbildung."
"Gut, liebste J u l i e , schildern Sie ihm Ihren damaligen Zustand noch einmal, so rührend wie Sie ihn mir erzählten. Wir wollen den Brief in einen Umschlag schliessen, als sei er bis jetzt liegen geblieben, weil man nun erst erfahren habe, wo der wohne, an den er gerichtet sei. Er soll ihm, als käme er von der Post, in meiner Gegenwart eingehändigt werden. Ich will die Wirkungen beobachten, die er bei ihm hervorbringt, und wenn er dann in grösster Angst wegen Ihres Schicksals schwebt, so sollen Sie ihm erscheinen."
J u l i e war von Dank und Rührung so bewegt, dass sie kein Wort sagen konnte. Ich liess sie in ein andres Zimmer gehen. Unterdessen dass ich schrieb, liess ich ihr Kind holen. Aber ich hatte noch ein schweres Geschäft vor mir: meinen Onkel in den Plan zu ziehen. Ich ging zu ihm, und trug ihm die Sache vor. Er war sehr aufgebracht, wollte von keiner Trennung zwischen mir und K a r l s h e i m hören, beschuldigte mich romanhafter Grillen, und schalt J u l i e n für eine Landstreicherinn.
Ueberzeugt, dass ihr rührender Anblick mehr wirken würde, als meine Reden, führte ich ihn zu ihr, bat ihn aber inständig, ihrer zu schonen. Er stutzte, als er sie sah.
"Was sehe ich! Das Bild meines ehrlichen B e h r w a l d s ? O, sind Sie die Tochter des Mannes, der mein Busenfreund war, dem ich so vieles verdanke? Gott, ein unseliges Misverständniss musste uns die letzten Jahre trennen. Sein Tod, den ich kürzlich erst erfuhr, hat mir manche bittre Stunde gemacht. Sie sind die J u l i e , die ich als Kind so oft auf meinem Schooss hielt? Komm in meine arme, liebes Mädchen, und erzähle mir selbst deine geschichte."
Ich war höchst erfreut über diese glückliche Wendung, und rettete J u l i e n v o n einer nochmalen Wiederholung ihrer Begebenheit. Jetzt kam der kleine