starb plötzlich. Eine alte Tante nahm mich zu sich. Ich musste mit ihr nach Holland reisen, und alles ging so eilig zu, dass ich nicht vorher an K a r l s h e i m schreiben konnte: denn meine Tante – eine Feindinn aller Versprechungen, die eher als vier Wochen vor der Hochzeit geschahen – liess mich nicht aus den Augen. Ich fand aber doch unterwegs gelegenheit ihm zu schreiben. Ich schrieb noch zweimal, und erhielt auf keinen Brief Antwort.
Sein Schweigen bekümmerte mich sehr. Seine letzten Briefe waren schon minder feurig als die ersten; nun schrieb er mir gar nicht. Kein Wort des Trostes in dem Kummer um einen geliebten Vater, der erblichen war. Mir schien also seine Untreue gewiss. Und nun wurde noch das Trostlose meines Zustandes durch die Gewissheit vermehrt, mit der ich die Frucht meines Vergehens unter meinem Herzen fühlte. Ich verbarg meinen Zustand so lange als möglich meiner Tante, deren Härte in einem solchen Fall ich genug kannte. Endlich aber entdeckte sie selbst meine Schwangerschaft. Ich warf mich zu ihren Füssen. Aber meine rührendsten Bitten, meine Tränen konnten sie nicht erweichen. Sie stiess mich fort, belegte mich mit niedrigen Schimpfnamen, und mit den härtesten Worten hiess sie mich aus dem Zimmer gehen.
Halb sinnlos ging ich fort. Als ich mich wieder etwas gesammelt hatte, kam ich wieder vor ihr Zimmer, um noch einen Versuch zu machen. Aber ach! die tür war verschlossen. Sie liess mir durch eine alte Magd sagen: ihr Haus würde mir nie wieder geöffnet werden; ich solle nur gleich meine Sachen zusammen suchen und mich fortpacken, mich auch nie wieder unterstehen, vor ihre Augen zu kommen; sie wolle einen solchen Nikel, der ihre Familie mit Schande belegte, nie wieder ansehen. Verzweiflungsvoll packte ich meine Sachen ein, entschlossen zu gehen, es sei wohin es wolle.
L i e s e , ein junges Mädchen, das bei meiner Tante diente, kam herauf. Ich hatte sie oft bei meiner Tante vertreten, und ihr mancherlei Dienste geleistet, für die ihr gutes Herz sich sehr dankbar gegen mich fühlte. Sie brachte mir zwanzig Louisd'or, die meine Tante noch in Betracht meines redlichen Vaters mir sandte. Seine Erbschaft hatte kaum hingereicht, die Schulden zu bezahlen, die er hinterliess; denn von einer uneinträglichen Bedienung hatte er viele Ausgaben zu bestreiten.
Das gute Mädchen – (wie ich hernach erfuhr, so hatte ich auch diese letzte Beisteuer meiner Tante ihr zu danken –) wurde durch meine traurige Lage sehr gerührt, und bot mir an: sie wolle mich in das Haus einer Verwandtinn bringen, die eine sehr ehrliche Frau sei; daselbst könnte ich meine Niederkunft halten. Ich nahm ihren Vorschlag mit Dankbarkeit an. Sie führte mich in ein armseliges Haus, und liess mir meinen Koffer nachbringen. Hier wohnte ich in einer erbärmlichen kammer. Die treue Sorgfalt meiner ehrlichen Wirtinn suchte zwar meinen Zustand, welcher der Verzweiflung nahe war, etwas zu mildern, aber vergeblich. Mein Herz war jedem Troste verschlossen. Sobald ich mich wieder etwas besinnen konnte, schrieb ich noch einmal an K a r l s h e i m . Selbst ein Ungeheuer würde durch diesen Brief bewegt worden sein. Und doch bekam ich keine Antwort. Zur Ehre des menschlichen Herzens, das der Schöpfer gut und edel bildete, hoffe ich, dass er ihn nicht bekommen hat. Nein, gewiss, das hat er nicht. Seine Seele, den Eindrücken des Mitleids so offen, wäre gerührt worden. Wäre auch seine Liebe zu mir abgestorben gewesen, so hätte doch gewiss Menschlichkeit ihn zu mir geleitet. Der Gedanke an seine sonst so geliebte J u l i e , der er so oft schwur, sie sei ihm teurer als sein Leben, die mit so unbefangner Liebe an ihm hieng, die noch jetzt willig sich selbst seinem Glück aufopfern würde, die in einer elenden Hütte den Schmerzen der Geburt fast unterlag; hätte sein Herz erschüttert; er wäre mir zugeeilt!
O! verzeihen Sie, meine Teure, dass meine Empfindungen so oft den Faden der Erzählung abreissen. Ich will mich bemühen, durch sie ungestört fortzufahren.
Ich kam mit einem Knaben nieder. Oft badete ich ihn mit meinen Tränen; oft auch war sein Anblick Erquickung in meinem Schmerz. Der Gedanke, dem kind, wenn es einst lallend nach seinem Vater mich fragen würde, nur mit Seufzern antworten zu können, war mir mehr als Todesquaal. Ich entschloss mich, so bald es meine Kräfte zuliessen, nach meinem vaterland zu reisen, und K a r l s h e i m aufzusuchen. Nach einem halben Jahre fühlte ich mich und das Kind erst stark genug, die Reise auszuhalten. Mein Geld war geschmolzen. Ich hatte mich die Zeit über mit allerlei arbeiten genährt, die meine Wirtinn zum Verkaufe trug; denn ich schämte mich auszugehen. Aus dem Verkaufe meiner Sachen, von denen ich nur das Notwendigste behielt, und aus der Veräusserung eines Ringes – eines teuren Andenkens meiner Mutter – lösete ich so viel, dass ich glaubte, die Reisekosten damit bestreiten zu können. L i e s e begleitete mich. Sie war bald nach meiner Abreise von meiner Tante verabschiedet, und wollte gern nach ihrem vaterland zurück. Es ging meiner Schwächlichkeit und meines Kindes wegen sehr langsam. Endlich kam ich an den grenzen meines Vaterlandes an. Ich sah die Türme der Stadt, in der ich