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dem unbesonnenen F e r d i n a n d hinterlistig einen Stich bei, der wohl, seiner Absicht nach, tödtlich sein sollte, und nun wollte er aus dem haus entspringen; aber die Jägerwache, durch den Lärm aufmerksam gemacht, hielt ihn an, und auch F e r d i n a n d , der zum Glück von dem Stich, welcher fehl traf, nur leicht verwundet war, so wohl als ich erhielten Stubenarrest. Ich verliess den beinahe sinnlosen F e r d i n a n d sehr ungern. Morgen werden wir vor Gericht erscheinen.

Bartold.

Einunddreissigster Brief

Sophie an Marien

Sie haben den ersten Schritt auf dem Wege der Beruhigung getan, da Sie den Entschluss fassten, Ihrem Kummer durch stete Beschäftigung entgegen zu arbeiten. Möchte doch Ihre vortreffliche Seele völlig über Ihren Schmerz siegen!

E d u a r d ist auch der Tränen meiner Freundinn unwert. Er, der nicht edel genug dachte, um die trefflichen Eigenschaften meiner M a r i e nach ihrem ganzen Wert zu schätzen, er, der leichtsinnig genug war, um in den ersten Monaten seiner Trennung von ihr eine andre Geliebte zu wählen, verdient auf keine Weise ihre Zärtlichkeit.

Der Tag unsrer Verbindung rückt nun heran. K a r l s h e i m sieht ihm zwar auch mit dem Entzükken. eines Liebhabers entgegen, aber doch herrscht noch immer, und jetzt fast mehr noch, als sonst, zuweilen eine gewisse Aengstlichkeit, eine Schwermut bei ihm, die ich nicht zu erklären weiss. Es ist mir unmöglich, ihn um die Ursache davon zu befragen. Ich begnüge mich lieber damit, den Nebel durch meine muntere Laune zu zerstreuen. Es gelingt mir auch gewöhnlich; dann nennt er mich eine kleine Zauberinn, die mit ihm machen kann, was sie nur will, und er ist zärtlicher als vorher. Ich glaube also, dass diese traurige Stimmung wohl in seinem Körper liegt, und dass ich sie mit leichter Mühe werde ganz wegschaffen können.

Wenn ich Ihnen jetzt nicht so oft schreibe, so werden Sie es meiner Lage zu gute halten, Meine Liebe gegen Sie ist, aller Zerstreuungen ungeachtet, immer von gleicher Stärke. Doch alles das will ich Ihnen weit besser mündlich sagen; denn Sie werden doch meinen Hochzeittag feiern helfen? Das versteht sich, hoffe ich, von selbst. Meine Freundinn wird mir diese Bitte nicht abschlagen. Auch Ihr Albrecht wird uns willkommen sein, und wir wollen einmal sehen, ob seine Kälte von unserm Hochzeitfeuer nicht auch wird entzündet werden.

Jetzt ruft mich ein Geschäftfür jedes Mädchen wichtigvom Schreibtisch. Meine Tante und noch einige Bekanntinnen warten meiner im Nebenzimmer, um den Brautputz auszusuchen. Es hat schon viele Streitigkeiten über diesen Punkt gegeben; denn eine jede will dabei ihrem Geschmack Ehre machen. Auch jetzt höre ich die Stimmen sehr laut und unterscheidend reden.

"Neinsagt meine Tantehimmelblau ist die beste Farbe zum Brautkleide."

"Ach! gehen Sie doch mit Blau, das ist ja so gemein. Merde d'oye muss sie wählen."

"Merde d'oye kleidet keiner Brünette; auch fängt diese Farbe schon an, aus der Mode zu kommen. Am Hochzeittage muss man eine sanfte Farbe wählen. Blassrot, die Farbe der Liebe, würde ihr am schönsten stehen."

"Blau ist die sanfteste Farbe unter allenruft meine Tante, durch den Widerspruch der beiden Mädchen aufgebrachtund kleidet jedermann gut. Mich dünkt, ich habe auch hier das grösste Recht zu sprechen, ich weiss durch längere Erfahrung als ihr jungen Dinger, was sich schickt. Blau, mit weissen Schleifen, soll S o p h i e tragen. Das war mein Hochzeitputz."

"Warum nicht lieber mit grünen Schleifen und karmoisinroten Schuhen? Das wäre noch elegant! hahaha!"

Dieser unhöfliche Spott scheint meine Tante sehr aufzubringen; denn das Gezänk wird so arg, dass ich kein Wort mehr verstehe. Ich muss nur dem Streit ein Ende machen. Weissen Sommerstoff werde ich wählen, mit blassrotem Bande. Das ist der Geschmack meines K a r l o h e i m s . In diesen Farben sah er mich zuerst. –

Sophie.

Zweiunddreissigster Brief

Marie an Sophien

Denken Sie an, S o p h i e , A l b r e c h t ist verreiset. Dringende Geschäfte machten seine Abwesenheit auf einige Monate notwendig. Beim Abschiede umarmte er mich ziemlich kalt.

"Ich bitte dich, M a r i e , suche dich während meiner Entfernung aufzuheitern. Du weisst, ich kann das weinerliche Wesen nicht ausstehen. Lass mich dich heiter wieder finden, meine Liebe. Ich habe W i l d b e r g aufgetragen, dich unter der Zeit so viel möglich zu zerstreuen, und dir auch bei etwa vorkommenden Fällen mit gutem Rate beizustehen."

Mit diesen Worten verliess er mich, und meine mühsam aufgehaltnen Tränen flossen nun reichlich. Gott, ist das der Abschied, den er von mir nimmt, auf so lange Zeit! Der ganze Abschied, diese wenigen kalten Worte! Ach! wenn E d u a r d nur auf einige Tage, nur auf wenige Stunden sich von mir trennte; wie waren dann unsre Empfindungen so ganz anders gestimmt!

Ich bemühte mich diese Gedanken zu verbannen, aber völlig verscheuchen konnte ich sie nicht. O S o p h i e ! Sie beurteilen E d