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fortgehen. Ich schloss sie fester in meine arme. Meine Einbildungskraft war entflammt: sie widersetzte sich meinen Liebkosungen, aber vergebens. Ich besiegte sie. –

Aber welch einen Auftritt hatte ich nun!

"Was hast du getan, Nichtswürdiger! rief sie aus – – Du hast mich unglücklich gemacht. Meine Tugend, Ehre, Glück, alles ist dahin. arme Henriette!"

Sie zerfloss fast in Tränen. Gerührt sank ich zu ihren Füssen, aber sie stiess mich zurück, und floh aus dem Zimmer. Ihre Mutter kam herein, und weckte mich aus der Betäubung, in die ich gefallen war. Das Wehklagen ihrer Tochter hatte ihr das Geschehene entdeckt. Auch sie überhäufte mich mit Vorwürfen. Ich erbot mich zu jeder Genugtuung, schwur, dass ich H e n r i e t t e n nie verlassen würde.

"Es ist leider kein andres Mittel übrig, als dass Sie meiner Tochter eine Eheversprechung geben. O! dass ich das erleben muss, mein Kind, das schon die besten Partien ausgeschlagen hat, an einen Studenten versprechen zu müssen!"

Ich beruhigte sie, so viel ich konnte; die Sache wurde richtig gemacht, und ich bin nun der glücklichste Mensch, H e n r i e t t e n s Verlobter, geworden. Mein Vater wird vielleicht nicht ganz zufrieden mit meiner Verbindung sein, denn er befahl mir beim Abschiede ausdrücklich, mich mit keinem Mädchen zu verplempern; aber er braucht ja auch noch nichts davon zu wissen. Und wenn er es ja eher erfährt, als ich wünsche, so werden H e n r i e t t e n s Annehmlichkeiten mich gewiss bei ihm entschuldigen. Du solltest das Mädchen sehen, und du würdest mich beneiden, wenn deine M a r i e nicht wäre. Adieu, E d u a r d . Störe mein Glück nicht durch unnötige weise Anmerkungen. Sie würden sehr am unrechten Orte bei mir angebracht sein.

Ferdinand.

Dreissigster Brief

Bartold an Eduard

Wo soll ich meine Erzählung anfangen? Ich bin ganz betäubt von allen den begebenheiten, die sich hier zugetragen haben. Du wirst über die Bosheit und Ränke erstaunen, die man dem armen F e r d i n a n d spielte. H e n r i e t t e ist eine verschmitzte Buhlerinn, die mit Liebhabern wie mit Spielzeug wechselt. In ihrem vierzehnten Jahre war sieich habe ihren ganzen Lebenslauf erfahrenein liebenswürdiges Mädchen, voller Geist und Schönheit.

Sie erregte allentalben Aufmerksamkeit, und zog durch die allgemeine Bewundrung der Mannspersonen gar bald den Neid ihrer Gespielinnen auf sich. Sie selbst wurde bald durch die Schmeicheleien der jungen Herren verwöhnt, und wurde eine der gefährlichsten Coketten, die mit dem verbuhltesten Herzen stets von Tugend und Sittsamkeit reden. Sie fing viele der reichsten jungen Leute in ihr Netz, erschöpfte sie durch unmässige Geschenke, die sie ihr machen mussten, und wenn sie dann den einen ganz ausgesogen hatte, so gab sie ihm den Abschied und wählte einen andern. Es fehlte ihr auch nie an einem Liebhaber, weil sie wirklich sehr viel Angenehmes besass.

Endlich aber kam ihr fünfundzwanzigstes Jahr heran. Sie gab sich zwar noch immer für achtzehnjährig aus, es gab aber der Leute viele, die zu gut rechnen konnten, um dieser Aussage vollen Glauben beizumessen. Sie stand nunmehr in so sehr üblem Ruf, und kam in so merkliche Abnahme, dass ein Mensch, der noch etwas Ehre besass, sich ihres Umgangs schämte.

K l i n g e lernte sie kennen, verliebte sich in sie, und er, den sie sonst kaum angesehen hätte, wurde jetzt erhört. Ihr Umgang wurde bald sehr vertraut; denn sie so wenig als er waren zur platonischen Liebe geschaffen, und eine gewisse Veränderung, die sie an sich spürte, liess sie etwas befürchten, davon sie sich, als eine Kennerinn, bald mit Gewissheit überführte. Was war nun zu tun? So bald Papa zu werden, war gar nicht nach K l i n g e n s Wunsch. Auch vermochte sein Beutel nicht die Unkosten zu tragen, die gewöhnlich mit dieser Ehre verknüpft sind. Er konnte sich auch nicht von ihr losmachen, und sie hatte Geschicklichkeit genug, ihn so verliebt zu erhalten, dass er noch immer den lebhaften Wunsch behielt, sein Einverständniss mit ihr fortzusetzen.

Da nun Delikatesse in der Liebe eben nicht seine Schwachheit war, so entwarfen beide den Plan, einen reichen Tropf in H e n r i e t t e n s Garn zu ziehen, der den Namen und die Kosten des Vaters vom kind trüge. Diesen fand man, wie man ihn nur wünschen könnte, in F e r d i n a n d . Er war unerfahren genug, um aus dem schleunigen Betrieb, den die Sache foderte, nicht den mindesten Argwohn zu schöpfen. Es kostete K l i n g e n eben so wenig Mühe, ihn zur Liebe anzufeuern, als H e n r i e t t e n , die Tugendhafte vor ihm zu spielen. Er lief selbst in die Fallstricke hinein, die man ihm legte, und glaubte H e n r i e t t e n s Unschuld zu Fall gebracht zu haben, da sie die seinige zu grund richtete.

Sie verliess wehklagend das Zimmer, um in einem andern mit K l i n g e n F e r d i n a n d s Einfalt