hält man hier F e r d i n a n d für sehr reich. Er hat also allentalben Credit, und ich habe von unglaublich starken Schulden gehört, die er hier schon gemacht haben soll. Wie bedaure ich den guten Jungen, dass er schon so früh in die hände dieses listigen Verführers fiel!
O Freund, wie mancher Jüngling hat hier F e r d i n a n d s Schicksal! Gut und unbefangen kommt er her, mit den besten Vorsätzen, seine Zeit klug zu nützen. Das erste Vierteljahr ist er fleissig, im zweiten schon weniger. Das künftige halbe Jahr besucht er nur selten die Kollegia, und so überlässt er sich nach und nach allen Ausschweifungen. Kommen einmal Gewissensbisse, so wird er von seinen Bekannten übertäubt und verlacht. Wo sollte er auch an seine Pflichten erinnert werden? Die Vorlesungen seiner Lehrer besucht er nicht mehr. In die Kirche zu gehen, wie lächerlich ist das für einen Studenten! Höchstens läuft man einmal hindurch, um die andern Zuhörer in der Andacht zu stören. Der Vater und die zärtlich besorgte Mutter schreiben vergebens Briefe voll rührender Ermahnungen.
"Wie leicht wird es denen, uns zu ermahnen, sagen seine Freunde, für die das Vergnügen keinen Reiz mehr hat! In ihrem Alter wollen wir auch moralisiren. Als sie in unseren Jahren waren, machten sie es wie wir. – –"
So wird alles unterdrückt, was den armen Jüngling zu seiner Pflicht zurückführen könnte. Im Taumel der Lüste verlebt er seine Zeit, und nun geht er mit siechem Körper zurück, den Geist und das Herz leer von allen den Kenntnissen und Gesinnungen, um deren willen er auf die Universität gesandt ward; und doch besitzt er wohl Unverschämteit genug, seine blassen eingefallnen Wangen für Folgen des Fleisses und nächtlichen Studierens auszugeben.
Der Vater dringt jetzt in ihn, sich um ein Amt zu bewerben. Er sinkt entweder ganz in Mutlosigkeit, und ergreift einen verzweiflungsvollen Entschluss, oder die Vorwürfe seines bisher schlafenden Gewissens wachen nunmehr auf. Er fühlt lebhaft seine Unwürdigkeit, er strengt sich an, das Versäumte nachzuholen. Sein geschwächter Körper vermag nicht, dieses anhaltende arbeiten, dieses nächtliche Studieren auszuhalten. Hypochondrie, mit ihrem schrecklichen Gefolge, kommt über ihn. Höchstens schleppt er sein elendes Leben, sich selbst und andern zur Last, bis an vierzig fort. Und dann, da er billig erst die Freuden des Lebens recht geniessen sollte, stirbt er dahin. Seine witwe – wenn er das Herz hatte, eine Frau zu wählen – ringt wehklagend die hände; seine Kinder, deren ganzes Erbteil ein siecher Körper ist, irren verlassen umher. Bedaurenswürdige Unglückliche! Doch gewöhnlich entreisst sie ein früher Tod dem auf sie wartenden Elend.
Nenne dieses Gemälde nicht übertrieben, lieber E d u a r d . Leider zeigen uns täglich traurige Erfahrungen genug, dass es mehr als zu oft gegründet ist. Zwar gibt es der Unverschämten genug, die, ihrer Unwürdigkeit ungeachtet, mit dreister Stirn um Aemter anhalten. Angesehene Familie oder Geld – (beides gilt oft mehr als Verdienst –) verschaffen ihnen auch wohl eine brillante Stelle. Aber ungeachtet des äussern Scheines sind sie doch im Herzen nicht glücklicher, als jene. Die Strafe der Jugendsünden bleibt auch hier schon nicht aus.
Wie danke ich es meinem Schöpfer, dass er meine Jugend rein von solchen Vergehungen erhielt, die in der Folge der Jahre mich schmerzen könnten! Mit frohem Mute kann ich doch nun meinem Vater, meiner zärtlichen Mutter zueilen; bei ihren Freudenbezeugungen, bei ihren Liebkosungen, wird doch kein peinliches Gefühl mir sagen, dass ich ihrer unwert bin.
Möchte doch unser F e r d i n a n d auch wieder von seinem Irrwege zurückkommen! Ich habe einige Hoffnung, wenigstens den schändlichen Plan zu entdekken, den gewiss H e n r i e t t e mit ihm im Sinn hat. Es wohnt ein junger Mensch in ihrem haus, dem ich einst einen wichtigen Dienst erzeigte, für den er mir noch immer dankbar ist. Diesen will ich zum Kundschafter brauchen. Er ist verschlagen, und wird seine Sachen gewiss gut machen. Gott, welche Freude für mich, wenn es mir gelänge, unsern F e r d i n a n d zu retten! Ich schreibe dir bald wieder.
Bartold.
Neunundzwanzigster Brief
Ferdinand an Eduard
O dass deine ernste Moral es dir zuliesse, sich mit mir zu freuen! Ich bitte dich, E d u a r d , lege den steifen Ton einmal ab, und nimm teil an meinem Glück, dessen höchste Stufe ich erstiegen habe.
Heute Mittag trank K l i n g e ein paar Bouteillen Wein mit mir, weil er besonders fröhlicher Laune war. Nach Tische lasen wir in einem buch, welches er eben in der tasche hatte, dessen Verfasser freilich kein Lehrer der Keuschheit ist, das aber einen ungemein hübschen, interessanten Stil hat. Ganz voll von dem, was ich gelesen hatte, ging ich zu H e n r i e t t e n , und o, in welch einer verführerischen Stellung traf ich sie nicht! Sie schlummerte auf einem Ruhebette. Die schönste Röte auf ihrem Gesicht, ihr wollüstiger Busen fast ganz entschleiert, ihr schlanker Leib nur von einem dünnen Gewand umgeben; so lag sie, reizend, wie eine Göttinn.
Entzückt näherte ich mich ihr. Sie erwachte von meinen feurigen Küssen. Beschämt verwies sie mir meine Dreistigkeit, und hiess mich