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aber nicht antreffen können. Ich machte verschiedne Versuche ihn auf der Strasse zu sprechen, aber vergebens. Sein Complot hält ihn stets so fest umlagert, dass es nicht möglich ist, ihm beizukommen; ich glaube fast, sie wittern meine Absicht. Kollegia besucht er gar nicht mehr. Den grössten teil des Tages ist er bei H e n r i e t t e n , den andern bei seinen Genossen; den Abend wird getrunken, gespielt, geschwärmt, und F e r d i n a n d muss die Zeche bezahlen. K l i n g e ist ein ausgelernter Bösewicht. Er ist schon lange auf Universitäten und kennt alle Burschenränke genau. Er hat von natur viel Verstand, ist aber im ersten Jahre seines akademischen Lebens so ausschweifend geworden, dass er durch die äusserste Lüderlichkeit sowohl seinen ausserordentlich starken Körper, als auch seine Geisteskräfte ruinirt hat: er besitzt aber doch noch List und Bosheit genug, um unter seinen Bekannten ein gewisses Ansehen zu behaupten, und die jungen Ankömmlinge, deren Bekanntschaft er sucht, zu verführen.

Er hat die Geschicklichkeit, so ziemlich den Ton desjenigen anzunehmen, auf den er seine Absicht gerichtet hat. Er wollte auch einmal mit mir Freundschaft errichten, aber zum guten Glücke war ich vor ihm gewarnt, und mied seinen Umgang sorgfältig. Seit der Zeit hat er einen Groll gegen mich gehegt, und ich vermute auch, dass er F e r d i n a n d von mir abhält.

Um dir seinen Charakter zu schildern, will ich dir einige Züge von ihm erzählen:

Zu J–a, wo er zuerst studierte, war er durch seine Lebensart so sehr heruntergekommen, dass er keinen Pfennig Geld, und, was noch schlimmer war, auch keinen Credit mehr hatte. Er machte mit einer alten reichen witwe Bekanntschaft, schmeichelte ihr ungemein, schwatzte von Liebe und dergleichen, küsste in einer Minute zehnmal ihre dürren hände, und wandte sich dann auf die andre Seite, um auszuspucken. Dass ichs kurz mache, er entzückte die Alteder man in der Blüte ihrer Jahre nicht halb so viel Süsses gesagt hatte, als sie jetzt beständig von K l i n g e n hörteso sehr, dass sie im ganzen Ernst den Entschluss fasste, ihn zu heiraten. Er schien darüber vor Freuden ausser sich zu sein, ob ihm gleich an der Ehre nicht viel lag; denn er wusste, dass die alte Dame, alles guten Willens ungeachtet, ihn nie zum Erben einsetzen konnte, weil ihr Vermögen schon rechtmässigen Anverwandten bestimmt war.

Eines Tages ging er zu ihr, und nachdem er durch die stärksten Schmeicheleien und Liebkosungen die gute witwe in die zärtlichste Stimmung gesetzt hatte, sagte er ihr:

Er sähe mit stärkster sehnsucht dem Tage ihrer Verbindung entgegen, und hoffte auch diesem glücklichen Zeitpunkte nahe zu sein. Es wäre ihm eine Bedienung angetragen, nur die einzige Schwierigkeit sei dabei, dass er, um sie zu bekommen, zweihundert und funfzig Taler anwenden müsse, und die wüsste er sogleich nicht zu schaffen.

"O! wenn weiter nichts ist, unterbrach ihn eilig seine Schöne, dazu wollen wir wohl Rat finden. Hier in meinem Schranke ist die Summe, und noch wohl mehr."

"Ihre Güte rührt mich, teuerste Frau! Aber man soll mir nicht den Vorwurf machen, als missbrauche ich dieselbe. Ich erwarte in einigen Wochen meinen Wechsel, und nehme das Geld unter keiner andern Bedingung an, als dass es bloss ein Darlehn bis dahin sein soll. Ich gebe Ihnen eine Verschreibung, die Sie selbst zur grössten Sicherheit unterschreiben sollen." Die Alte wurde von seiner Grossmut entzückt. Sie gab ihm das Geld, und ihren Namen auf einen Bogen Stempelpapier geschrieben. Er setzte zu haus eine Verschreibung von eben der Summe über den Namen, und ging mit diesem Papier, das nun ein förmlicher Wechselbrief war, zu einem Juden, der ihm willig mit gehörigem Abzug zweihundert und funfzig Taler darauf auszahlte: denn die witwe war als eine sehr reiche Frau bekannt. Er liess die Verschreibung in des Juden Händen, mietete ein Pferd, und ritt mit seinen fünfhundert Talern in der tasche zum Tor hinaus, und eilte in vollem Gallop nach G. – Der Jude drang zwar bald nachher auf seine Bezahlung bei der witwe, und diese sah dann den Betrug ein, den man mit ihr gespielt hatte. Sie schämte sich, gab dem Juden das Geld, und noch etwas drüber, damit er verschwiegen blieb, und nahm sich, indem sie K l i n g e n verwünschte, vor, künftig nicht so leichtgläubig zu sein.

Mit diesem Gelde nun lebte er ganz seinem Hange gemäss in G. Leider aber war es bald durchgebracht, und er kam so sehr in übeln Rufdass ihm niemand mehr borgen wollte, sogar der Jude und Weinschenke nicht.

jetzt lebt er wieder herrlich und in Freuden, und rühmt sich der mannichfaltigen List, durch die er F e r d i n a n d s Einfalt zu berücken weiss. Noch neulich hat er durch einen erdichteten Schuldbrief, den einer seiner Genossen schrieb, und den er als von ungefähr bei F e r d i n a n d verlor, von diesem eine starke Summe erpresst, und er weiss sich dabei so schlau zu betragen, dass der arme Betrogne ihm immer das Geld aufdringen, und sich ihm verbunden glauben muss, dass er ihm die Ehre erzeigt, es anzunehmen.

Zum Unglück