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ich kämpfe wohl. Mein Herz ist redlich, aber schwach. O du, der du seine Schwäche kennst, vergieb mir, reiche deinem hülflosen Geschöpfe die Hand, dass es nicht ganz unterliege! Ziehe mich wieder zu dir, Allliebender! Ach! sonst füllte deine Liebe ganz allein dieses Herz! Jeder Wunsch meiner Seele gehörte nur dir an! Ein fremder Götze hat dich verdrängt. Reiss ihn aus meinem Herzen, sollte es auch bluten. Matt und tränenvoll flehe ich zu dir, Gütiger! Stärke mich.

S o p h i e , ich wollte beten, aber mein Gebet würde Sünde sein. Immer mischt der Gedanke an ihn sich unter den Gedanken an Gott. Ach! dieser Zustand ist der grausamste für mich; möchte es mir doch gelingen, mein Herz wieder zu beruhigen!

Mein kleines L i e s c h e n fragte mich heute: ob ich böse auf sie sei? Ich hätte sie ja so lange nicht lesen lassen. Dieser Vorwurf rührte und beschämte mich. Ich küsste sie, und hiess sie ihr Buch holen. Freudig sprang sie hin. Ja, S o p h i e , ich fühle, dass das beste Mittel, meinen Kummer zu zerstreuen, stete Beschäftigung ist, und die will ich mir zu machen suchen, so viel ich kann.

Sein Sie mit Ihrem K a r l s h e i m so glücklich, wie Sie beide es verdienen. Der Himmel schütze Ihre Liebe vor allen widrigen Zufällen, und lasse Sie, Hand in Hand gepaart, freudig durchs Leben hingehen. Diess ist der eifrigste Wunsch Ihrer bekümmerten

Marie.

Siebenundzwanzigster Brief

Ferdinand an Eduard

Ich muss dir aufrichtig gestehen, dass ich beim Lesen der ersten Zeilen deines Briefes ihn unmütig wegwarf, und ihn beinahe zerrissen hätte. Ich überwand mich aber doch, ihn durchzulesen, und das Ende versöhnte mich einigermassen wieder mit dir. Indessen kann ich dir doch die schlechte Meinung nicht vergeben, die du von K l i n g e n und H e n r i e t t e n hast. K l i n g e ist der rechtschaffenste Kerl von der Welt. Er liebt mich aufs uneigennützigste, und sorgt bloss aus Liebe zu mir für mein Vergnügen.

Zum Beweise, dass er gar nicht mein Geld an sich zu reissen sucht, will ich dir einen Vorfall erzählen. Gestern war er bei mir. Es kam jemand und brachte ihm einen Zettel. Er wurde ganz blass, und erschrack heftig als er ihn las. Ich fragte ihn, warum er so erschrocken wäre? Er bat mich aber sehr, nicht in ihn zu dringen, weil er mir doch unmöglich die Ursache davon sagen könne. Höchst niedergeschlagen ging er weg, und liess aus versehen den Zettel auf die Erde fallen. Ich hob ihn eilig auf, und sah, dass es ein Mahnbrief war, von einem Gläubiger geschrieben, der eine Summe von ihm zu fordern hatte, und der ihm mit dem strengsten Arrest drohte, wenn er nicht heute noch Rat schaffte. Ich lief K l i n g e n eilig nach, und bot ihm meine Börse an; aber er wollte sie durchaus nicht annehmen.

"Du brauchst dein Geld selbst, liebster Bruder, sprach er. Ich will nicht, dass meine Freunde um meinetwillen leiden sollen."

Nur mit vieler Mühe brachte ich ihn dahin, meine hülfe anzunehmen, und ich könnte dir mehr solcher Fälle nennen, da ich ihm mein Geld habe recht aufdringen müssen.

Auch H e n r i e t t e kennt keinen Eigennutz. Diesen Morgen brachte ich ihr einige Geschenke, die ich auf K l i n g e n s Rat eingekauft hatte, der es der Mutter wegen für gut hielt; denn diese denkt nicht ganz so uneigennützig, wie das treffliche Mädchen. Aber, wie erschrack ich, als sie sich sehr dadurch beleidigt fand!

"Meine Liebe lässt sich nicht durch Geschenke erkaufen. Nehmen Sie sie wieder mit, F e r d i n a n d , ich werde sie nicht annehmen. Ich sehe bei der Wahl eines Geliebten bloss auf das Herz. Reichtum wird mich nie rühren. Die Liebe bedarf keiner Güter; sie muss eben so glücklich in Mangel und Elend als im Ueberfluss sein."

Siehst du nun, E d u a r d , was sie für ein herrliches Mädchen ist? Ich musste die Geschenke durchaus wieder mitnehmen, und gab sie heimlich der Mutter, mit der Bitte, sie H e n r i e t t e n auf irgend eine Art beizubringen.

schreibe mir doch nicht so oft von B a r t h o l d . Ich kann mit ihm nicht umgehen; denn er ist ein Feind von K l i n g e n . Sie haben sich einmal gezankt, und die Ursache des Streits macht B a r t h o l d e n keine Ehre, wohl aber K l i n g e n . Und diesem letzten bin ich für seine Freundschaft doch wohl so viel Dank schuldig, dass ich kein Bündniss mit seinem Feinde errichte. Also sage mir von diesem Punkte nichts mehr.

Ferdinand.

Achtundzwanzigster Brief

Bartold an Eduard

Bis jetzt ist noch alle meine Mühe um F e r d i n a n d vergeblich gewesen. Ob er mir gleich wirklich einigemal auf eine beleidigende, geringschätzige Art begegnete, so bin ich doch zweimal bei ihm gewesen; ich habe ihn