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sucht? dass ihre Sittsamkeit blosse Affektation ist? – –

Geh einmal ihr B e t r a g e n unparteiisch durch, und sage dann selbst, ob es mit der Sittsamkeit eines Mädchens besteht, einem jungen Menschen, den sie zum erstenmal sieht, die Hand zu drücken, und ihn zum öftern wiederkommen zu nötigen; beim zweiten Besuch ihn zum längern Bleiben zu bereden, sollte er auch ein Kollegium drüber versäumen? Bei einem unerfahrnen jungen Mädchen liesse sich das noch entschuldigen; aber so unerfahren ist ein Frauenzimmer auf einer Universität nicht, die öftern Umgang mit Studenten hat. Es ist gewiss K l i n g e n s Absicht, dich durch diese Bekanntschaft, und durch allerlei andre Zerstreuungen, vom Studieren abzuziehen, und dich so fest an sich zu ketten, dass er mit unumschränkter Macht über deinen Geldbeutel herrschen kann.

Ich bitte dich, bester F e r d i n a n d , reiss dich von dieser Gesellschaft los, und halte dich zu dem braven B a r t h o l d . Ich weiss, dass du beim Lesen dieses Briefes aufbrausen wirst; aber lies ihn noch einmal durch, und denke, dass dein treuer Freund ihn schrieb, der selbst von den Verführungen des Studentenlebens noch nicht gar lange entfernt gewesen ist, und der die jungen Herren aus mehrjähriger Erfahrung besser kennt, als du. Denke zurück, F e r d i n a n d , an die glücklichen zeiten unsrer Kindheit, an meine Liebe zu dir in diesen Jahren; wie ich oft willig die Schuld deines Versehens über mich nahm, um dich vor der Strafe zu schützen; wie wir so ganz unzertrennlich waren; wie dem einen immer etwas zu fehlen schien, wenn er den andern nicht hatte: und dann urteile selbst, ob etwas anders, als innige Liebe zu dir, meine Feder führen kann.

Mein Zustand wird von Tage zu Tage ängstlicher. Du weisst, dass es mein fester Vorsatz war, K a r o l i n e n zu vermeiden. Ich befolgte ihn treulich. Vor einigen Tagen war ich des Morgens in dem Garten. K a r o l i n e kam bald nach mir auch. Mit dem rührendsten Ton der Unschuld beklagte sie sich, dass ich ja fast gar nicht mehr hieher käme, und ihre Gesellschaft zu meiden schiene. Sie sei schon oft deswegen bekümmert gewesen, und habe nachgesonnen, ob sie mich durch etwas beleidigt hätte; sie könnte aber nichts in ihrem Betragen finden.

"Nein, Beste! Durch was könnten Sie mich wohl beleidigen? Ueberhäufte Geschäfte hindern mich nur, so oft von meinem Zimmer zu gehen, als sonst, und allerlei Unannehmlichkeiten machen mich oft seit einiger Zeit mismütig."

Nun nahm sie den lebhaftesten Anteil an meinem Kummer, und ich weiss gewiss, meine M a r i e selbst würde mir den feurigen Kuss verziehen haben, den ich auf des liebenswürdigen Mädchens Hand drückte. Sie errötete sanft, und zum guten Glück kam ihr Onkel zu uns.

Aber, aller solcher Gefahren ungeachtet, werde ich dir treu bleiben, teuerste Geliebte. Nie soll dein Bild in meinem Herzen verlöschen; nichts auf der Welt soll mich jemals gleichgültiger gegen dich machen. Nie, o! nie wird dein E d u a r d sich deiner unwert betragen, und keine andre Begierde soll jemals das Herz entweihen, das so ganz dein Eigentum ist!

schreibe mir bald wieder, lieber Freund. Alles, selbst jede Kleinigkeit, die dich angeht, interessirt auch mich.

Eduard.

Zwanzigster Brief

Eduard an Bartold

Heute ist F e r d i n a n d die hauptsächliche Ursache meines Schreibens an dich, lieber B a r t h o l d . Ich schrieb dir zwar neulich schon meine Besorgnisse für ihn, aber damals war doch die Gefahr noch nicht so dringend, als jetzt. Hier hast du seine zwei letzten Briefe, aus denen du seine ganze Lage sehen wirst. Tue doch ja dein Möglichstes, um ihn von seiner jetzigen Gesellschaft abzuziehen. Es wäre ewig Schade, wenn der Junge verdorben würde. Er hat viel Anlage zum Guten, viel Feuer und Tätigkeit, aber noch das ganz offne Wesen und die Unerfahrenheit, die seinen Jahren eigen ist. Seine Seele kennt kein Mistrauen, und jeder Schurke kann mit leichter Mühe sein Vertrauen gewinnen. Er besitzt vielen Ehrgeiz, der sich freilich jetzt noch auf ganz falsche Gegenstände gründet, und der niederträchtige K l i n g e weiss ihn bei dieser schwachen Seite zu fassen, und lenkt ihn, wohin er will. Wird er nicht bald von seinem jetzigen Wege zurückgezogen, so ist er gewiss verloren. Sei doch ja bemüht, ihn zu retten, und schreibe mir den Erfolg davon. Der Junge liegt mir sehr am Herzen. Ich bin wie immer

Dein treuer Freund

Eduard.

Einundzwanzigster Brief

Sophie an Marien

Kommen Sie doch zu mir, teure Freundinn, und sein Sie Zeuginn meines Glücks. Mein K a r l s h e i m würde Ihnen gewiss gefallen. Ich habe ihm auch schon die tiefste Ehrfurcht gegen Sie eingeprägt, und der Artikel, dass Sie ihmnach mir versteht sichdie liebste person unter dem ganzen weiblichen Geschlechte sein sollen, wird in unsern Ehepakten einen der hauptsächlichsten ausmachen.

Braut zu sein, das ist doch eine Sache, die unser eins nicht so leicht verschweigen kann. Um also mein Herz ausschütten zu können, bat ich heute