also die neuern A n t i - S i r a c h i a n e r spätere Jahre der Kindheit zum Augenmerk haben, so könnten die geäusserten Erziehungsgrundsätze der Verfasserinn dennoch vielleicht ohne beträchtliche Collisionen davon kommen, und wohl gar Gnade vor ihren Augen finden.
Uebrigens wird der Leser in dem Verfolg dieser Briefe bald sehen, dass die Hauptabsicht der Verfasserinn dahin gehe, in dem höchstliebenswürdigen, aber schwachen Charakter der M a r i e die Gefahren und Nachteile einer allzu grossen Empfindsamkeit, auch selbst dann, wenn sie von den allervorzüglichsten Tugenden des Herzens, Verstandes, und sogar der Religion begleitet wird, zu zeigen. Wenn auch alle diese vereinigte Tugenden im stand sind, ein allzuempfindsames Herz vor wirklich groben Vergehungen zu bewahren, so können sie doch nicht verhindern, dass ein solches Herz am Ende nicht sich selbst aufreibe, und ein in gewissem Betracht zwar erhabener, aber doch unglücklicher Märtyrer seiner eignen Gefühle werde.
Ich wünsche, dass diese Briefe den Lesern eben so viel Vergnügen machen mögen, als sie mir gemacht haben.
Der Herausgeber.
Erster Brief
Sophie an Marien
Wären Sie doch jetzt ein Stündchen bei mir, meine M a r i e ! Es sollte uns an Stoff zur Unterhaltung nicht fehlen. Sie werden zwar wohl meinen, dass ich Ihnen ja meinen Schatz von Neuigkeiten auch schriftlich mitteilen könnte. Aber, beiseite gesetzt, dass Schreiben und alle solche sitzende Handlungen eben nicht die Lieblingsgeschäfte meiner flüchtigen person sind; so käme ich ja um alle Ihre Anmerkungen, oder erhielte sie wenigstens sehr spät, wenn ich vielleicht die ganze Sache schon vergessen habe.
Doch die Vorrede darf nicht so lang, als die Erzählung selbst, sein; diese Bemerkung ist mir noch so von meinem letzten Informator hängen geblieben. Also wollen wir zur Sache selbst schreiten.
Höre, F i e k c h e n , sagte diesen Morgen mein Onkel, legte wohlbedächtlich seine Pfeife nieder, schob die weisse baumwollne Mütze um zwei Zoll weiter zurück, rückte seinen Stuhl mir näher, und hub folgender Gestalt an:
"Du hast schon einige hübsche Partien gehabt, die aber alle dein Eigensinn zurückgewiesen hat. Lege nun deine Grillen ab, mein Kind, und denke ernstaft daran, dass eine alte Jungfer, die es aus eigner S c h u l d wurde, eine erbärmliche Creatur ist. Ich werde dir heute einen wackern Mann vorstellen, der ein Auge auf dich geworfen hat. Sei ja vernünftig gegen ihn."
Ich hatte zwar so allerlei Anmerkungen auf der Zunge, weil aber mein Onkel in einigen Punkten keinen Scherz versteht, so unterdrückte ich sie, ob es mir gleich ein wenig sauer wurde. Ich kleidete mich an, und erwartete – vielleicht wohl ein klein wenig unruhiger als sonst – den Glockenschlag, der das Signal unserer Visiten ist. Es kamen einige Herren und Damen zum Besuch, die sich bei mir hatten melden lassen. Als eben die ersten. Unterhaltungen vom Wetter und vom jetzigen Moderoman zu Ende waren, trat meine Tante in das Zimmer, geführt von einem Herrn, dessen Gesicht seine Kleidung Lügen strafte; denn diese letztere zeigte einen Jüngling von 18 bis 20 Jahren an, da hingegen das erstere wenigstens 38 verriet. Sein Haar war in künstlich nachlässige Locken gelegt; keine neidische Halsbinde verdeckte die Schönheit seines magern Halses, der sich ganz entblösst dem Auge zeigte. Ein himmelblaues seidenes Kleid, merde d'oie gefüttert, Strümpfe vom schönsten Karmelit, machten einen vortrefflichen Kontrast, und zeigten, dass Herr S t e r n f e l d Meister in der Farbenmischung sei. Er trug ein paar Schuhe, deren Vorderteil eben hinreichte, die Fusszehen zu bedecken; die Hacken waren so hoch, dass sie mit den meinigen wetteifern konnten. Schnallen, die gerade so breit waren, als die Schuhe; zwei Uhren mit den klingelndsten B e r l o q u e n versehen, welche die Ankunft seiner wichtigen person schon von weitem verkündigten. Die Beinkleider waren an den Knien mit niedlichen Bändern zugebunden; in der einen Hand trug er ein Stöckchen, an der andern führte er meine Tante, die alles angewandt hatte, ihre Reize so zu erhöhen, dass sie dieses allerliebsten Führers nicht unwert schien.
Nachdem dieser Herr ein tiefes Kompliment gegen die Damen, und ein etwas nachlässigeres gegen die Herren gemacht hatte, hüpfte er auf mich zu, und küsste mit vieler Grazie meine Hand.
"Diess ist also die Göttinn – so sprach er – von deren Macht und Reizen ich schon in der Ferne bezaubert worden bin?"
"In der Tat, Herr S t e r n f e l d , diese Macht der Bezauberung in der Ferne hätte ich mir nie zugetraut. Sie müssen wohl sehr leicht zu bezaubern sein."
"O wenn so viel Schönheit mit solcher Bescheidenheit vereinigt ist, welches Herz kann dann ungerührt bleiben?"
"Mich dünkt, um den wahren Wert einer Sache zu schätzen, muss man doch wenigstens etwas davon selbst besitzen, und das scheint, mit der Bescheidenheit wenigstens, nicht Ihr Fall zu sein."
Es scheint wohl, als wenn Herr S t e r n f e l d nicht viel aus dem Stegreif zu reden vermag; wenigstens konnte er hierauf keine schickliche Antwort finden. Er drehte sich einmal auf dem Absatz herum, nahm Taback und fing eine andre Materie an.
"Aber, mon Dieu, was ist heute für ein heisser Tag! Es ist nicht möglich