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Eduard.

Sechzehnter Brief

Ferdinand an Eduard

Es hat mir sehr weh getan, aus den letzten Stellen deines briefes zu sehen, dass du eine schlechte Meinung von K l i n g e n zu haben scheinst. Ich merke wohl, dass du auf ihn zielst, wenn du ihn gleich nicht nennst. Aber gewiss, du irrst dich sehr. Er ist der bravste, uneigennützigste Kerl von der Welt, der mir viel Freundschaft und gefälligkeit erzeigt.

Vergangnen Sonntag nahm er mich mit in einen Garten, wo grosser Burschenkommerz war. Es wurde tüchtig gepunscht. – Es ist hier so gewöhnlich, dass der Jüngste, mit dem die andern zum erstenmal Brüderschaft trinken, die Zeche bezahlt. Diess fiel dann auf mich, und du kannst denken, dass ich mich nicht lumpen liess. – Man sang den Landesvater, und jeder liess sein Mädchen hoch leben, und verlachte mich, dass ich hier noch keins hatte. Es wurde dann auch Pharao gespielt. Ich wollte anfangs nicht dran, weil ich mich wohl erinnere, dass ich sonst deiner Meinung von solchen Spielen vollkommen Beifall gab; aber es versicherten mich alle, dass hier in Burschengesellschaften immer gespielt würde. Und K l i n g e zog mich beiseite, und sagte mir: man hätte mir eine besondre Ehre getan, dass man schon Brüderschaft mit mir getrunken, da ich doch noch ein Fuchs sei; das pflegte sonst nie zu geschehen. Er bäte mich also, ich möchte mich doch durch solche Weigerungen, die noch gar zu sehr nach der Schule röchen, nicht lächerlich machen. – Ich spielte und verlor funfzehn Louisd'or.

Aber die andern versicherten mich, dass das beim Anfang im Spielen ein sehr gewöhnlicher Verlust sei, und dass man eine solche Summe das künftigemal oft doppelt wieder gewönne.

Beim Anbruch des Morgens trennten wir uns. Ich verschlief nun freilich diessmal meine Kollegia, aber das werde ich leicht wieder einholen. K l i n g e hat mir auch geraten, meine Stunden des Nachmittags aufzugeben, weil ich mich sonst im ersten halben Jahre zu sehr überhäufen würde.

Du rietest mir doch einmal, Familienbekanntschaft hier zu suchen, und empfohlst mich an Professor T. Aber dahin zu gehen, ist mir unmöglich. Es ist da ein gewaltig steifer Umgang, sagt mir K l i n g e . Er wolle mich dafür in einem andern haus einführen, wo man sehr artig und ungezwungen wäre, und das ist mir gerade recht; denn das infame Complimentiren und Ceremonienmachen ist gar meine Sache nicht. Eben darum gefällt mir es in unsern Gesellschaften so wohl, weil man sich da gar nicht genirt. Adieu, E d u a r d . Ich werde dir nächstens etwas von meinem Besuch in dem eben erwähnten haus melden.

Ferdinand.

Siebenzehnter Brief

Eduard an Ferdinand

In einer so heitern Stimmung, wie sie mir in meiner Lage nur möglich ist, schreibe ich dir heute, liebster Ferdinand.

Ich ging gestern auf einem Spazierwege, den ich deswegen sehr liebe, weil seine Einsamkeit mir Freiheit lässt, meinen Träumereien ungestört nachzuhängen. Meine Seele hatte sich nach dem schönen heitern Abend gestimmt; und in süssen Gedanken an meine M a r i e vertieft, kehrte ich wieder heim. Ich sah im Mondenschimmer zwei Gestalten, Arm in Arm gelegt, in stummen Tiefsinn versenkt, neben einander stehen. Von ihnen unbemerkt, ging ich näher, und hörte nun den sanftklagenden Ton einer weiblichen stimme:

"Nein, J a k o b , du sollst um mich dein Glück nicht verscherzen. O Gott, aus uns kann ja doch nun nie ein Paar werden. Nimm die Bedienung an, so bist du doch wenigstens vor Mangel geschützt."

"Wie kannst du mir nur einen solchen Antrag tun? Dich sollte ich verlassen, K a t h r i n e , dich, der ich immer so gut war, jetzt, da du schwanger von mir bist? Nimmermehr!"

Nun fing K a t h r i n e jämmerlich an zu weinen, und ihr J a k o b klagte mit ihr. Ich wurde bewegt, und zugleich neugierig ihre geschichte zu hören. Ich redete sie also an, bezeugte ihnen mein Teilnehmen, und bat sie, mich näher von ihrem Zustande zu unterrichten; vielleicht könnte ich ihnen hülfe leisten. Es kostete zwar im Anfang etwas Mühe, ihr Vertrauen zu gewinnen, aber sie fühlten doch bald, dass ich aus dem Herzen zu ihnen redete, und vertrauten mir ihren Kummer an. K a t h r i n e ist die Tochter eines Pachters, und schon in ihrer Kindheit waren sie und J a k o b , des Schulmeisters Sohn, einander gut gewesen. Ihre Liebe wuchs mit ihren zunehmenden Jahren, und beide schmeichelten sich mit einer baldigen Verbindung, als der Schulmeister starb, und er, den man immer für reich gehalten hatte, kaum so viel hinterliess, als die Beerdigungskosten betrugen. Dieser Vorfall machte auf K a t h r i n e n s Vater einen starken Eindruck, und er wollte nun durchaus nicht zugeben, dass seine Tochter einen Mann ohne Vermögen heiratete. Sie war ein hübsches Mädchen, und hatte schon manchen guten Antrag um J a k o b s willen ausgeschlagen, weswegen sie nun tausend harte Vorwürfe von ihrem Vater anhören musste. Sie entdeckte ihrem Geliebten ihren Kummer, und dieser besänftigte den Alten dadurch, dass er ihm sagte, der Amtmann des Dorfs