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Hier zerstreuten mich zwar Geschäfte, aber keine Geschäfte sind fähig, das Andenken an die lebhaften Freuden in mir auszulöschen, die ich mit M a r i e n genoss. Dass ich auf fünf Briefe, die ich ihr schrieb, keine Antwort erhielt, schmerzt mich freilich; aber ich bin gewiss, dass besondere Zufälle diese Briefe unrecht geführt, oder dass Hindernisse, ihr unübersteiglich, ihre Antworten gehindert haben. Denn M a r i e kann gewiss nie mir untreu werden, nie mich vergessen. Dazu war unsre Liebe zu fest geknüpft.
Ich wünschte aber doch bald aus dieser quaalvollen Ungewissheit zu kommen, und auch noch andre Ursachen, als meine heisse sehnsucht nach ihr, machen meine Entfernung notwendig. K a r o l i n e ist wirklich ein gefährliches geschöpf. Denke dir ein Mädchen von sechzehn Jahren, deren Reize eben sich entfalten, die ein vortreffliches Herz hat, einen guten Verstand, der freilich noch nicht ganz ausgebildet ist, eine Unschuld, die selbst dem verworfensten Bösewicht heilig sein würde, mit der liebenswürdigsten Naivität vereinigt, die mir täglich Beweise einer reinen unschuldsvollen Zuneigung gibt, und dann urteile selbst, ob da nicht zuweilen strenge Zurückhaltung schwer wird. Und diese muss ich doch aufs gewissenhafteste beobachten, wenn ich nicht die Ruhe eines liebenswürdigen Mädchens untergraben will.
K a r o l i n e hat ein sehr gefühlvolles Herz. Sie
lebte in steter Entfernung von Mannspersonen mit ihrer Mutter auf dem land, bis nach deren tod ihr Onkel sie zu sich nahm. Zwar habe ich, Gott sei mein Zeuge, ihr immer mit der Zurückhaltung begegnet, die man, bei einem verschenkten Herzen, jedem jungen Frauenzimmer schuldig ist. Aber demohngeachtet ist es doch bei ihren Jahren natürlich, dass ein junger Mann, dessen denkart sie mit der ihrigen übereinstimmend fühlte, mit dem sie stets bei Tische und auch sonst oft beisammen sein muss, Eindruck auf sie macht. Ich werde es mir aber von nun an zur Pflicht machen, ihre Gesellschaft, so viel möglich, zu meiden. Es wird mir schwer werden, denn nach M a r i e n ist K a r o l i n e das reizendste geschöpf, das ich kenne. Aber der Gedanke an die Gebieterinn meines Herzens, an alles, was sie für mich duldete, da ihr Vater sich unsrer Liebe widersetzte, wird mir den Sieg leicht machen.
Du hast meine Ermahnungen, wie du das zu nennen
beliebst, unrecht verstanden, lieber F e r d i n a n d . Geniesse die Freuden deiner Jugend, so viel du kannst, aber vergiss dabei nicht den Zweck, um dessen willen du nach G. reistest. Das Vergnügen muss auf der Akademie nur Nebensache sein, und unsre Hauptabsicht muss immer nur dahin gehen, die Kenntnisse für den Geist einzusammeln, die uns so notwendig sind, wenn wir einst brauchbare Glieder des staates werden wollen.
Das, was dein Freund K l i n g e davon sagt, scheint mir nicht so ganz richtig zu sein. Man braucht, um gelehrt zu werden, freilich nicht den ganzen Tag hinter den Büchern zu liegen, aber ohne anhaltenden Fleiss und Uebung ist es nicht möglich, gründliche Kenntnisse in irgend etwas zu erlangen. Zum Studieren müssen wir alle unsre Seelenkräfte beisammen haben, und das ist nicht möglich, wenn man nur dann und wann eine Stunde arbeitet, und sich oft durch allerlei Lustbarkeiten zerstreuet. Die arbeiten des Geistes sind nicht von der Art, dass man dabei den Faden so oft abreissen und wiederum anknüpfen kann, als man will. Und deswegen, ich wiederhole es noch einmal, müssen wir die Vergnügungen durchaus nicht anders als in Nebenstunden suchen. Auch noch in anderm Betracht hat dieses grossen Nutzen. Ein mässiger Genuss der Freuden des Lebens hat die beste wirkung auf Leib und Seele; aber ein übertriebner Gebrauch macht uns vor der Zeit stumpf und unfähig im männlichen Alter noch teil an den Vergnügungen zu nehmen.
Noch eine Erinnerung wirst du mir verzeihen, bester F e r d i n a n d . Suche so viel als möglich zu verbergen, dass du vieles Geld zu verzehren hast. Es gibt auf Universitäten hauptsächlich der Leute so viel, die nicht Geld genug haben, um alle die Ausschweifungen mitzumachen, zu denen sie oft grossen Hang fühlen, und die dann, in Burschenränken eingeweiht, unter allerlei Vorwand sich der Wechsel anderer, besonders der Neulinge, zu bedienen suchen. Ich weiss, liebster Freund, dass dein gutes Herz oft deiner überlegung vorspringt; aber bemühe dich ja, vorsichtig in der Anwendung deiner Wohltaten zu sein. Es gibt der Unglücklichen genug, die gerechte Ansprüche auf unsre Mildtätigkeit haben, und an diesen begehen wir einen Raub, wenn wir gegen Unwürdige freigebig sind.
Du schreibst mir ja nichts von unserm B a r t h o l d . Du setzest doch noch die Freundschaft mit ihm fort, die ihr auf der Schule hattet? Er ist ein trefflicher Jüngling, mit dem du manche angenehme Stunde zubringen kannst, und dessen Erfahrung, da er schon so lange in G. ist, dir in manchen Sachen nützlich sein wird.
Ich hoffe, liebster F e r d i n a n d , dass du diese kleinen Erinnerungen aus keinem falschen Gesichtspunkt ansehen wirst. Sie fliessen aus einem dich liebenden Herzen, das die Beschaffenheit des akademischen Lebens aus eigner Erfahrung kennt. Lebe recht wohl, Lieber, und schreibe mir bald wieder.