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nun fühlte ich zum erstenmal, da unsre Lippen sich begegneten, was der Kuss der reinen Liebe ist. O M a r i e , ich hätte nie geglaubt, dass mein leichtsinniges Herz solcher Empfindungen fähig wäre. – Eine Stunde war uns wie ein Augenblick entflohen, als mein Onkel herein trat. Er sah uns befremdet an.

"So? Das ist also das Hinderniss, das S t e r n f e l d e n im Wege stand?"

Ich sprang auf, seine Hand zu küssen; K a r l s h e i m tat ein Gleiches. Unsre Blicke redeten mehr als unsre Worte. Gerührt gab uns der würdige Alte seinen Segen. Und nun, M a r i e , brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen, dassich morgen nicht zu Ihnen kommen werde.

Sophie.

Vierzehnter Brief

Ferdinand an Eduard

Vielen Dank für deinen Brief, lieber Freund. Ich habe ihn mit Vergnügen gelesen. Die Ermahnungen, die darin waren, hätten freilich wohl weg bleiben können. Auch deine Abschilderung des akademischen Lebens scheint mir etwas übertrieben zu sein. Ich habe zwar noch wenig Studenten hier kennen gelernt, aber die wenigen gefielen mir recht wohl, und schienen brave Kerle zu sein. Es herrscht freilich kein pedantischer Ton unter ihnen; sie sind lustig und geniren sich um niemand, und das gefällt mir sehr. Ich habe die Schulfüchse mein Tage nicht ausstehen können. Einer von diesen Studenten heisst K l i n g e . Ich habe ihn recht liebgewonnen; er scheint auch in grossem Ansehen unter seinen Bekannten zu stehen, und ist Senior der Landsmannschaft. Heute sagte er zu mir: Man kann ein ehrlicher Kerl sein, und was Rechts lernen, ohne darum immer hinter den Büchern zu liegen. Die Leute, die den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen, in alle Kollegia laufen, und sich eine Todsünde draus machen, einmal zu schwänzen, haben gewöhnlich keinen Kopf, und bringen es auch zu nichts. Wer Genie hat, kann in einer Stunde mehr lernen, als ein solcher in zwei Tagen. Das viele Studieren machts nicht aus. In unsern Jahren muss man des Lebens geniessen und lustig sein. Im Alter hat man Zeit genug, zu murren und hinter dem Ofen zu sitzen.

Mich dünkt, dass K l i n g e hierinn ganz recht hat. Es ist nur Schade, dass sein Vater, ein alter Filz, ihn so genau hält. Dem Himmel sei Dank, dass ich Geld genug habe, um einen ehrlichen Kerl zu unterstützen. Mein Vater ist nicht karg, und hat mir eine ansehnliche Summe ausgesetzt, die ich für mich allein nicht verbrauchen werde. Meine drei Jahre sollen mir hier recht gut verfliessen, und ich denke sie auch nützlich anzuwenden. Ich werde meine Kollegia fleissig besuchen, und auch zu haus arbeiten. Die Zeit, die mir dann übrig bleibt, sei dem Vergnügen gewidmet.

Ich wollte, du wärst auch hier, E d u a r d . Ich denke noch oft an die frohe Zeit, da wir als Knaben zusammen spielten, und, unsers ungleichen Alters ungeachtet, immer fest zusammen hielten. Auch jetzt noch wollte ich willig Blut und Leben für dich lassen, liebster Bruder, das glaube mir. Du wärst mir aber doch noch einmal so viel wert, wenn du die zärtlichen Schäferideen ablegtest, und den Gedanken an deine unsichtbare prinzessin fahren liessest. Beim Henker, wäre ich mit einem so reizenden Mädchen in einem haus, so wollte ich die Zeit besser nutzen, ohne sie mit Winseln über eine entfernte Schöne zu verderben, die in drei Jahren nichts von sich hören liess. Siehst du, dass ich auch moralisiren kann? – –

Dein treuer

Ferdinand.

Funfzehenter Brief

Eduard an Ferdinand

Es befremdet mich gar nicht, lieber F e r d i n a n d , dich über meine Lage spotten zu hören. Ich glaube wohl, dass es nur wenige Menschen gibt, denen meine standhafte Neigung gegen M a r i e n nicht übertrieben scheinen wird. Ich fühle aber, dass ich so handeln muss, wenn ich mich vor künftigen Vorwürfen sichern will.

Denke dir einmal, wenn ich meine M a r i e , und alle heiligen Beteurungen der Liebe, die ich ihr gab, vergässe, wenn ich einer andern das Herz schenkte, das sonst bloss Liebe zu ihr atmete, und ich fände sie dann noch treu, noch zärtlich gegen mich: Gott, wie elend wäre ich dann! Und ich weiss gewiss, dass sie mich noch liebt, noch eben so mit ganzer Seele an mir hängt, wie ehedem. Ihr Herz gehört nicht unter die wankelmütigen, und wie liebten wir uns nicht!

Ja, M a r i e , teuerster Abgott meiner Seele, meine Ahndung täuscht mich nicht, ich finde dich wieder, so treu, so zärtlich, wie du am Tage des Abschieds es warst. Nie werde ich es vergessen, wie sie da weinend an meinem Halse hieng, wie ich noch in weiter Entfernung ihre weisse Gestalt sah, immer noch ihre sanfte stimme zu hören glaubte. Und da ich nun zum letztenmal das Land betrachtete, das meine liebsten Wünsche in sich schloss, da glaubte ich zu vergehen; es war mir als würde ich von der ganzen Welt getrennt; ich sank in eine Betäubung, aus der ich erst nach einigen Stunden erwachte, und so war mir es die ganze Reise durch