herab, die nur von ihrem Nähzeug reden konnten. Mein sonst so vernünftiger Vater hatte die Schwachheit gegen mich, meinen Einfällen und Urteilen oft lauten Beifall zu geben, und diess brachte mir eine grosse Meinung von meinem verstand bei. Meine vortreffliche Mutter heilte mich zwar von diesem törichten Stolze gänzlich, aber es blieb mir doch bis zu meiner Verheiratung noch immer eine gewisse Abneigung vor häuslichen Geschäften. Ich hielt es für sehr unwürdig, den ganzen Morgen auf die Zubereitung einer Mahlzeit zu wenden, die der wollüstige Gaumen in so kurzer Zeit verschlingt. Auch das Mechanische der meisten weiblichen arbeiten war mir verhasst. Aber, Gott Lob, jetzt denke ich anders. Ich sehe aufs überzeugendste ein, dass diese Geschäfte unsre Bestimmung sind, und dass es unser höchstes Verdienst ist, eine gute H a u s f r a u , eine gute M u t t e r zu sein. Wer mehr als gewöhnliche Fähigkeit von der natur bekommen hat, findet auch in der Erfüllung dieser Pflichten gelegenheit genug, sie anzuwenden. Gute Erziehung der Kinder, kluges Betragen gegen das Gesinde, Ordnung und Sparsamkeit in der Wirtschaft – sehen Sie, das sind weit genug ausgebreitete Felder, um den besten Verstand zu beschäftigen, und die Frau, die diesem allem gut vorzustehen weiss, verdient unsre ganze Hochachtung. Ich bemühe mich täglich mehr, um Einsicht von diesen Kenntnissen zu erlangen, und ich muss gestehen, dass mir die schönste Stelle eines buches kaum so viel Vergnügen gemacht hat, als ich jetzt empfinde, wenn ich ein schmackhaftes Gericht, von meinen Händen bereitet, meinem Mann auftrage, und er mir dann mit Vergnügen für meine Sorgfalt dankt. A l b r e c h t ist zwar nicht dazu geschaffen, alle die kleinen zärtlichen Bemühungen und Gefälligkeiten zu fühlen, deren Erfüllung bei dem Gatten, der mich, so wie ich ihn aufs innigste liebte, mein grösstes Glück machen würde. Aber demohngeachtet halte ich es für meine Pflicht, alles Mögliche zu tun, um ihn zufrieden und glücklich zu sehen, und mir seine Liebe und achtung zu erhalten. Und zu diesem letzten Endzweck ist es durchaus notwendig, die häuslichen Geschäfte gut zu besorgen. Strenge Ordnung, auch selbst in Kleinigkeiten, vorzüglich Reinlichkeit, und ein nie vernachlässigter Anzug, erhalten uns die achtung des Mannes. Bleibt zuweilen Zeit zum Lesen und andern solchen Beschäftigungen des Geistes übrig, so ist es desto besser; aber mit einer Frau, die bloss liest und schreibt, ist einem mann eben so wenig gedient, als mit einem Putzaffen, die den ganzen Morgen vor dem Spiegel zubringt, und den Nachmittag und Abend vor dem Koffee- und Spieltisch vertändelt.
Meine Küche ruft mich vom Schreiben ab, und wenn ich diesem Rufe nicht folgte, so würde ich mich bei Ihnen in den Verdacht bringen, als gehörte ich unter die Moralisten, welche die schönste Moral schreiben, ohne auch nur einen Satz davon selbst auszuüben. Ich habe Ihnen auch schon einen gewaltig langen Brief geschrieben, und würde ich nicht, wie jetzt, unterbrochen, so fürchte ich, dass ich, weil ich eben im zug bin, noch lange in diesem Ton fortfahren würde, und dazu ist heute die unbequemste Zeit, weil Sie gewiss nicht zum Nachdenken über solche Gegenstände aufgelegt sein werden. Ich wünschte inzwischen sehr, dass mein Brief Sie etwas zerstreut haben möchte. Leben Sie wohl, teuerste S o p h i e , und kommen Sie bald in die arme
Ihrer
Marie.
Eilfter Brief
Sophie an Marien
Wollte Gott, meine Freundinn, dass Ihr Brief, oder irgend etwas anders mich zu zerstreuen vermöchte; aber nichts ist fähig, sein Andenken in mir zu vertilgen. Hätte es nicht wenigstens die Höflichkeit erfordert, einmal zu kommen? Aber nein, seine L o u i s e (meine Hand widerstrebt diess Wort zu schreiben. Ha seine Louise! Ihr K a r l s h e i m ! Verwünschte Ausdrücke!) wird wohl sein ganzes Herz so ausfüllen, dass nicht einmal mehr ein Platz für allgemeine Höflichkeit darin leer ist.
Auf heute Nachmittag sind wir zu Hofrat G. gebe
ten. Er wird vermutlich da sein, gewiss auch L o u i s e . Wie werde ich ihren Anblick ertragen können? Wie wird sie sich brüsten, die Stolze! Ich wollte erst nicht hingehen; aber hätte das nicht geschienen, als flöhe ich vor ihm? Er sollte sich wohl gar eingebildet haben, ich wäre empfindlich über seine Gleichgültigkeit. Nein, den Triumph soll er nicht haben. Ich werde hingehen, ich werde ihm mit dem Kaltsinn begegnen, den er verdient. Aber ich werde ganz den Schein vermeiden, als befremde mich seine Grobheit. Ich werde mich zur Lustigkeit zwingen; will mit den jungen Herren scherzen, ihre Einfälle belachen, nur den seinigen durch verächtliches Lächeln antworten. Ich will sogar mit ihm und seiner Braut scherzen. Kurz, ich will meine Rolle meisterhaft spielen.
Fortsetzung.
Der Tag ist vorüber. O M a r i e , wie schwach sind wir doch! Gott, wie reizend sah er aus! Eine gewisse Traurigkeit, die in seinem gesicht herrschte, hätte beinahe meinen ganzen Zorn vertilgt. Mit einem seelenvollen blick fragte er nach meinem Befinden. Was kostete es mich nicht, ihm mit einer kalten Miene und einem gleichgültigen Ton zu antworten! Ach! und ich fürchte, es gelang mir nur halb. Es war mir unmöglich, lustig zu sein, und