ich darf nicht daran denken, ich würde sonst die Wunde aufreissen, die ich mit unsäglicher Mühe zugeheilt habe! – –
Ich bin weit davon entfernt, den Schmerz des Leidenden noch durch Vorwürfe zu erhöhen. Aber meine Aufrichtigkeit dringt mich doch, Ihnen meine Gedanken zu sagen. Dass Sie Karleheim liebten, ohne ihn genau zu kennen, das war zwar ein Fehler, den aber gewiss nur der tadeln kann, bei dem Alter und Umstände die Gefühle stumpf gemacht haben. Aber das tadle ich, dass Sie sich gleich von dieser Liebe hinreissen liessen, ohne ihr Widerstand zu tun, dass Sie sie nährten, ohne K a r l s h e i m s Gesinnung erforscht zu haben, und dass Sie, wie ich fürchte, diese Liebe nicht genug vor seinen Augen verbargen. Inzwischen gebe ich Ihnen den Rat, zu fliehen; das ist das beste Mittel. Kommen Sie zu mir, geliebte S o p h i e ; mit Freuden werde ich Sie in meine arme schliessen, und versuchen, ob die zärtlichsten Bemühungen der Freundschaft Ihr Herz von der Liebe heilen können.
Ihr Vorsatz, das ganze männliche Geschlecht zu hassen und zu fliehen, ist auch übertrieben. Was können die armen übrigen Männer dafür, dass einer von ihnen den Wünschen meiner Freundinn nicht entspricht? Doch das schrieben Sie auch nur in einer Stunde des Unmuts. Aber dazu wird Ihnen diese Begebenheit dienen, Sie vorsichtiger über Ihr Herz wachen zu lassen. Ach! dass wir immer erst durch traurige Erfahrungen so klug werden! und doch werden wir es selten eher, bis Kummer und tiefes Leiden unsre Empfindungen so abgenutzt haben, dass wir keines lebhaften Eindrucks mehr fähig sind.
Es gehört wohl unter die schwersten fragen, ob ein weiches Herz unser Glück oder Unglück macht. Wie zufrieden lebt nicht in manchem Betracht der Mann, dessen Leidenschaften alle durch kalte überlegung beherrscht werden. Mit steter Vorsichtigkeit wägt er Schaden und Vorteil gegen einander ab, und wählt das Zuträglichste. Aber ob gleich seine Seele niemals durch starke Lasten des Kummers niedergedrückt wird, so ist er doch auch nicht fähig, die entzückende Freude zweier Seelen zu empfinden, die zum erstenmal übereinstimmend fühlen, dass Gott sie für einander schuf. Welch ein himmlisches Gefühl, wenn nun der furchtsame Jüngling den ersten Kuss der Liebe auf die Wange des sanft errötenden Mädchens drückt, wenn dann ihre Lippen sich begegnen, ihre Seelen in Eins sich zu verwandeln scheinen, und Himmel und Erde vor ihren Augen verschwindet!
Aber auch welche Quaal, wenn nun die, die kaum sich gefunden, sich wieder trennen sollen, wenn unüberwindliche Hindernisse sich ihrer Vereinigung in den Weg legen! Der liebenswürdige Jüngling, dem nun erst des Lebens Freuden aufzublühen schienen, sinkt in schwarze Melancholie. Die rührende Grazie des Mädchens, ihre Reize, durch das Gefühl der Liebe belebt, sterben plötzlich ab. Wie der Wurm im inneren der Rose, so nagt der Schmerz am zarten Faden ihres Lebens.
Alles das fühlt das Kältere nicht. Er wählt ein Mädchen, weil seine Umstände es fordern, und weil dem Menschen vom Anfang an eine Gehülfinn als notwendig angewiesen ist. Seine Absichten werden vereitelt; gut, er wählt sich eine andre, wird Gatte, Vater, Wittwer, ohne aus seiner Fassung zu kommen.
Ich gebe zu, dass ein solcher Kaltblütiger dem gemeinen Wesen vielleicht nützlichere Dienste leisten wird, als jener, aber gewiss nur so lange, als sie aufs strengste mit seinem Nutzen übereinstimmen. Denn Selbstliebe ist bei ihm die Haupttriebseder aller seiner Handlungen. Er wird seinen Nebenmenschen dienen, so lange es seine Bequemlichkeit verstattet. Aber wird er auch etwas aufopfern, um des andern willen? O da wär' ich ein Narr, spricht er.
Ich kenne einen Mann, der nun schon dreissig Jahre im Ehestande gelebt hat, ohne sich jemals zu ärgern. Das Glück hat ihn auf eine ansehnliche Stufe gesetzt, er hat keine Familie, verbraucht kaum den vierten teil seiner Einkünfte. Nun, da wird er von seinem Ueberfluss den Armen wohltun, er wird durch einen Aufwand, der seinen Umständen angemessen ist, den Handwerker, den Bürger in Nahrung setzen Nein, dazu ist er zu klug.
"Wer weiss, spricht er, ob ich nicht manchen Armen durch Wohltaten im Müssiggang unterstütze? Mich nach seinen Umständen zu erkundigen, erlauben meine Geschäfte nicht. Einen grossen Aufwand zu machen, um meinem Mitbürger Nahrung zu verschaffen, ist auch meine Sache nicht, das würde mir nur Unruhe machen. Ich entziehe mir nichts von dem, was ich brauche, ich lebe vergnügt und bequem; warum sollte ich meine Ruhe durch eine grössere Anzahl von Bedienten stören? Die wenigen, die man halten muss, machen schon sorge genug."
So sammelt er ein grosses Vermögen zusammen, das nach seinem tod bald genug zerstreut werden wird. Er könnte von seinem Gelde Schätze für die Ewigkeit sich sammeln, aber im Koffer, denkt er, ist es doch sichrer verwahrt.
Nun wahrhaftig, ich habe grosse Anlage zur Philosophie. Schade, dass mir die Gründlichkeit fehlt. Ich muss gestehen, dass solche Betrachtungen noch immer einen gewissen Reiz für mich haben; und dazu liegt wohl der Grund in meiner ersten Erziehung. Mein Vater liess mich Sprachen und andre dergleichen Kenntnisse lernen. Das hatte nun aber die schädliche wirkung auf mich, dass ich im zwölften Jahre ein unerträgliches geschöpf war. Voll Stolz und Einbildung auf mein Bisschen Wissen, sah ich verächtlich auf andre Mädchen