Spiegel. Ich nahm daher gelegenheit, mit ihr zu reden, und ihr Gefühl ihres verbesserten Zustandes zur Dankbarkeit gegen Gott zu leiten. Bei dieser Unterredung sah ich zu meiner grössten Freude, dass sie ein Herz besitzt, jedes Eindrucks zum Guten fähig, und dass sie auch einen guten Verstand hat. Ich werde sie selbst im Lesen und in den fasslichsten Lehren des christentum unterrichten, auch werde ich sie weibliche arbeiten lehren.
C h r i s t i a n e n habe ich bei der guten Inspektorinn F. als Kindermagd untergebracht. Lieschens gottlose Mutter ist auf Zeitlebens ins Zuchtaus gebracht, weil sich Zeugen fanden, die sie selbst den unmenschlichen Vorsatz haben äussern hören, das Kind umzubringen, wenn es nicht bald sterben wollte. Der Mann, weil er diess wusste und nicht ernstlich verhinderte, ist auf zwei Jahre zum Karrenschieben verurteilt.
Ich kann Gott nicht genug danken, dass er uns zu Werkzeugen wählte, diesen scheuslichen Plan zu zerstören. Es gibt doch keine reinere Freude hienieden als die, e i n e g u t e n ü t z l i c h e H a n d l u n g v e r r i c h t e t z u h a b e n . Diess ist das seligste aller Gefühle. Es zeugt von der Weisheit des Schöpfers, dass er auch hier schon einer jeden guten Handlung, durch die herrliche innre Zufriedenheit, die sie mit sich selbst führt, ihre Belohnung gab.
Ich muss hier abbrechen, liebste S o p h i e . Ich hoffe nächstens einen Brief voll fröhlicher Nachrichten von Ihnen zu erhalten. Glauben Sie sicher, meine Beste, dass niemand auf der Welt so lebhaft alles das mitfühlt, was Sie betrifft, und innigere Freundschaft gegen Sie hegt, als
Ihre ganz eigne
Marie.
Neunter Brief
Sophie an Marien
O M a r i e , wie unglücklich bin ich! von welchen Quaalen, sonst nie gefühlt, wird mein Herz zerrissen! Er ist für mich verloren, der falsche, niedrige Verräter! O, dass ich je seine verführerischen Reden anhörte, seine Blicke mit Wohlgefallen gierig verschlang! Doch ich will mich fassen, ich will Ihnen die ganze schändliche Verräterei schreiben; hören Sie nur an!
Diesen Morgen besuchten mich die beiden Demoiselles E b a r d . Nach einigen Gesprächen von nichtswürdigen Kleinigkeiten kam man auf K a r l s h e i m . Ich zitterte beinahe, als sein Name genannt wurde, und musste alle mögliche Mühe anwenden, das heftige Schlagen meines Herzens, und den Wechsel meiner Farbe zu verbergen.
L o t t e E b a r d . "Nein, M i n c h e n , das muss man ihm lassen, er ist ein hübscher Junge, und weiss sich recht gut zu betragen."
M i n c h e n E . "Das mag alles sein, es ist und bleibt immer ein dummer Streich von ihm, dass er sich sogleich verplempert hat."
I c h . (In grösster Verlegenheit) "Verplempert? Und L o t t e E . "Mein Himmel! Wissen Sie denn M i n c h e n B . "Ach! schweig mir doch von dem i s e sachte:
'Pfui, Kind, zieren Sie sich doch nicht so; solche
Dinge schaden uns in der achtung der Mannspersonen, und machen unserm verstand keine Ehre. – War das nicht die ärgste Grobheit? Und was noch das Aergste ist, oft spricht sie in Gesellschaft wie das Buch der Weisheit selbst, ohne dass jemand sie dazu auffodert.'"
L o t t e . "Da sagst du nun auch nicht die Wahr
heit, M i n c h e n . Das muss man L o u i s e n lassen, sie spricht wenig, und nicht leicht anders als wenn – – – –"
Hier unterbrach M i n c h e n , durch ihrer Schwe
ster Widerspruch höchst aufgebracht, sie voller Hitze. Doch, M a r i e , was sollte ich Sie und mich durch solche Sachen noch länger ermüden? Sie haben aus diesem Gespräch L o u i s e n gewiss schon kennen gelernt. K a r l s h e i m s Geliebte! K a r l s h e i m s Braut! O Gott, wie quält mich der Gedanke! Der Falsche, wie zärtlich tat er nicht! Seine Blicke waren so voller Ausdruck, der Ton seiner Sprache so sanft, wenn er mit mir redete O wenn ich noch dran denke, wie ich zuerst ihn sah, wie er so vor mir stand – aber warum denke ich noch an den Ungetreuen? Ich will ihn hassen, verabscheuen, und mit ihm sein ganzes Geschlecht. O! hätte ich das geglaubt, dass meine erste Liebe so unglücklich sein würde, ich hätte sie geflohen, wie den Tod. O M a r i e , könnte ich mich doch des Gedankens an ihn entschlagen! – Schlafen Sie wohl, Teure. Diese Nacht wird, so wie die vergangnen, schlaflos sein für Ihre
Sophie.
Zehnter Brief
Marie an Sophien
Teure Freundinn, wie bedaure ich Sie! O Gott, ich weiss, wie sehr getäuschte Liebe schmerzt, wie hart es ist, zärtlich und treu geliebt zu haben, und dann den andern untreu zu finden. Ach S o p h i e ,