, niemand wieder etwas zu entdecken. Ich habe aber doch Mittel gefunden, dem kind einigemal ein Bisschen Brod zuzustecken. Der Vater ist auch ein Bösewicht; allein es jammert ihn doch jetzt auch, er darf aber nichts sagen. – –
Mein Mann schickte eilig das gute Mädchen hin, um die Wache und eine Sänfte zu holen, begleitete es bis an die Haustür, und schloss ab. Ich nahm das elende Kind aus dem Kasten, aber fast wäre ich vor Gestank ohnmächtig geworden. Ich überwand aber meinen Ekel, reinigte es von dem Unflat, worinn es lag, und bedeckte es mit meinen Kleidern; es sah mich mit einem so rührenden blick an, der mir ins Herz drang, sagte aber nichts. Unterdessen kam die Wache an. Das Weib hatte sich gleich Anfangs im Keller versteckt, man holte sie aber mit Gewalt heraus. Sie tobte, wütete, fluchte aufs grässlichste, und spie dem einen Kerl ins Gesicht. Aber, alles Sträubens ungeachtet, wurde sie sammt ihrem Mann mit fortgeschleppt. Ich setzte mich in die Sänfte und nahm das Kind auf meinen Schooss, aber nun bat mich Christiane, das Mädchen, welches vorhin erzählte, mit Tränen, sie doch auch mitzunehmen. Ich tats, und will sie so lange behalten, bis ich ihr eine gute herrschaft ausgemacht habe. Wie ich zu haus kam, legte ich gleich das arme kleine L i e s c h e n ins Bette, und gab ihm etwas Stärkendes. Unterdessen kam der Arzt. Nachdem er seinen Zustand untersucht hatte, fand er, dass. es die Auszehrung habe. Da sie aber noch im Anfang sei, und es eine starke natur zu haben schiene, so hoffe er es mit Gottes hülfe noch zu retten. Wird es wieder besser, so werde ich die sonderbare Art, durch die ich es fand, für einen Wink des himmels ansehen, und auf alle mögliche Art für seine gute Erziehung sorgen. Dieser Auftritt hat mich so erschüttert, dass ich heute nicht im stand bin, Ihren Brief, meine Teure, zu beantworten. Ich muss auch wieder zu dem armen L i e s c h e n gehen. Ewig bleibe ich die Ihrige
Marie.
Siebenter Brief
Sophie an Marien
Ihr Brief hat mich sehr gerührt, teuerste Freundinn. Denn ob ich gleich oft ein unbesonnenes, lebhaftes Ding bin, so ist doch mein Herz auch fähig, von den Gefühlen des Mitleids bei dem Leiden andrer Menschen sehr lebhaft durchdrungen zu werden. Der Segen des himmels muss bei Ihnen wohnen, meine M a r i e , dass Sie zu einem so schönen Werkzeug der Rettung eines unschuldigen Kindes ausersehen wurden.
O! meine Freundinn, mein Herz wird von einem schweren Kummer niedergedrückt. Schon sechs Tage sind vergangen, ohne dass ich Karlsheim sah! Er scheint unser Haus, er scheint meine Gesellschaft zu meiden, und sonst suchte er so eifrig alle gelegenheit auf, mich zu sehen. Und o, wie schien er so ganz von den zärtlichsten Gefühlen durchdrungen, wenn er bei mir war! Wie entzückte ihn mein blick! wie zitterte seine Hand, wenn sie die meinige berührte! und jetzt vermeidet er mich. O Gott! und doch fühle ichs, dass ich ihn noch unaussprechlich liebe, dass ich nur in ihm lebe. O, ich glaubte zu fühlen, dass die Freuden des Lebens, von denen ich bisher nur die Oberfläche berührte, in seiner Liebe mir aufblüheten. Unseliger Irrtum! Was mag ihn wohl zu dieser sonderbaren Aufführung bewegen? Ich beleidigte ihn ja nie mit einem Gedanken; aber was sollen diese Klagen? Ich will mich bemühen, den Undankbaren zu vergessen. Leben Sie wohl, M a r i e , und bedauern Sie mich.
Sophie.
Achter Brief
Marie an Sophien
Ich nehme den lebhaftesten Anteil an allem, was Ihnen begegnet, und der Kummer meiner S o p h i e geht mich so nahe an, als mein eigner. Aber verzeihen Sie mir, liebe Freundinn, noch scheinen Sie mir keine gegründete Ursache zum Klagen zu haben. Vielleicht ist K a r l s h e i m verreist, und sehnt sich aufs stärkste nach Ihnen zurück; vielleicht auch verhindert ihn eine Unpässlichkeit, Sie zu besuchen, oder doch andere wichtige Ursachen. Nach dem, was Sie mir von ihm geschrieben haben, scheint er mir nicht der Mann zu sein, der Liebe gegen ein Mädchen erkünstelt, um ihrer zu spotten. Ich halte ihn zwar für etwas weich – vielleicht zu weich – für fähig schnell Eindrücke zu empfangen; aber Ihre Bekanntschaft mit ihm ist doch noch zu neu, als dass sein Herz schon Ihrer satt sein könnte, wenn er wirkliche Liebe gefühlt hat, und diess sein Betragen gegen Sie schien doch von Liebe zu zeugen. Doch vielleicht liegt schon der wiederkehrende K a r l s h e i m zu Ihren Füssen, hat schon Vergebung seines langen Aussenbleibens von Ihnen empfangen, während dass ich sitze und lauter Vermutungen über eine Sache Ihnen schreibe, die er selbst bereits Ihnen erläutert hat.
Mein kleines L i e s c h e n bessert sich mit jedem Tage. Heute war sie zum erstenmal aufgestanden, und kam auf ihren schwachen Füsschen in mein Zimmer. Ich hatte ihr ein neues Kamisol und Röckchen von Catun machen lassen, nebst Wäsche und allem, was sonst dazu gehört. Sie sah recht artig darin aus, und blickte einigemal mit einem ziemlich wohlgefälligen blick in den