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. – "Ach, die kenn ich genau!" war die Antwort, "ich bin so manch liebes Mal in meinem Leben mit ihr gefahren, wenn kein Bedienter hintenaufstund. Sie gehört einer alten Schnattergans; Gott und ihr Vater werden's wissen, wie sie heisst: es fährt immer ein kleines lustiges Ding mit ihr, wir Jungen nennen sie nur das Baronesschen –"

Heinrich fiel ihm um den Hals. – "Die kennst du?" redete er in ihn hinein.

"Ach, das ist meine Herzensfreundin", sprach der Bursch. "Ihre Fenster gehen in ein kleines Gässchen: nun lassen Sie sich einmal sagen! Da treten wir hin und singen ein Liedchenetwa 'Mein Schätzel ist ein gutes Kind' oder so was, und da wirft sie uns Geld herunter, und da nehmen wir's und machen recht tiefe Bücklinge: da will sie sich zum Narren lachen."

Heinrich. Liebster, bester Freund! kannst du ihr nicht einen Brief heimlich zustecken?

Der Junge. Oh, sechse für einen! das alte Gespenst, bei der sie wohnt, passt zwar auf wie ein Flurschütze. Man darf ihr nicht einen Schritt zu nahe kommen, so flucht sie wie ein Teufel. Sie reisst das arme Nüsschen herum wie einen Wischlappen

"Das hässliche Weib!" rief Heinrich und knirschte.

"Aber lassen Sie sich nur sagen!" fuhr jener fort, "ich will den alten Bootsknecht schon anführen: ich schleiche mich zur Tür des Baronesschen und bitte, und wenn sie mir etwas gibt, schenk ich ihr mein Briefchen heimlich dafür. Unsereins versteht das schon." –

Er wurde morgen früh auf den nämlichen Platz bestellt, wo die heutige Unterredung gehalten worden war, die sich mit Versprechung eines ansehnlichen Trinkgeldes endigte, und der glückliche Heinrich ging stolz die Treppe hinan: er wandelte in den Lüften, und sein Scheitel berührte vor Übermut die Sterne.

Die Doktorin empfing ihn mit ihren gewöhnlichen überhäuften fragen und bekam nichts als lakonische Antworten: sein Glück schwellte ihn auf: das ganze alltägliche Leben um ihn her, alles, wovon und was man mit ihm sprach, war tief unter der Stimmung seiner Seele: er dünkte sich ein Gott, für welchen sterbliche Beschäftigungen und Reden des gewöhnlichen Gesprächs zu gering waren. Mit so erhöhtem Fluge der Gedanken und Empfindungen, als wenn er im Äter selbst schwebte, setzte er sich an den Tisch, um seinen Brief zu schreiben: seine Aufseherin, die nicht wusste, was er schrieb, lobte ihn mit vollem Halse über seinen Fleiss, dass er sich sogleich zur Arbeit kehrte und das Versäumte wieder einzubringen suchte. Wie ihm das Lob widrig schmeckte! Er hätte ihr vor Zorn an den Kopf fliegen mögen. Wen muss ein solcher Beifall über so nichtswerte Dinge wie Aktenschreiben nicht beleidigen, wenn man so überglücklich, so erhaben über sich selbst ist, als er sich in dem Augenblicke fühlte?

Er schrieb in sehr langer Zeit ein sehr kleines Billett; denn bei jedem Worte flogen seine Gedanken mit ihm davon, schweiften unter Projekten zu öftern Zusammenkünften, zu Entfliehungen und andern Mitteln, das Glück des Wiederfindens so gut als möglich zu nützen und sich Ulrikens Besitz zu versichern, herum, und über den unendlichen Gedankenwanderungen verschrieb er sich so vielfältig, dass kein Menschenverstand in dem Geschriebenen war, wenn er es durchlas: immer deuchte ihm, dass er noch etwas zu sagen hätte und nun noch etwaser sann nach, und dort lief sein Kopf mit ihm davon! Er schlossaber beim Jupiter! gerade das Wichtigste vergessen! Sonach bekam sein Brief sechs Schlüsse, und durch das öftre Wegwerfen der völlig unverständlichen Exemplare hatte er das Abendessen versäumt und Mitternacht herangebracht; und doch entielt das Billettchen nichts als eine Nachricht von seiner wohnung und eine Bitte, den Briefwechsel durch den Überbringer fortzusetzen und ihm bald zu einer Zusammenkunft zu verhelfen. Hier ist es, nach seiner Handschrift genau abgeschrieben. Liebe Ulrike, liebste Ulrike, allerliebste Ulrike!

Ich bin ausser mir. Schreibe mir heute noch. Ich weiss mich nicht vor übermenschlichem Glücke zu fassen. Ich bin bis in den Tod und in alle Ewigkeit

Dein aufrichtiger, ewig Dich zärtlich liebender

Heinrich.

N.S. Schreibe mir ja durch den Überbringer. Ich bin entzückt, über Sterne und Himmel bin ich tief, tief in die Seele entzückt, dass ich Dich wiederhabe. Der Überbringer ist ein Betteljunge. Schreibe mir ja oft durch ihn, alles, wie Dir's ergangen ist. Ich verbleibe lebenslang mit der grössten Zärtlichkeit und Liebe und Freundschaft und Zärtlichkeit, ich kann Dir gar nicht schreiben, wie sehr ich bin

Dein getreuer unveränderlicher zärtlicher

Heinrich.

N.S. Wenn ich Dich nur oft, recht oft, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten sehen könnte! Schreibe mir ja! Der Überbringer ist ein Bettler, der für ein Almosen unsern Briefwechsel besorgen wird. Lebe wohl, tausendmal wohl. Ach, dass ich nicht beständig bei Dir sein kann!

P.S. Ich wohne bei dem Doktor Nikasius. Ach Ulrike, ich sterbe vor Verlangen, wenn ich Dich nicht jeden Pulsschlag meines Lebens sehen kann. Glaube, dass ich bis in die Gruft und noch in jenem Leben Dich lieben werde. Aber ich kann Dich nicht genug lieben. Ich küsse Dich in Gedanken tausendmillionenmal und möchte weinen, dass ich's nur in Gedanken tun muss. Ich verharre unausgesetzt

Dein getreuer