Musik des Wassers nicht hörbar für ihn: alle Sinne hatten sich auf den einzigen Punkt seiner Seele zurückgezogen, wo seine unbefriedigte Ehrbegierde nagte: sein einziger Gedanke war: 'Ich bin der unglücklichste Sterbliche' – und seine ganze Empfindung bestund in dem schmerzlichen Gefühle seiner Unglückseligkeit. Den Kopf voll so schwarzer Schatten, wie die Felsen um ihn über das Tal deckten, das nämliche Getöse, Brausen und Rauschen in allen seinen Adern, wie von dem dahinschiessenden Flusse in den Felsen widerhallte, in der entsetzlichsten, menschenfeindlichsten Stimmung des Geistes, langte er bei der grossen Mühle an: unter dem Getöse des Wassers, das über die Räder dahinstürzte, schallten Menschenstimmen, lautes mutiges Gelächter hervor – er hätte umkehren mögen, so zurückscheuchend, so abstossend war für ihn der Ton. Er schlug die Augen auf und erblickte Menschengesichter, zwei gutgekleidete Frauenzimmer, die an der Mühle sassen, eine ältliche Dame, die zurückgelehnt schlief, und eine junge, die mit einem Stäbchen im Sande spielte. – 'O des widrigen Anblicks!' dachte er, 'wie die Ruhe aus dem schlafenden gesicht lacht, wie das Mädchen so zufrieden tändelt! Ist denn so viel Glück auf der Erde, dass man so zufrieden sein kann?' – Mit neidischer Bitterkeit dachte er es und kehrte das Gesicht von ihnen. Jetzt war er vor ihnen: ein Rest von seiner verfinsterten Menschenliebe lenkte seine Augen auf die Damen: die junge sah auf, beider blick blieb aufeinander hängen – er stunde – ging. – 'Wäre das nicht Ulrike? – Sie ist es!' – Seine täuschende Einbildung liess ihn zweimal das Zischeln ihrer stimme hören – jetzt schon wieder! – jetzt hörte er gar seinen Namen nennen! – sein Traum zwang ihn umzukehren. Die junge Dame stunde auf, und noch war er vier völlige Schritte von ihr, als sie auf ihn hervorschoss, mit beiden Armen um seinen Hals! Da standen sie beide, fest umklammert, als wenn eine Gotteit sie zu freundschaftlichen Bäumen einwurzeln liess! Keins sprach, keins bewegte sich. Ein Mühlbursch, der an der Tür lehnte und die stumme Umarmung mit ansah, glaubte sich aus Pflicht verbunden, die alte Dame zu wecken, zupfte sie am Ärmel und zeigte, als sie schnarchend auffuhr, mit dem Finger nach dem umarmten Paare. Die Alte ergriff den Spazierstock, der neben ihr lag, wackelte mit schlaftrunkner Eilfertigkeit hin und riss an Ulriken mit solcher Gewalt, dass sie beiden die Erschütterung eines elektrischen Schlages mitteilte: ihre Stärke reichte nicht zu, sie zu trennen, sondern sie musste den Mühlburschen zu hülfe rufen. Durch Vermittelung seiner nervichten hände brachte er sie auseinander, fasste, auf Befehl der Alten, die Baronesse in seine bestaubten arme und trug sie in die Mühle, ohne der häufigen Hiebe zu achten, die ihm Ulrikens Unwille mit der Faust auf die breite Nase versetzte. Heinrich fiel ihm ohne Anstand in den rücken und schlug auf ihn los, dass eine dicke Mehlwolke aus der grauen Jacke herausfuhr: alles umsonst! der Bursche liess seine Beute nicht fahren. Heinrich, in seinem Zorne, gerade auf die alte Dame los! doch wie er sich nach ihr wandte, hielt sie hinter seinem rücken ihren Rückzug in die Mühle – schnapp! war die Tür verschlossen.
Was zu tun? Den sämtlichen Mühltruppen zu widerstehn, fühlte er sich zu schwach: auch schien ihm Gewalt überhaupt zu nichts nütze. Kurz bedacht, entschloss er sich voranzugehn, um den Weg zu gewinnen und dann in einer kleinen Entfernung hinter Ulriken in die Stadt zu schleichen und so ihre wohnung zu erfahren. "Wenn ich nur diese weiss", sagte er sich, "dann sollen mich Millionen Mühlbursche und Tanten und Vettern nicht abhalten!" – Er setzte sich in den Marsch und wanderte mit so behenden Schritten, dass er sich kein einziges Mal umsah, ob ihm Ulrike folgte. Erst in einer kleinen Entfernung vom Schlage sah er eine Kutsche hinter ihm dreinwackeln, die er für dieselbe erkannte, welche nicht weit von dem Schauplatze seiner Wiedererkennung hielt: er erblickte die Baronesse darinne, verdriesslich in einen Winkel gedrückt; und nun wanderte er mutig hinterdrein. Sobald der Kutscher auf dem Pflaster war, schlug er die Pferde an, sie trabten dahin, um eine Ecke hinum – weg war die Kutsche! und erschien auch nicht wieder: wie wehe das tat!
Seine Bekanntschaft mit Betteljungen hatte sich seit seiner Ankunft in Dresden nicht verringert! sie passten ihm in der Nachbarschaft auf, um ihm ihr Anliegen zu entdecken, wenn er ausging oder nach haus kam, und genossen auf diese Weise den grössten teil seines Taschengeldes. Einer von diesen Pensionären fand sich auch jetzt bei ihm ein, als er, voll wichtiger Überlegungen, die Gasse heraufkam, und bat um eine kleine Gabe zur Abendmahlzeit. Der Bursch erregte bei seinem Wohltäter eine idee, dass er ihm zu folgen befahl: als sie im haus anlangten, beschrieb ihm Heinrich die Equipage, mit welcher er Ulriken hatte fahren sehen, umständlich und fragte, ob er sie nicht kennte. – "O ich kenne alle Kutschen und Mistwagen in der ganzen Stadt", fing der Junge an, "aber die Equipage kenn ich nicht." – "Nicht?" fragte Heinrich erschrocken. – "Halt!" hub der Junge von neuem an und verbesserte Heinrichs Beschreibung in vielen Umständen, "war sie nicht so?" – "Völlig so!" rief Heinrich entzückt