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Brausen und Getöse bald in leisen Pianos, bald mit der angestrengtesten Stärke, in wechselnden Solos und betäubenden Chörener staunte, mit melancholischem Schauer verweilte er bei dem herrlichen Anblicke, in tiefer Empfindung verloren, und nur mit Mühe riss er sich los. Auch hier schien er noch mehr von den Menschen Abschied zu nehmen: der grösste teil ging zurück, und nur zwei Einsame folgten ihm in verschiedenen Entfernungen, so tiefsinnig, als wenn sie eine Not in diesen Grund tragen oder eine Geliebte in ihm suchen wollten. Durch vielfache Wendungen des auf– und niedersteigenden weges ging er, den Fluss unaufhörlich zur Linken, unter fernem und nahem Wassergetöse dahin: jetzt stiegen jenseit des sprudelnden Stroms zwei waldichte Berge empor, boten sich freundschaftlich die arme und liessen unter ihnen eine breite aufsteigende Klufter sah in ihr hinauf und erblickte Gebäude: bald lehnte zur Rechten ein öder, unfruchtbarer, zerrissner Bergrücken mit fauler Bequemlichkeit da und trug auf seinen Schultern ein Dorf, von welchem Häuser, Leimwände und Strohdächer einzeln und in Gruppen über die Bergkrümmungen herabschielten: jetzt schloss sich die Aussicht ganz, er glaubte in einer weiten Felsenhöhle zu sein, aus welcher ein Fluss strömteplötzlich wand sich der Weg um einen hervorstehenden Berg und öffnete ein breites, mit Birken rings umschlossnes Tal: jetzt war diese Seite eine bergichte Wüste und jene ein lachender Hain, schnell wurde der Hain zum kahlen Felsengebirge und aus der Wüste ein bearbeiteter, bepflanzter Berg: hier stunden längs am wasser hin versilberte Weiden, in künstlichen Reihen gepflanzt, hinter ihnen im aufsteigenden Gebüsche herrschte die völlige Unordnung der natur: dort lehnte am Fuss einer Steinklippe ein Gärtchen voll junger Obstbäume, in weisse, blinkende Stäbe eingezäunt, dort hing eins, vom zerrissnen Dornzaune umgeben, mitten an einem schroffichten, dürren Berge, und mühsam schwebte dort zwischen Steinen ein arbeitsames Weib und behackte mit weitausgeholtem Schlage, der natur zum Trotz, ein Beetchen für die kleinen Bedürfnisse ihrer Tafel: ihre Kinder klimmten auf Händen und Füssen an den vielzackichten Felsen hinan, während dass die ältern Brüder sich schon auf der äussersten Spitze wiegten und mit lautem Händeklatschen der furchtsamen Schwestern lachten, wenn sie mit den ausweichenden Steinen weit zurückgleiteten und schrien, als wenn's dem jungen Leben gölte, ewig kletterten und ewig zurücktaumelten.

Der Schauplatz war leer, still, melancholisch tot, nichts als das fortwährende Geräusch des strudelnden Wassers hörbarhie und da eine klappernde Mühle, selten ein vorüberschiessender Landmann, der aus der Stadt zur wartenden Familie zurückeilte oder betrübt dem Arzt die Bezahlung für seine gestorbne Hausfrau hineintrug, noch seltner ein langsam wandelnder Fruchtwagen! – ausser diesen Unterbrechungen lag hier unter dem engen Horizonte die tiefste Einsamkeit ausgebreitet: Schweigen und Brausen war ihre Spracheeine Sprache, die so tief in Herrmanns herz eindrang, dass ihm schauerte: mit Zittern und Furcht stand er da, die Einsamkeit fesselte ihn an, und die Furcht drängte ihn von ihr hinweg: er suchte eine Anhöhe, stieg aus dem frischen Schatten zu ihr hinan und schaute aus dem Sonnenglanze in die düstere Tiefe, das einzige Meisterstück der natur, hinab. Auch die beiden Spaziergänger, die ihm anfangs folgten, waren umgekehrt, der Träumer ganz allein.

"O wie ist dies Tal so still und wie mein Herz so unruhig!" – war sein erster Ausruf, als er eine Weile ernstaft hinabgesehn hatte. – "Von Leidenschaften gepeinigt, gepeitscht wie der Strudel, der hier vor mit schäumt! – So soll ich dann ewig im Staube mich wälzen, ewig ein unwirksamer Nichtsnütziger bleiben? nimmermehr eine Tat tun, die mir nur einen Kranz der Ehre erwirbt? durchs Leben dahinschleichen, mir immer helfen lassen und niemandem helfen können? ein Lastträger in der Welt sein, zu den niedrigsten arbeiten verdammt? – O die glücklichen Sterblichen, die Antonine, die Aurele und die gleich ihnen sich den Dank einer halben Welt und aller künftigen zeiten verdienen konnten! Warum musste ich nun der einzige sein, der in rühmlicher Tätigkeit gern alle Adern seines Leibes zersprengen möchte und doch wie ein Ackergaul im langweiligen Karren ziehen soll? – Das Herz möchte mir springen vor überströmender Wirksamkeit; und da sitz ich, angefesselt am Blocke, muss dienen und arbeiten und sehe dessen kein Ende: kein Ende, wie ich's wünschte! Was hilft's, wenn ich jahrelang mich um den kümmerlichen Bissen Nahrung quäle? – ich bleibe doch ein Verachteter, ein Auswurf der Menschheit, der nie besitzen darf, was er liebt: Ulrike bleibt doch ein unerringbares Gut, nach dem ich nicht einmal ohne Beschimpfung sterben kann. Sie wird mich vergessen lernen, weil sie sich meiner nicht erinnern darf: sie wird mich verachten, weil man ihr die Liebe verwehrt. – Aber ich muss meinem Schicksal entgegenarbeiten! ich muss mich stemmen, ihm trotzen und wider seinen Willen erlangen, was ich will. – Fort mit mir, so weit mich meine Füsse tragen! Wo das Land fehlt, mag es ein Schiff tun! Entweder alles, was ich wünsche, oder gar nichts! Mag ich auf dem land oder im Meere umkommen! es kommt doch immer nur ein Elender um, den niemand beklagt, weil ihn niemand kennt." –

Er sprang auf, eilte die Anhöhe herab mit allen Bewegungen trostloser Wut, dass ihm der losgetretene Kies haufenweise nachrollte, ging mit heftigen Schritten am wasser zurück: Höhlen, Klüfte, Büsche, Felsen, alles war für ihn vernichtet, selbst die