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begünstigt habe', oder 'dass Anna Klara Eissfeldin, alle rechtliche Notdurft vorbehältlich, sotanes ihre Befugnis zu erweisen schuldig sei' – mitten unter solchen trocknen Beschäftigungen flog seine Seele in die Gefilde der Liebe hinüber, schwebte wie ein zweiter Herkules nach ausgekämpftem Streite mit Hindernissen, Ungemächlichkeiten und Arbeit, Ulriken, seinen errungnen Preis, im arme, triumphierend daher: nach seinem Gefühle war er ein Held, der sich durch Leiden und Taten zum Halbgotte hinaufschwingen sollte. Die Feder stunde bei solchen Flügeln der Einbildung freilich oft still: seine Aufseherin schrie: "Geschrieben! geschrieben!" – und die Hand flog im Galopp durch den holprichten, steinichten Aktenstil dahin, weil er mit jedem sauren zug Ulriken durch eine Beschwerlichkeit mehr verdient zu haben glaubte.

Inzwischen erleichterte ihm doch der Doktor die Mühe seiner herkulischen Laufbahn mit vieler Billigkeit: ohne dass es seine Frau erfuhr, liess er den grössten teil der Arbeit durch einen heimlich besoldeten Schreiber ausser dem haus tun und gab Herrmannen nur solche Sachen, die nicht dringend waren noch vorzügliche Genauigkeit erfoderten, und auch nur in geringer Menge. Unter dem Vorwande, dass er ihn brauche, nahm er ihn jedesmal mit sich, wenn er auf Gerichtsbestallungen reiste, um ihn zu zerstreuen und ihm Erholung zu verschaffen, und vor dem Tore lud er seinen heimlichen wirklichen Schreiber auf, der die Arbeit verrichten musste, während dass Heinrich in den Feldern spazieren oder sich mit andren ländlichen Winterergötzlichkeiten vergnügen konnte. Solche kleine Reisen waren für ihn Fahrten zur Freude; er wurde von dem Drachen, der ihn bewachte, erlöst, und jedes Dorf, wohin sie ihn führten, gab ihm das Bild seines Vaterstädtchens, das Herrschaftshaus eine Vorstellung vom schloss des Grafen Ohlau und Garten und Felder jede Szene kindischer Glückseligkeit wieder: Schwinger, die Baronesse, alle wandelten neben ihm her, sie stunden vor ihm, sie sprachen mit ihm: die kahlen, bereiften Bäume am gefrornen wasser waren ihm seine Feinde, die vom Himmel gezüchtet, verworfen, traurig und verlassen dastunden und ihre Bosheit bereuten. Oft glühte ihm bei solchen Gedanken sein Innerstes wie von aufloderndem Feuer, indessen ihm hände und Gesicht vor Kälte starrten, ohne dass er es fühlte.

Siebentes Kapitel

Jetzt hatte er unter so mancherlei Freuden, Ängstlichkeiten, Täuschungen, Hoffnungen, Arbeit und Kummer einen ganzen Winter in Dresden zugebracht, Ulriken sehnlich erwartet, und noch war sie nicht da, wenigstens nicht für ihn da, weil er sie nicht zu finden wusste. Der Frühling erschien, und noch hatte er sie nicht gefunden. Mit dem Aufleben der natur wachten auch seine Triebe und Tätigkeit zu ihrer alten Stärke auf: das Aktenschreiben wurde ihm auf einmal eine Last, die wie ein Alpengebirge drückte: die Einsperrung, die er bei der Erstorbenheit des Winters nur wenig fühlte, machte jetzt seine stube zum Gefängnis: die ganze Welt wurde ihm zu enge. Die Frau mochte rufen und schreien, soviel sie wollteseine Feder ruhte: sie mochte noch sooft fragen, wohin er gingeer ging: sie mochte schelten, drohen und strafener achtete nichts, widersprach ihr mutig und behauptete hartnäckig die Freiheit, ausgehn zu können, wenn es ihm beliebte, und der Doktor unterstützte seine Ansprüche, soviel er vermochte. Er schweifte wieder herum wie ein Papilion, der aus der zersprengten Hülle eben hervorgeflattert ist: er freute sich der muntern Saat, des hervorbrechenden Laubes, der wirtschaftlichen Tätigkeit in Feldern und Weinbergen, der allgemeinen Emsigkeit, die ihm aus der reizenden Landschaft ein Paradies machte.

Bei allen Freuden trug er doch eine Unruhe mit sich herum, die ihn überredete, dass er unter allen diesen wirksamen Geschöpfen das unglücklichste sei: er beneidete die Ackersleute, die so vergnügt mit lautem Pfeifen hinter dem Pfluge dreinschritten, mit niemandem unzufrieden als mit ihren Pferden: ein Trupp froher Landmädchen, die mit froher Geschäftigkeit den Acker reinigten oder lachend und scherzend ein andres Geschäfte verrichteten, versetzte ihn in Traurigkeit, und ein Bauerkerl, der mit einer dickstämmigen Dorfvenus schäkerte, erregte seine Galle.

Sein Weg führte ihn an einem heitern, sonnichten Nachmittage durch die Felder nach dem Plauenschen grund hin, den er jetzt zum ersten Male kennenlernte: er folgte, ohne es recht zu wollen, der Menge Menschen, die eben damals ihren Spaziergang dortin taten. In sich vertieft, wurde er allmählich von einem nahenden Wassergeräusche erweckt, und ringsum betäubte ihn das Konzert rauschender Wasserstürze klappernder Mühlen und des herabschiessenden Flössholzes, das in den schäumenden Strudel mit hohlem Getöse hineinstürzte, verschwand, weit jenseit des Schaumes wieder langsam emporkam und sanft dahinschwamm. Auf einer Seite nackte Felsen, auf der andern Berge mit Gesträuch und Busch, vor sich eine Fläche mit Holz, wie mit schwimmenden Nachen bedecktes schien ihm der Eingang in den Wohnsitz eines Gottes zu sein: er ging längst den Felsen hin, und seine begleitenden Spaziergänger verliessen ihn schon, als wenn sie sich nicht in das Heiligtum der natur getrauten. Er trat auf die zweite brücke, und vor ihm stand ein Amphiteater, das in der Schöpfung nur einmal wurde. Auf der linken Seite dunkelbraune, glattgeschnittne Felsenwände, schief wie Kulissen einer Schaubühne hintereinandergestellt, aus dem Flusse, der sich an ihrem fuss in wirbelnden Wallungen bricht, zu den Wolken gerade emporsteigend; rechts am Flusse der phantastisch geschlungne Weg mit strauchichten, rauhen Bergen, die mit den Felsenwänden sich zu vereinigen scheinen, um die Szene zu schliessen; in der Mitte das ausgespannte wasser; im rücken und vorwärts