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einem paar Tagen erging durch die Doktorin ein abermaliger Befehl, dass er sich zur Kammerjungfer des nämlichen Hauses verfügen sollte, an welche ihn der Kammerdiener empfohlen habe. Mit etlichen Segeln der Erwartung weniger ging er abermals und kam abermals mit der Versicherung zurück, dass sie für ihn sorgen wollte.

In einer Woche darauf musste er sich vor der gnädigen Frau stellen, an welche ihn die Kammerjungfer empfohlen hatte: man meldete ihn, sie kam im Pudermantel heraus, liess sich seinen Namen sagen und versicherte, dass sie für ihn sorgen wollte. Der Friseur schlug mit der pudervollen Quaste los, und Herrmann kam zum ersten Male nicht leer zurück; denn er war voller Puder.

In vierzehn Tagen wurde ihm nach vielem Betreiben der Doktorsfrau, die nur entfernt durch den Kammerdiener auf die übrigen Hebel seines Glücks wirken konnte, die Erlaubnis gegeben, vor dem gnädigen Herrn zu erscheinen. Er verwies ihn an den Hofmeister, der ihn examinieren sollte. Der Hofmeister bestellte ihn in acht Tagen, sonntags nach geschlossner Nachmittagspredigt. Er ging, aber so demütig, so langsam wie ein Schiff ohne Wind: alle Segel waren beigelegt. Der Examinator war nicht zu haus. Die Kinderfrau riet ihm, morgen früh wiederzukehren: er tat es, der Examinator hatte keine Zeit.

Er verwunderte sich äusserst gegen seine erste und älteste Patronin, die Doktorsfrau, über die Verzögerung. – "Ach", sagte jene, "man hat etwas versehen. Der Herr Magister ist sonst ein lieber, gottesfürchtiger Mann: aber Sie hätten ihm die Visite machen sollen. Das hat er übelgenommen! nun ist's da vorbei." –

"Wegen einer Visite will er mein ganzes Glück, mein Emporkommen hindern?" rief Heinrich, wie aus den Wolken gefallen.

"Ja", erwiderte die Doktorin, "das ist nicht anders: es will doch ein jeder sein Recht haben." –

Gute Nacht Minister, Geheimerat, Hofrat! Weg waren die glänzenden Aussichten der Ehre! vom Winde verweht! der aufklimmende Jüngling von der erträumten Höhe, die er mit einem Schritte erreicht zu haben hoffte, wo ihm menschenfreundliche Grösse und wohltätige Gewalt Kränze und Lorbeeren entgegenboten, durch einen plötzlichen Windstoss zurückgeworfen, in die unbedeutendste Geringfügigkeit zurückgesetzt! Er fühlte schmerzlich, dass er nur der Schreiber eines Advokaten war, und fürchtete ebenso schmerzlich, dass er nichts weiter werden sollte. Wie ein Vogel mit frischbeschnittnen Flügeln schlich er traurig im haus herum und verschmähte das reichlich aufgeschüttete Futter, weil er nicht mehr fliegen durfte.

Während dieses verunglückten Laufes nach der

Ehre hatte der Eigennutz seiner Patronin eine Ursache gefunden, seine Entfernung aus dem haus nicht mehr zu betreiben: deswegen war sie auch so kaltblütig über die unterlassne Visite, die sie sonst mit der schärfsten Strenge geahndet hätte. Der bisherige Schreiber ihres Mannes hatte durch ihren Vorschub eine Versorgung bei einer adligen herrschaft auf dem land bekommen, und es schien ihr ungemein schicklich, den jungen Herrmann, für welchen Tisch und wohnung bezahlt wurde, an seine Stelle zu setzen und also einen Artikel ihres Aufwands zu ersparen. Der Mann wollte aus dem guten grund nicht daran, weil der junge Mensch die Arbeit nicht allein versehen könnte und weil es unbillig wäre, jemandem eine Bürde aufzuladen, die er ungern trüge, ohne ihn dafür zu belohnen: allein sie gebot ihm zu schweigen und sich nicht in Finanzsachen zu mischen, die sie besser verstünde. Sie setzte ihr Projekt mit vieler Hitze durch und übernahm selbst die Aufsicht über den Fleiss des neuen Schreibers: wenn die Feder nur ein paar Minuten ruhte, so schallte ihm schon der Befehl ins Ohr: "Geschrieben! geschrieben!" – Er durfte ohne Erlaubnis keinen Fuss über die Schwelle setzen: bei seiner Rückkunft war er allemal zu lange aussengeblieben, wenn er gleich die vergönnte Zeit nicht überschritten hatte; und dann musste er ein Verhör ausstehen wie ein Delinquent. – "Wo ist man gewesen? Was hat man gemacht? Was hat man gesprochen? Was hat man gedacht?" – stunde er nach dem Verhör ein paar Minuten zu lange müssig da, so erging der Befehl: "An die Arbeit! an die Arbeit! Nicht so müssig dagestanden! Wer essen will, muss sich sein Brot verdienen." – Bei Tische ass er ihr zu langsam, ward zu spät fertig und sollte schon mit dem letzten Bissen die Feder wieder ergreifen: des Morgens konnte er nie zeitig genug ausschlafen, ob er gleich von Kindheit an zum frühen Aufstehn gewöhnt war, und des Abends nie zeitig genug zu Bette gehen, weil er nichts tat und doch Licht verbrannte. Sein Ofen nahm immer das meiste Holz hinweg, so sparsam ihm auch eingeheizt wurde und sosehr er auch fror, dass er zuweilen kaum die Feder zu regieren vermochte; und wenn der Himmel nur einen weniger kalten Tag gab, wo das Termometer nicht auf dem Gefrierpunkte stunde, so wurde das Heizen bei ihm ganz eingestellt. Dabei unterliess sie nicht, seinem Ehrgeize mit himmlischen Erwartungen zu schmeicheln, dass er alle seine Kräfte anspannte und jedes tägliche Ungemach mit Heldenmute ertrug, um nach einigen Jahren voll Beschwerlichkeit und Arbeit das Goldne Vlies zu erringen, das man ihm vorhielt, und die erkämpfte Beute mit Ulriken zu teilen. Die Aussicht auf dieses Glück bewaffnete ihn mit eherner Standhaftigkeit: oft, mitten in seinen trocknen Beschäftigungen, wenn seine Hand auf das Papier malte, 'dass Hans wider Gürgen klagend einkomme, weil er ihn mit zwei Ohrfeigen und drei Stockschlägen