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: man mochte weinen oder lachen, er blieb immer derselbe und durchirrte mit forschendem Auge Logen und Zirkel: umsonst! er fand nicht, was er suchte: es wurde ihm bänglich, er konnte nicht bleiben: er musste gehen, wenngleich das Schauspiel nur halb geendigt war. Die Leute im haus wunderten sich ausserordentlich über seine häufigen Wanderungen, und die Frau Doktorin, eine strenge Sittenrichterin, hatte ihn gar in einem gewissen argen Verdachte und hielt ihm deswegen eine kraftvolle Rede über Lüderlichkeit und Verführung, wovon er kein Wort verstund. Auch der Doktor befragte ihn über die Ursache seines beständigen Ausgehens: dass er sie nur ganz verraten hätte! Er wandte eine Bänglichkeit vor, die ihm an keinem Orte zu bleiben verstatte, eine Unruhe, Angst, die nur Bewegung und freie Luft milderten: – alles die lautere Wahrheit! – "So recht, mein Sohn!" sagte der Doktor, "Bewegung ist dergestalt und allermassen der beste Koch und der beste Apoteker: es ist das junge, warme Blut, das dir die Unruhe macht. Du sollst mir vierzehn Tage über kein Wort schreiben, und lauf dir alle Tage ein Paar Schuhe entzwei! Ich will sie bezahlen." –

Da sonach aus einer genommenen Freiheit eine gegebne geworden war, so bediente er sich ihrer desto reichlicher. Auf seinen Irrungen durch Feld, Busch und Strassen fand sich allmählich das alte Projekt wieder ein, das er mit der Baronesse bei der Verwechselung der Ringe entworfen hatte: er wünschte, es ausgeführt zu sehen, und es schien ihm bald höchstwahrscheinlich, dass die Baronesse ihm von ihrem Kommen nach Dresden heimliche Nachricht gegeben habe, um es mit ihm auszuführen. – 'Hui! das ist es!' dachte er 'Hier kann uns der Graf nicht hindern oder in unsrer Liebe stören: hier hat er nichts zu befehlen: der alten Anverwandtin, wohin sie kommen soll, kann sie wohl leicht entwischen. Sie bleibt so lange auf einem dorf versteckt, bis die alte Anverwandtin stirbt -wenn sie nur recht alt wäre! –, oder wenn sie auch lange leben bleibt, so hol ich Ulriken unter einem fremden Namen zurück, heirate sie, undIch muss nur Anstalt machen und dem Rate der Doktorin folgen, damit ich unterdessen emporsteigen und etwas Grosses werden kann. – O über das entsetzliche Schicksal, dass mein Vater ein Einnehmer sein musste! Da wär's so leicht, sie zu besitzen! – Aber warum musste nun mein Vater nur ein Einnehmer sein? Es war doch so eine Kleinigkeit, ihn zum Baron zu machen.' –

Kaum war dies jugendliche Projekt zur Welt gebracht, so eilte er schon zur Frau Doktorin und bat sie flehentlich, ihn die versprochne Unterstützung auf der Bahn der Ehre und des Glücks nunmehr geniessen zu lassen: er wolle alles daran wagen und die äusserste Mühe nicht sparen, um ein grosser Mann zu werden. Die Doktorsfrau, voller Freuden, ihn plötzlich dem Ziele so nahe zu sehen, wohin er sollte, bestärkte ihn in seinen ehrgeizigen Illusionen und fachte seine Begierde durch goldne Erwartungen so gewaltig an, dass sie lichterloh brannte: sie stellte ihm zwar vor, dass man klein anfangen müsste – "schadet nichts!" unterbrach er sie hitzig, "klein! noch so klein! nur her damit!" –, "aber", fuhr sie fort, "man hat der Exempel sehr viele, dass aus Schreibern Hofräte, Geheimeräte, Minister geworden sind." –

"Das wäre!" rief Herrmann entzückt und war in seinen Gedanken schon wenigstens Geheimerat, wo nicht wirklicher Minister. "Ja, man hat der Exempel!" erwiderte die Doktorin. "Wenn man nur Geschick und ein gutes Ingenium hat, sich gut aufführt und fromm und gottesfürchtig ist, so kann man steigen, ehe man sich's versieht. Ich habe Sie schon dem Kammerdiener empfohlen, den Sie oft bei uns gesehen haben müssen: er ist zwar in keinem der grössten Häuser: aber sein Herr braucht immer Sekretäre und Schreiber; und was er mit der Zeit nicht durch sich selbst tun kann, das vermag er durch Empfehlungen. Es ist ein sehr gottesfürchtiger, braver Mann und rechter, guter Christ." –

Herrmann konnte sich vor Vergnügen nicht fassen und flog schon auf den goldnen Fittichen der Ehre Ulrikens Umarmung entgegen, sah sich an ihrer Seite geehrt, blühend, glücklich und fähig, andre glücklich zu machen: er war in seinem Traume schon von Mengen umringt, die ihm ihr Wohlsein verdankten: er zerschmolz in der seligen Vorstellung, so viel Ehrenvolles, Rühmliches, Grosses getan zu haben, und Antonin konnte seiner Unsterblichkeit nicht gewisser sein als er. Das herrliche Bild begeisterte ihn, dass er seine Kraft in sich erhöht, jede Fiber zu Tätigkeit und Unternehmungen angespannt und sein ganzes Wesen über sich selbst erhaben fühlte.

Der Flug seiner Einbildung senkte sich freilich schon nicht wenig, als er den folgenden Tag befehligt wurde, dem Kammerdiener aufzuwarten: das war ein Schreckschuss, der seinen Traum zur Hälfte verscheuchte. Er eilte zur bestimmten Stunde mit vollen Segeln der Erwartung zu ihm: sein Patron wusste nicht das mindste von ihm: Herrmann trug ihm mit fliessender Beredsamkeit den Bewegungsgrund seines Besuchs vor: der Patron besann sich langejetzt wusste er, dass die Frau Doktorin ihm gestern oder vor einigen Tagen davon gesagt hatte. – "Ich werde für Sie sorgen", schloss er und brach den Besuch ab.

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