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gesprochnen Worten warf er ihm alle empfangene Briefe in die hände: der Doktor las sie durch und fand in keinem sonderliche Ursache zur Freude, noch viel weniger eine Nachricht, wer kommen sollte. Er sah unter dem Lesen von Zeit zu Zeit nach Heinrichen hin, dessen Füsse sich immer wie zum Tanze huben, während dass die Freude sein Gesicht in konvulsivischen Bewegungen ununterbrochen erhielt: der Doktor war von der Meinung der gegenüber wohnenden Dame und riet ihm mit bedenklicher Miene, sich schlafen zu legen. – "Oh", rief Herrmann, "heute kann ich weder essen noch trinken, noch schlafen: ich bin ausser mir: ich möchte vor Freuden zum Fenster hinabspringen." – 'Da ist ja der deutlichste Beweis, dass die Dame recht hat', dachte der Doktor und machte das Fenster zu. –

"Du armer Junge!" sprach er zu ihm und streichelte seine schwitzenden, glühenden Backen – "du hast Hitze: Nur Geduld! halte dich nur ruhig! es wird sich schon geben."

"Ach, ruhig!" sprach Heinrich mit beklemmter stimme, "es drückt mir das Herz ab." –

Der Doktor fühlte ihm nach dem herz. "Armes Tier!" sagte er mitleidig, "es klopft wahrhaftig wie eine Mahlmühle. Ein Aderschlag! Warte! Ein Aderschlag!"

Heinrich versicherte, dass ihm wohl wäre, wohl wie im Himmel, und dass er keines Aderschlages bedürfte. Der Doktor tröstete ihn, dass es sich wohl mit ihm bessern werde. – "Aber es fehlt mir ja nichts", rief Herrmann entrüstet. – "Nur gemach, mein Sohn!" unterbrach ihn der Doktor, "es wird schon besser werden." – Er untersuchte die Fenster noch einmal, befestigte die Wirbel, so gut er konnte, mit den Vorhangschnuren und marschierte ab, weil ihn seine Arbeit rief:zu grössrer Sicherheit befahl er dem Bedienten, von Zeit zu Zeit an der Tür zu horchen, auf dem saal beständig zu patrouillieren und ihn bei dem geringsten verdächtigen Geräusche herbeizuholen.

Jetzt verflog allmählich der erste Taumel der Freude bei Heinrichen, und seine Empfindung fing an, bänglich zu werden. Sehnen, Ungeduld, Begierde, Unwillen, nicht schon zu haben, was er wünschte und erwartete, Ängstlichkeit, Besorgnis, ob es auch gewiss geschehen werdealles erwachte in einer Reihe, und wie sein Blut vorhin vor Freude brauste, so wallte und kochte es jetzt vor Unruhe. – 'Zu welchem Tore wird sie hereinkommen? Wo wird sie wohnen? werde ich sie finden? Wenn wir nun einander ewig suchten und nicht fänden? Wenn ich nicht zu ihr dürfte? sie allentalben sehen und nirgends sprechen dürfte? Wenn ich niemals mit ihr allein reden könnte? Wenn sie nun hier einen Kavalier fände, der sie allentalben begleitete, mit ihr spräche, tändelte und scherzte, und ich armer Sohn eines Einnehmers müsste das alles ansehn! müsste schweigen, meinen Zorn in mir nagen mich von Kummer und Herzeleid über den Anblick verzehren lassen!' – Tausend ähnliche Besorgnisse und Grillen stiegen wie Gespenster in ihm auf, wurden immer ernster, immer schreckender und endlich so schwarz, dass er seufzte und vor Bangigkeit nicht wusste, wohin er sich wenden sollte als wenn schon alles mögliche Unglück über sein Haupt zusammengestürzt wäre, das er fürchten konnte.

Er rührte weder Essen noch Trinken an: sein Magen war wie überladen. Der Doktor besuchte ihn noch einmal, fand ihn zu seinem Vergnügen völlig vernünftig wieder und liess nicht nach, bis er in seiner Gegenwart schlafen gegangen war: der Bediente musste in der stube wachen, und er brachte seiner Frau die angenehme Nachricht, dass er wieder richtig wäre.

Sechstes Kapitel

Unterdessen hatte die Frau Doktorin, da sie Heinrichs Entfernung aus dem haus nicht mit Gewalt durchsetzen konnte, bei sich überlegt, dass sie ihren Mann durch eine feine Gleissnerei am sichersten dazu bewegen werde. Je eifriger sie nach der Entdeckung, dass es zuweilen mit ihm rappele, seiner los zu sein wünschte, je mehr gab sie sich die Miene, als wenn ihr sein Fortkommen besonders am Herzen läge: sie redete ihm viel vor, wie zeitig ein Mensch von kopf sich bemühen müsste, etwas zu werden, und wie hoch man's bringen könnte, wenn man recht jung anfinge, wie leicht es in seinem Alter sei unterzukommen, wenn man vorliebnähme und eine Zeitlang sich gehorsam in andre Leute schickte und fügte, um durch sie weiter befördert zu werden. Herrmann hörte ihre Predigten aufmerksam an, aber die Sache schmeckte ihm nicht: Ulrikens Billett hatte seinen Gedanken und Empfindungen eine ganz andre Richtung gegeben: die Ehre reizte ihn jetzt wie eine Speise, die man auf den Fall aufhebt, wenn man keine bessre hat. Die Dame war nicht wenig aufgebracht, dass ihr auch dieses Mittel fehlschlagen wollte: doch gab sie ihren Plan nicht ganz auf.

Desto eifriger verfolgte seit dem Empfange des Billetts Herrmann den seinigen. Vom Morgen bis zum Mittag, vom Mittagessen bis zum späten Abend war er bei Regenwetter und Sonnenscheine in Bewegung, wanderte die Gassen durch, ging zu einem Tore hinaus, zum andern herein, spionierte jedes Frauenzimmergesicht, das hinter der Glasscheibe lauschte oder zum offenen Fenster heraussah, begaffte jedes, das in einer Kutsche vorbeifuhr oder zu fuss vor und neben ihm wandelte, verfehlte keine Komödie, keine Oper, solange sein kleines Taschengeld zureichte: das Schauspiel war für ihn so gut als nicht da