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um uns herumkrabbeln. Wievielmal mag das schon geschehn sein! Ich habe sie vielleicht im Vorbeigehn berührt, habe sie vielleicht beim Herausgehn aus der Komödie gedrückt, bin dicht an sie gepresst worden, und keins von uns wusste, wie nahe das war, was wir suchten. – O ich möchte den SchwingerOb er denn gar mit keinem Worte an sie denkt? Ob ich's vielleicht in der Eilfertigkeit überhüpft habe? Ob es vielleicht am rand steht? Ich habe ja wohl den Brief noch nicht ganz gelesen.' –

Er sprang auf, ergriff den Brief, las ihn noch einmal vom Anfange bedächtig durch und jeden Satz zwei-, dreimal, um ja nichts zu übersehen, kam an den Ort, wo er vorhin abgebrochen hatte, und das erste Wort der ungelesnen Periode war – 'die Baronesse'. Seine Augen glänzten vor Freude, er war von dem freudigen Schimmer halb geblendet, er las fünf-, sechsmaldie 'Baronesse' –, blinkte mit den Augen und konnte nichts erkennen. – 'Die Baronesse grüsst dich und hat ein kleines Billet beigelegt.' – "Ein Billett?" rief er, wie trunken. "Aber wo ist es? Hat er's vielleicht vergessen?–"

Hurtig wurden alle Briefe durchschüttelt, befühlt, übereinander geworfen: da war kein Billett! – Aber wie denn, im Umschlage? – Er riss ihn auf- Da war es! verkrochen im äussersten Winkel! Das hartnäckige Siegel wollte nicht weichen: er riss und riss das Billett in drei Stücken, dass er die zerfleischten Fragmente mühsam zusammenlegen musste, um den Inhalt herauszubuchstabieren. Endlich brachte er heraus: Lieber Herrmann! Ich freue mich, dass Sie gesund sind und dass es Ihnen wohlgeht. Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin und leben Sie wohl. Ich bin

Ihre aufrichtige Freundin,

Baronesse von Breisach.

"Was ist mir denn das für ein Billett?" sagte er und liess die Hand langsam mit ihm sinken. "So fremd! so vornehm! als wenn's die Gräfin geschrieben hätte! – Es ist vorbei! Sie ist geworden wie sie allesie verachtet mich: mein Stand ist ihr verächtlich. O ich Elender! dass mein Vater ein Einnehmer sein musste! – Zugetraut hätt ich ihr das nicht: aber es ist eine Baronesse. – Ich möchte Blut weinen, dass ich so ein verachtetes, weggeworfnes geschöpf bin. – Es ist aus: sie liebt einen vornehmen Narren, und ich muss hier als ein elender Schreiber in Kummer, Jammer, Not, Verachtung vermodern. – Sonst hiess es 'Such einen Dienst, Heinrich!' – und jetzt: 'Denken Sie zuweilen an Ihre Schulkameradin!' – Ich möchte den kalten vornehmen Wisch gleich zum Fenster hinauswerfen, dass es jedermann lesen könnte, wie schlecht sie gegen mich handelt." –

Wirklich machte er auch auf der Stelle Anstalt dazu, riss das Fenster auf, und wie er das Blatt gegen das Licht hielt und sich bedachte, ob er sie der angedrohten Schande aussetzen sollte, wurde er eine Menge Nadelstiche darinne gewahr: die Entdeckung erinnerte ihn an den vorigen geheimen Briefwechsel, er folgte der Spur und buchstabierte aus den Stichen bald ein 'Ich' zusammen. Mit zitternder Ungeduld suchte er den Rest der Nadelschrift zu entziffern und brachte nach langer Mühe heraus: – 'Ich komme nach Dresden. Bist Du mir noch gut?' –

"Ja, ja, ja!" rief er überlaut und hüpfte und küsste das zerfleischte Blatt: er tanzte wie ein Besessener die stube auf und ab: – "Sie kommt! sie kommt!" schrie er entzückt und klatschte springend in die hände. Die kleine Marmotte, den Schosshund der Frau Doktorin, der mit ihm unversehens in die stube gewischt war und ruhig auf dem stuhl schlief, raffte er auf und drückte sie dicht an sich, dass sie schrie. – "Sie kommt!" rief er, sie drückend und schüttelnd. Er tobte in der stube herum, lärmte, lachte, stampfte, dass die Leute in dem Zimmer unter ihm besorgten, es sei jemand über ihnen rasend geworden; und eine Dame, die ihm gegenüber wohnte und durch das offne Fenster alle seine Grimassen beobachtete, womit er die Nadelschrift entzifferte, und wie er nach geschehner Entzifferung herumraste, schickte aus Mitleid gegen ihn, da seine Figur sie beim Ein- und Ausgehen eingenommen hatte, einen Bedienten an den Doktor Nikasius und liess ihn bitten, den jungen Menschen vor Schaden zu bewahren; denn allem Ansehn nach müsste es mit ihm rappeln. Indem der Bediente noch sprach, kam auch eine Gesandtschaft von dem Hofrate, der unter Herrmanns stube eine Relation verfertigte und sich erkundigen liess, ob jemand bei dem Herrn Doktor plötzlich krank geworden sei, dass man so einen entsetzlichen Tumult über ihn erhoben habe. Der Doktor konnte vor Verwundrung nichts antworten: er versprach, sich nach dem Unwesen zu erkundigen und ihm zu steuern, öffnete Heinrichs Türmit einem freudigen Sprunge eilte der Berauschte entgegen und umklammerte den versteinerten Doktor. – "Sie kommt! sie kommt!" rief der trunkne Verliebte.

Der Doktor. Wer denn? wer denn?

Herrmann. Sie kommt, sag ich Ihnen: sie hat's ja geschrieben.

Der Doktor. Potz Plunder! wer denn? wer denn?

Herrmann. Da! Lesen Sie! lesen Sie! –

Und mit diesen hastig