, und da er diese verschlossen fand, an die niedrigen Fensterladen so emphatisch mit geballten Fäusten anpochte, dass die beiden Eheleute vor Schrecken im Bette weit in die Höhe prellten. Halb aus Scham, halb aus Furchtsamkeit wollte die erwachte Frau das Fenster nicht öffnen, sondern stiess den wieder eingeschlafenen Gemahl so heftig in die Rippen, knipp ihn in die Wangen und paukte ihm endlich so derb auf der Brust herum, dass sich der arme Mann mit einem erstickenden Husten aufrichtete und ein schlaftrunknes "Was gibt's?" herauszukrächzen anfing, als der ungeduldige Kammerdiener mit verdoppelter Stärke an den Laden donnerte. Urplötzlich raffte sich der Mann in der Betäubung auf, rannte an das Fenster, riess den Laden auf, fasste den Abgesandten des Grafen bei dem kopf und schüttelte ihn mit so lebhaftem Grimme, dass er vor Schmerz laut zu heulen anfing. – "Ich bin's ja", rief er einmal über das andre und nannte seinen Namen. – "So? sind Sie's?" rief Herrmann voller Erstaunen. "Hier haben Sie Ihre Haare wieder." – Er hatte dem armen kahlköpfigen Alten in der Hitze der vermeinten Beleidigung fast das ganze kleine Toupet ausgerissen und lieferte es ihm, wie er's zwischen den Fingern hielt, unbeschädigt wieder aus. natürlich konnte eine so gewaltätige Szene nicht ohne Wortzank ablaufen: beide stritten und schimpften, bis sich die Frau vom haus einfand, ihren Mann vom Fenster wegzog und sich höflich bei dem Kammerdiner nach seinem Verlangen erkundigte: er richtete seine Botschaft aus und ging mit einer angenehmen Ruh, sein ausgerauftes Toupet in der Hand, nach dem schloss zurück.
Unbekümmert, ob dieses hohe Verlangen des Grafen nach der Gegenwart des alten Herrmanns Gnade oder Ungnade für ihn bedeuten möchte, legte er sich wieder ins Bette und brummte nicht wenig, dass man ihn um einer solchen Kleinigkeit willen in dem Schlafe störte. Seine Ehefrau hingegen, die den Wert der Botschaft besser fühlte, warf sogleich ihren kattunen ziegelfarbnen Nachtmantel um sich, zündete Licht an und war schon von so grossen Gedanken schwanger, dass ihr beide Backen von Erwartung glühten. Sie wollte ihre Mutmassungen ihrem mann mitteilen, aber da war keine Antwort. Als eine sorgsame Hausfrau holte sie das feinste Hemde ihres Mannes herbei, nähte daran zwei starre ungeheure Manschetten, wo auf einem musselinen grund grosse Tulpen und Rosen in einem Relief von dickem. Zwirne prangten. Oft ruhte die Nadel, und oft rückte in vielen Minuten die Arbeit nicht um einen Stich weiter; denn die geschäftige Einbildungskraft unterhielt die gute Frau mit einer solchen Menge Aussichten, Gnadenbezeugungen und Lobsprüchen über das Verhalten ihres Sohns – der nach ihrer Meinung den verlangten Besuch veranlasst haben musste –, mit so herrlichen Szenen künftiger Grösse und künftigen Wohlseins, dass sie sogar in der Selbstvergessenheit zweimal die Arbeit unter den Tisch fallen liess; und der Nachtwächter meldete eben grunzend unter ihrem Fenster, dass es zwölfe geschlagen habe, als sie den letzten Knoten machte. Darauf ergriff sie das beste Kleid in ihres Mannes Garderobe, jagte den Staub mit lauten Stockschlägen heraus und bürstete so lange, bis sich kein Fäserchen mehr darauf blicken liess. Die letzte und beschwerlichste Arbeit war noch übrig: die Stutzperükke musste beinahe ganz umgeschaffen werden: Hoffnung und Freude gaben ihren Händen ungewöhnliche Geschicklichkeit, sie schlugen meisterhafte Locken: alle gelangen auf den ersten Wurf, als wenn sie ein schöpferisches Dichterfeuer belebte, und nunmehr wurde, in Ermangelung des Puders, durch ein Sieb auf die schöne Frisur in so reichlichem Überflusse Mehl gestreut, dass der stattliche Stutz in der schlecht erleuchteten stube wie ein Morgenstern glänzte. Wirklich fing auch schon die Morgendämmrung an, als sie mit Wohlgefallen den letzten blick auf ihre Arbeit warf und zum Bette zurückkehrte.
Die Ruhe war unmöglich: ihre Gedanken liessen sie nicht einschlafen: kaum krähte der Hahn zum zweiten Male, als sie wieder aufsprang, um den übrigen Staat für ihren Mann in Bereitschaft zu setzen. Sie weckte ihn und machte indessen Anstalt zum Kaffee.
Herr Herrmann dehnte sich dreimal mit einem lauten Stöhnen und stunde auf, achtete weder des schöngepuderten Stutzes noch der blumenreichen Manschetten, noch des übrigen wohlgesäuberten Putzes, ob er gleich ausgebreitet vor seinen Augen dalag, sondern zog seine gewöhnliche Alltagskleidung an, einen grautuchnen Überrock und graue wollne Strümpfe, kämmte sein Haar in eine grosse Rolle, wie es ihm von sich selbst zu fallen beliebte, und pfiff dabei ein sehr erbauliches 'Wach auf mein Herz und singe'.
Die Frau brachte den Kaffee, und der Ärger erstickte den 'Guten Morgen', den sie schon halb ausgesprochen hatte, als sie ihren Mann in seiner schlechten Alltagsmontur erblickte: sie ward bleich, zitterte, setzte den Kaffee auf den Tisch, stemmte die arme in die Seiten, wollte sehr patetisch in Verwundrung und Vorwürfe ausbrechen und – verstummte: der Ärger schnürte ihr die Kehle zu. Sie ging hinaus in die Küche und weinte bitterlich. Indessen schenkte sich ihr Ehegatte ein und pfiff dabei sein Morgenlied so munter und so durchdringend hell wie ein Gimpel, schlürfte einen Schluck aus der Tasse und pfiff weiter. Wie unsinnig lief er mit abwechselndem Fluchen und Pfeifen in der stube herum, störte alles um, wo eine Tabakspfeife versteckt sein konnte, stiess an den Perückenstock, dass der schöne Stutz über das saubere braune Kleid herunterstürzte und auf seinem ganze Wege, wie ein ausgeschütteter Mehlsack, eine dicke Wolke von sich blies: eine Flasche mit einem Reste vom gestrigen Abendtrunke rollte nach langem Taumeln über