, die Hoffart! Ob du gleich alles frisch vom mund weg glaubst, was du von deinen Seelenräten hörst oder in deinen schwarzkorduanen Büchern liesest, so hast du doch ein Rabenherz, so trocken wie Bimsstein und härter als alle Felsen im ganzen Plauenschen grund! Dein Glaube hat noch keinen hungrigen Hund gesättigt, aber meine Guterzigkeit, die du mir so oft vorwirfst, hat schon manchem armen Teufel geholfen, den ihr allesglaubenden Unmenschen verhungern liesst.
Die Frau. Schweig, dass du dich nicht an mir versündigst! Wenn du nur soviel Almosen gäbst als ich!
Der Mann. Was, Almosen! ich gebe keine Almosen: ich tue Wohltaten und Dienste. Deine Almosen sind Prahlerei, Eitelkeit, Stolz: Du demütigst die Leute damit. Meine Gefälligkeiten erniedrigen niemanden; denn ich verlange nicht einmal einen Dank dafür, und das zehntemal wissen die Leute gar nicht, dass die hülfe von mir kommt: sie sollen's auch dergestalt und allermassen nicht wissen. Potz Plunder! lass dir einmal sagen, Katrinchen! und jage die schwarze Parucke, den konfiszierten Magister, der alle Tage zu dir kommt –
Kaum war das Wort zwischen den Lippen hervor als der Bediente die Ankunft des eben genannten Magisters meldete:die Strafpredigt des Mannes musste also unvollendet bleiben, weil die Frau wie ein Gems zur stube hinausschoss, um den schwarzperückichten Magister zu empfangen und sich mit ihm an der stolzen Einbildung zu weiden, dass sie allein die frömmsten Kreaturen im land wären.
Ungeachtet der Mann auf seiner menschenfreundlichen Halsstarrigkeit bestund und den jungen Herrmann mit seinem Wissen nicht im geringsten kränken liess, so trug sein Schutz doch nicht viel zur Glückseligkeit des Beschützten bei, weil er seine Lage nicht änderte. Der ehrbegierige Jüngling fühlte die Verachtung, womit ihm die Frau vom haus begegnete, das Armselige, das Erbettelte, das Erniedrigende in seinem Zustande zu sehr, um nicht alle Foltern des beleidigten Ehrgeizes dabei auszustehn: seine lebhafte, fast brausende Tätigkeit war in die traurige Beschäftigung eingezäunt, trockne Akten, die weder seinem verstand noch herz einen Brocken Nahrung verschafften, wörtlich und sorgfältig abzuschreiben. Alle seine Begierden strebten zum höchsten Gipfel eines Dinges, das er sich weder zu benennen noch deutlich zu entwickeln wusste, nach Ehre, Vorzug, Grösse: der Vogel wollte mit gespannten Fittichen zur Sonne emporfliegen, und das arme geschöpf musste sich in einem engen, händebreiten Zirkel unter der langweiligsten Einförmigkeit herumführen lassen: er flatterte, er zitterte von dem inneren, hervordrängenden Feuer und keuchte vor Anstrengung, seine leidenschaft zu unterdrücken: er wurde verdriesslich, mürrisch, einsilbig. natürlich folgte daher, dass er seine Geschäfte, da sie ihm so widrig schmeckten, ungemein nachlässig verrichtete; er war nie fertig, wenn er es sein sollte, und sein Abgeschriebnes so voller Fehler, dass man es nie brauchen konnte. Sein Patron hatte bei aller Gutmütigkeit militarische Strenge, sobald es seine Geschäfte betraf, und bestrafte deswegen die Unachtsamkeit und Langsamkeit des Abschreibers mit scharfen Verweisen ohne alle Schonung. Die Empfindlichkeit wollte oft dem unglücklichen Jünglinge das Herz abstossen: er erkannte in sich die Strafbarkeit seiner Fehler, konnte nicht über die Strafe zürnen, sondern über seine Unfähigkeit, sie zu vermeiden: oft stampfte und sprühte er vor Wut auf seiner stube nach einem solchen Verweise, lief glühend auf und nieder und verwünschte sich als einen Unwürdigen. – "O wer noch auf dem schloss des Grafen Ohlau wäre!" – mit diesem wehklagenden Ritornell ging meistens sein Zorn zur Betrübnis über. Gemeiniglich wanderte er bei einem solchen Vorfalle auf das freie Feld hinaus, um seinen Schmerz in den Wind auszuhauchen.
Fünftes Kapitel
Herumgetrieben von Unmut über Verweise, gequält vom Schmerz über sein niederdrückendes Schicksal, gemartert von sehnsucht nach Vergnügen, von Hunger nach Liebe, kehrte er, den ganzen Kummer auf dem gesicht, eines Tages gegen Abend von einem solchen traurigen Spaziergange nach haus, warf den Hut seufzend auf den Tisch, erblickte etwas, das nicht gewöhnlich dort lag, sah hin – es war ein dicker Brief mit seiner Adresse. Der Verdruss hatte seine Neubegierde gelähmt: die Finger erbrachen ihn langsam, zogen schwerfällig einen Brief heraus – er war von Schwingern. Er las:
A**, den 6.Oktober l7**.
Lieber Heinrich!
Meine Freude über Deinen glücklichen Zustand in Dresden ist unbeschreiblich: ich möchte meinem ehrlichen, guterzigen Nikasius um den Hals fliegen, so hat mich seine Aufnahme und Vorsorge für Dich gerührt. Liebe, ehre ihn wie einen Vater, lass Dich von ihm leiten wie ein Kind, das ich erzogen habe!
Liebster Freund, wie kannst Du Dich auf unser Schloss zurückwünschen, wenn Du es nicht aus Liebe Ende: das ist ein ewiges Zanken, Verfolgen, Verdrängen und Verleumden. Ich bin des Lebens so überdrüssig, dass ich noch heute zu Dir eilen und lieber Akten mit Dir schreiben als hier in dieser Tigerhöhle bei voller Tafel müssig gehen möchte. Der Oberpfarrer in G**, dessen Tod mich daraus erlösen sollte, ist wieder gesund geworden; und wer weiss, wie lange ich also noch auf meine Befreiung warten muss? Ich bin ein verlassnes Schaf, das seinen Freund sucht und nirgends finden kann: Du fehlst mir immer noch an allen Orten, ob Du gleich schon einen monat von uns bist.
Jakob, unser aller Feind, ist nunmehr durch seines Vater unablässige Bemühungen in die wirklichen Dienste des Grafen getreten, der Vater ist Oberaufseher in der ganzen herrschaft geworden, und der Sohn hat seinen roten Rock und Federhut, seinen