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nur lustig sein kann, so ist er imstande, mit Schuster und Schneider umzugehn. Mit dem Gelde weiss er gar nicht hauszuhalten: er wirft's weg, wie er's bekömmt, wenn ihn jemand darum bittet. – Ich sage das nur, damit man sich an seinem Beispiele spiegelt und sich nicht von ihm verderben lässt: besonders nehme man sich vor seinem Unglauben in acht und richte sich deswegen bloss nach mir. Wer meinen Lehren und Ermahnungen folgt, der ist wohlberaten: man kann bei mir den Ausbund aller Herz und Seele stärkenden Bücher erhalten, und man lese nur fleissig darinne, so wird es nicht an Segen und Gedeihen fehlen. Ich werde mir zuweilen selbst die Mühe geben und zum Lesen anhalten, damit man nicht durch den Unglauben meines Mannes angesteckt wird." –

Im grund wollte sich die Dame durch diese Vertraulichkeit nur den Weg zu einer Befriedigung ihrer Neubegierde bahnen: sie lag ihr wie eine zentnerschwere Last auf dem herz, es ängstigte und drückte sie das Verlangen, zu erfahren, warum Herrmann seine Geburt verheimlichte: sie mutmasste wer weiss welche Geheimnisse dahinter. Deswegen rückte sie immer näher zur Sache, erkundigte sich nach dem gnädigen Herrn Vater und der gnädigen Frau MutterHeinrich war in der äussersten Verlegenheit und antwortete höchst lakonisch. Da auf diese Manier nichts herauskommen wollte, so schritt sie zu der unausweichlichen Frage, warum er seinen Adel verberge. Heinrich fühlte in der falschen Anmassung eines höhern Standes und dem Kunstgriffe, sich durch eine Lüge in der Gunst einer Frau zu befestigen, die er nicht sonderlich hochachtete, so etwas Aufbringendes, so etwas Erniedrigendes, dass er nach einer zweiten Wiederholung ihrer Frage die reine Wahrheit geradeheraus sagte, ohne einen Umstand seiner Herkunft zu verhehlen. Die Frau Doktorin empfand in dem Augenblicke gegen den aufrichtigen jungen Menschen eine so tiefe, tiefe Verachtung, dass sie sogleich das Gespräch abbrach und ihm auf seine stube sich zu begeben gebot.

Auf der Stelle eilte sie zum mann, ihm über die entdeckte Lüge Vorhaltung zu tun: der friedliebende Doktor, der sich lieber mit sechs Parteien vor Gericht als mit seinem weib einmal zankte, suchte zwar anfangs durch angenommene Unwissenheit der fernern Untersuchung zu entgehn, allein da er sich durch das eigne Zeugnis des jungen Menschen überführt sah, so bekannte und beichtete er seine Sünde offenherzig und entschuldigte sie mit der guten Absicht, nahm mit einem treffenden Verweise vorlieb und schrieb ruhig an seinen Akten fort.

Ihr Unwille wuchs noch mehr, als sich sogar ihr Eigennutz auch betrogen fand: sie hatte in der ersten Berauschung über die Ehre, einen jungen Kavalier bei sich zu beherbergen, vorausgesetzt, dass die Bezahlung dafür noch nicht bestimmt sei, sondern dass man ihr ohne Widerrede jede noch so grosse Foderung zugestehn werdeleicht zu erachten, dass ihre Foderung nicht klein ausfallen sollte! –, wie stutzte, wie knirschte sie, als ihr der Mann bei genauer Nachfrage offenbarte, für welch geringes Geld der guterzige Narrwie sie ihn bei der gelegenheit nannteTisch und wohnung versprochen hatte. Er wurde ausgefilzt wie ein Schulknabe; und um seine hochgebietende Gemahlin zu beruhigen, gelobte er an, eine Zulage von Schwingern zu verlangen. Dass es der gute Mann über sein Herz hätte bringen können! Nein, lieber bezahlte er der Frau aus seinem eignen Beutel die gefoderte Erhöhung der Pension und überredete sie, dass er sie von seinem Freunde geschickt bekomme. Auch diese vermehrte Summe war immer noch nicht genug: da sie gar nichts an der Ehre gewann, so wollte sie sich durch desto grösseren Nutzen schadlos halten und drang endlich mit einem Haufen scheinbarer Gründe in den Mann, ihr diese Last aus dem haus zu schaffen. Der Mann widerstand mit seinem ganzen kleinen Vorrate von Mut.

"Bedenke doch nur, Mäuschen!" sprach er bei einer Unterredung über diese Angelegenheit, "was soll denn aus dem jungen Menschen werden, wenn wir ihn von uns treiben?" –

Die Frau. dafür mag Er sorgen.

Der Mann. Wir können ihm aber doch dergestalt und allermassen ohne die mindesten Unkosten, ohne unsern Schaden und etwaigen Nachteil, ohne alle Last und Mühe fortelfen;und sein Freund, mein alter Duzbruder und Stubenbursche, hat mir ihn auf die Seele empfohlen

Die Frau. Ja, empfehlen ist keine Kunst; wenn er nur auch bezahlte!

Der Mann. Das tut er ja, Katrinchen, soviel als recht und billig ist.

Die Frau. Wie will nun der einfältige Mann wissen, was in der Haushaltung recht und billig ist! Das muss ich verstehn.

Der Mann. Hast du denn Schaden dabei?

Die Frau. Nein, das wohl eben nicht, aber auch keinen Nutzen!

Der Mann. Ach, potz Plunder! muss man denn nichts ohne Nutzen tun? – Katrinchen, du plauderst nun so viel von Frömmigkeit und Gottesfurcht, dass mir mannigmal die Ohren weh tun, und du bist doch dergestalt und allermassen ärger als Juden, Heiden und Türken. Nicht so viel Christentum hast du im herz, als man auf einen Nagel legen kann.

Die Frau. Ich? kein Christentum? – Davon darf so ein Unwiedergeborner, so ein Ungläubiger gar nicht reden. Das muss ich verstehn, was dazu gehört. Ich vergiesse manche Träne über deinen Unglauben.

Der Mann. Gehorsamer Diener, Frau Doktorin: bemühen Sie sich nicht! Sie hätten ihrer genug über sich selbst zu vergiessenüber die Harterzigkeit: über den Eigennutz, den Stolz