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Prahlerei, Kleidersucht, Eitelkeit. Trotz dieser mannigfaltigen Fehler ist sie zuweilen so guterzig wie ein Schaf. Nicht minder –"

Eben trat das Original herein: man musste also die Schilderung beiseite legen, weil man es nicht für ratsam hielt zu erfahren, ob die Dame ihr Porträt ähnlich fände. Sie erstaunte über die Gegenwart des jungen Menschen; Heinrich besann sich sogleich auf den ersten Artikel seiner Instruktion und fuhr mit einem tiefen, tiefen Reverenze nach ihrer Hand küsste sie und trat vier grosse Schritte weit nach einer abermaligen Verbeugung zurück. – "Wer ist denn der?" fragte sie ihren Mann. – "Kennst du ihn nicht, Mäuschen?" antwortete der Doktor. "Der junge Mnesch, der vor einigen Tagen –"

Die Frau. Den Brief brachte? – Was will er denn schon wieder? – Die Frage wurde mit dem verdriesslichsten, gedehntesten Akzente gesagt. Der Mann brachte die verabredete Lüge vor: und kaum hatte sie erfahren, dass er ein Edelmann sei, als sie sich mit einer tiefen, graziosen Verbeugung zu ihm wandte und sich, voll unbeschreiblicher Freundlichkeit, über die Ehre freute, "ihr Gnaden zu beherbergen".

"Still!" rief der Mann und gebot ihr, seinen Stand nicht zu verraten. Sie flog, eine Mahlzeit zu bereiten, wie sie sich für einen solchen Gast schickte, machte ihm ihr bestes Zimmer zurechte, und Heinrich spielte die anbefohlne Rolle der komplimentarischen Ehrerbietigkeit so gut, dass er noch den nämlichen Abend bei Tische vom Kopf bis zu den Füssen in ihrer Gunst sass.

Bei dem Schlafengehen legte sie ihrem Mann einen wichtigen Punkt über die Etikette vor, die man gegen den jungen Herrn beobachten sollte, da man ihn nicht seinem stand gemäss behandeln und titulieren dürfte. Die erste Frage warob man ihn 'Monsieur'3nennen sollte? – Die Stimmen teilten sich: man stritt heftig und lange; und weil der Mann die Negative ergriff, sagte die Frau ja. Alsdann schritt man zum zweiten wichtigen Punkte: "Soll man den jungen Menschen Sie, Ihr, Er oder Du heissen?" – Bei einer so grossen Menge möglicher Fälle wurde die Frage in vier verschiedene Untersuchungen abgeteilt, und die Beratschlagung kam vor zwölf Uhr nicht zum Schlusse, welcher dahin ausfiel, 'dass man, um dem jungen Menschen, da er nicht unter seiner wirklichen Qualität erscheinen durfte, weder zuviel noch zuwenig Ehre zu erweisen, sich keiner jener vier Arten der deutschen Höflichkeit, sondern des Wörtleins,man' gegen ihn bedienen wolle' – versteht sich, dass sich der Mann bei der ganzen Überlegung bloss leidend verhielt und bei den Kurialien blieb, die er bisher schon gegen ihn gebraucht hatte!

"Die übrigen Punkte wollen wir bei gelegenheit in Erwägung ziehen", sagte die Frau gähnend und schlug die Vorhänge zurück, um ins Bette zu steigen. "Ach!" schrie sie laut und sank dem hinter ihr stehenden mann in die arme.

"Mäuschen, was ist dir denn?" – "Ach, Papachen!" – dabei blieb sie.

Papachen setzte die Frau in einem Armstuhle ab und holte die Nachtlampe, leuchtete ins Bettbeim Jupiter! da lag lang ausgestreckt und schnarchend, als wenn ihn Merkurs Rute eingeschläfert hätte, der schön geputzte Doktor, der sich nachmittags in dem Tabakrauche verirrt hatte! Da lag er, durch den narkotischen Dampf in einen Todesschlaf versenkt, mit dem Degen und Chapeau bas, wie ein schlafender Endymion, à la française geputzt! rührte kein Glied, sosehr er geschüttelt wurde! Endlich erwachte er, reckte sich, erhub sich langsam in die Höhe und sprach zum Doktor Nikasius, den er für seinen Bedienten ansah: – "Kleidet mich aus!" – Über eine Weile fuhr er auf: – "Nu! was wartet denn der Schlingel? Ich bin wie zerschlagen." – Indem er dies sagte, blickte er mit den halbblinzelnden Augen nach der Frau Doktorin hin. – "Was Teufel!" stammelte er schlaftrunken, "bist du hier, Lieschen? Heute ist es nichts" – und so sank er wieder zurück. Der Doktor Nikasius ergrimmte und klopfte mit den Fäusten so derb auf seinem rücken herum, dass er aufsprang und sich zur Wehr stellte. Jetzt erkannte er seinen Gegner bei dem hellbrennenden Lichte, das die Frau Doktorin unterdessen angezündet hatte. Neue Verwunderung, warum ihn diese beiden Leute im äussersten Negligé besuchten! denn er glaubte noch immer, bei sich zu haus zu sein: man überzeugte ihn von seinem Irrtume, und er wanderte beschämt und einfältig wie ein Kind davon, dass ihm der Doktor Nikasius kaum mit dem Lichte folgen konnte, um ihm die Haustür zu öffnen: er stolperte über Tisch und Stühle hinweg, verirrte sich, und so jagten die beiden Leute einander ewig durch alle Stuben durch, ohne sich finden zu können, bis der Hausherr den Gast bei dem arme erwischte und zur Treppe hinunterführte.

Den folgenden Morgen musste Herrmann bei der Frau vom haus den Tee einnehmen: sie erzeigte ihm diese Höflichkeit, um ihn auf ihre Seite zu ziehen, wenn vielleicht zwischen ihr und dem mann Faktionen entstehen sollten. Sie entwarf ihm deswegen das Porträt des Herrn Gemahls.

"Mein Mann ist ein guter Narr", begann sie, "man kann aus ihm und mit ihm machen, was man will. Er glaubt weder Himmel noch Hölle, aber Gespenster: er hält nicht viel auf sich: wenn er