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ihn also unaufhörlich und unterlassen Sie nichts, was Sie zu seinem Fortkommen beitragen können! Vielleicht kann ich ihn in einem halben Jahre wieder zu mir zurückholen: der Oberpfarrer in G** ist gefährlich krank: man hat mir seinen Platz versprochen: stirbt er, so werde ich schon weiter für den jungen Menschen sorgen. Er liegt mir am Herzen wie mein Sohn." –

Der gutmütige Doktor Nikasiusso heisst erwar unmittelbar nach Durchlesung des briefes so fest wie jetzt entschlossen, die Bitte seines Freundes gewissenhaft zu erfüllen: aber die Frau! die Frau! – Er gestund Heinrich offenherzig, dass sie das grosse Hindernis bei allem Guten sei, was er nur jemals tun wollte. "Aber", setzte er hinzu, "wir wollen sie schon dergestalt und allermassen hinter das Licht führen, dass sie sich fordersamst zum Ziel legen soll. Anlangend nun deine Herkunft also, wollen wir ihr dergestalt und allermassen überreden, du seist ein Edelmann: denn die Hexe will mit niemandem sonst etwas zu tun und zu schaffen haben. Wenn du nun zwar kein Edelmann bist, noch sein oder heissen willst und dir solchemnach allerhand Kalamitäten und Beschwerden durch Arrogierung einer unerweislichen Geburt zuwachsen und erfolgen dürften, solchergestalt also wollen wir ihr ferner geflissentlich anheimstellen, deine Geburt als ein Fideicommissum wohl und geziemend zu bewahren, auch niemandem zu entdecken, noch viel weniger zu offenbaren, welchergestalt und auf was für Art und Weise es nur immer sein und geschehen möge. Zufolgedessen sollen alle deine Res mobiles noch heute anhero gebracht und geschafft werden, damit du in possessione bist und sie dich sofort ohne grosse Unhöflichkeit nicht extrudieren kann." –

Die Anstalt wurde auch sogleich gemacht und Heinrich in den Besitz einer kammer gesetzt, bis die Frau Gemahlin eine stube für ihn bewilligen wollte. Nachdem die Geschäfte besorgt waren, kehrte der Doktor wieder zur Freude zurück und sprach und handelte so natürlich wie jeder andre Mensch: sobald etwas nur die mindste Miene eines Geschäftes hatte, sprach er in seinem schwerfälligen, tautologischen Stile, und wenn er auch nur dem Bedienten ein Stück Akten wegzutragen befahl. Um die Abwesenheit seiner Frau recht zu geniessen, hatte er einige Universitätsfreunde auf den Nachmittag zu sich gebeten, die ihm das Andenken seiner frohen akademischen Jahre erneuern helfen sollten. Er war ein ungemeiner Liebhaber der studentenmässigen oder fidelen Lebensart, wie er sie nannte, und durfte sich vor seiner Frau, einer sehr zeremoniösen Dame, nichts davon merken lassen.

Die Gäste erschienen, tranken und rauchten Tabak und wurden so aufgeräumt, als wenn die Freude ihre leibhafte Mutter wäre: sie erzählten sich Schwänke und kurzweilige Histörlein, und auf jedes folgte ein so lautes, allgemeines Gelächter, dass die Gläser und Fensterscheiben zitterten. Das Lustigste für den Zuschauer bei dieser auserlesnen Gesellschaft bestund darinne, dass ein jedes von den vier Mitgliedern sich ein Wort angewöhnt hatte, welches er ohne Sinn und Zusammenhang unaufhörlich wiederholte.

Herr Fabricius trat herein, machte eine Verbeugung, und ohne ein Wort gesprochen zu haben, fing er an: – "Wie gesagt, ich bin Ihr gehorsamer Diener."

Der Wirt antwortete: "Seien Sie willkommen dergestalt und allermassen."

Fabricius. Wie gesagt, Brüderchen, ich habe dich lange warten lassen: aber wie gesagt, wo stecken die andern Hundsfötter? Wie gesagt, bin ich ja doch nicht der letzte.

Nikasius. Die Schurken werden dergestalt und allermassen wohl zu tun haben.

Herr Piper guckte scherzhaft zur Tür herein: – "Nämlich hauptsächlich, seid ihr böse auf mich, ihr Halunken?"

Fabricius. Wie gesagt, du Pfannkuchenkopf, warum bleibst du so lange?

Piper. Du Schweinigel, ich konnte ja nämlich hauptsächlich nicht eher kommen.

Herr Furiosus riss die Tür auf, trat, den Hut auf dem kopf, herein und brüllte: – "Und abermals guten Tag, ihr Hundejungen!"

Tutti. Grossen Dank, Herr Hasenfuss!

In einem so kräftig liebkosenden Tone wurde das Gespräch fortgesetzt, und zwar mit einer Unerschöpflichkeit an Schimpfwörtern, dass keins mehr als zweimal zum Vorschein kam: der schlechte Spass schwang seine Flügel über sie und schüttelte einen Platzregen von plumpen Einfällen unter ihnen aus. Als ihre Lustigkeit im höchsten Schwunge war, fand sich ein junger Doktor, der vor kurzem von der Akademie zurückgekehrt war, ein Männchen à quatre epingles, vom Kopf bis auf die Füsse wie aus Wachs geformt, mit vielen scharrenden Verbeugungen und schnatternden Komplimenten bei ihnen ein, um dem Herrn vom haus die Aufwartung zu machen. Die Gesellschaft trat im Zirkel um ihn herum und blies eine so ungeheure Menge Rauch auf das geputzte Herrchen los, dass die Flittern seiner gestickten Knöpfe wie blinkende Sternchen durch Regenwolken schimmerten: ausserdem verloren seine Komplimente Geschmeidigkeit und Fluss, weil ihm der erstickende Dampf auf die Lunge fiel und ihn jeden Augenblick zu husten nötigte. Zuletzt wurde die Wolke so dicht, dass sie ihn nicht mehr sahen: es entstund allgemeine Stille, weil er vor Ersticken nicht mehr reden konnte: man glaubte also wirklich, er sei aus Verdruss ohne Abschied fortgegangen. Das arme Doktorchen, das vor Berauschung und Taumel des Kopfs nicht sah noch hörte, suchte die Tür und konnte sie schlechterdings nicht finden: er wankte hin und her.

"Wie gesagt, der Narr ist fort", fing Fabricius an. "Ich empfehlemichIhnen gehorsamst" – flüsterte ein kraftloses Stimmchen aus der Dampfwolke hervor. Es war der halb ohnmächtige Doktor, der nach langem Taumeln eine Tür erwischt