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welche Freude! Als wenn die leibhaftige Ulrike sich wieder zu ihm eingefunden hätte!

"O Ulrike!" rief er und schlug die hände über dem kopf zusammen, als sich der Weg zum zweiten Male verlor, "wenn ich jemals so wieder bei dir sitzen könnte wie am Abende, als ich mich von dir trennen musste! Das war ein Leben! ein Leben, um sich niemals den Tod zu wünschen! – Aber jetzt, jetzt bin ich schon so gut als tot. Um meiner Nahrung willen muss ich auf einem dorf vermodern, verachtet und unbekannt dahinsterben: Du eilst der Ehre und dem Reichtum entgegen, vergissest mich in Wollust und Freuden; und ich! – was werde ich? – ein verachteter, elender Bettler, der ums Brot arbeiten muss! – O wenn ich wieder jung werden und an alle die Örter der Freude, zu meinem Freunde, zu Ulriken zurückkehren dürfte!" –

Er schwieg lange: dann fuhr er hastig auf:

"Aber wenn sie nun wirklich nach Dresden käme! wenn sie mir nun nachgegangen wäre! wenn sie nun wirklich in dieser Minute, heute oder morgen ankäme! und ich hätte die Stadt verlassen! sie fände mich nicht und geriet in noch grösseres Elend als ich! – Nein, ich muss zurück! ich muss! ich muss!" -Übereilend drängte er sich durchs Gebüsch hindurch und schonte weder Haut noch Kleidung, als wenn sie schon aussen auf ihn wartete. Plötzlich war er auf einem freien platz und die ganze Stadt mit Türmen, Häusern und Gärten im schönsten Sonnenglanze vor ihm: der glänzende Anblick, wie er so schnell auf den vorigen melancholischen Aufentalt folgte, riss seine Seele empor: er schien sich aus einem Kerker gezogen, und die Sonne zerstreute seinen Kummer wie Nebel. Er wurde durch eine geheime Macht nach der Stadt hingezogen, und bei jedem Schritte wuchs mit seinem Wunsche die Wahrscheinlichkeit, dass der Advokat sich seiner annehmen werde. Diesen Mittag zu hungern, weil es nicht anders sein könnte, hatte er sich schon gefasst gemacht.

Er schwankte, ob er in seine wohnung zurückgehn sollte: endlich entschloss er sich dazu und war sogar nicht übel willens, etwas von seinen Habseligkeiten auf allen Fall in die tasche zu stecken: er erschrak bis zum Erröten, als sich ihm diese Vorsichtigkeit wie eine Betrügerei vorstellte. 'Nein', sagte er sich, 'ich muss erst meine Sachen taxieren, ob sie zur Bezahlung zureichen; und dann –'

Hier kam ihm eben der Lohnlakai sehr freundlich und dienstfertig entgegen und bückte sich vor ihm, dass die Nase aufs Knie stiess: er wollte seiner Höflichkeit gar kein Ende machen. Das unerwartete Betragen war unerklärlich. – "Bleiben Sie ja ein Viertelstündchen zu haus!" sprach er und lief eilfertig nach dem Hut, "ich will gleich jemanden holen: das wird eine Freude sein!" – Mit diesen kurz herausgeatmeten Worten lief er davon und liess Heinrich Zeit, über seinen Text Mutmassungen zu machen. Was war natürlicher, als dass es die Baronesse sein musste, die er holte? – Sie war eben angekommen, hatte sich bei einem seiner Patrone nach ihm erkundigt, ihn hier aufgesucht, nicht gefunden, dem Lohnlakai ein gutes Trinkgeld versprochen, wenn er sie sogleich nach seiner Rückkunft rief, und um dieses tun zu können, musste sie Geld mit sich bringen: aber woher das? – Ei! konnte sie denn nicht ihre diamantnen Ohrgehenge verkauft haben? Oder vielleicht hatte sie sich Schwingern anvertraut: vielleicht hatte er ihr durchgeholfen, Geld geborgt. Aber was brauchte er sich denn darum zu bekümmern, wie sie zum Gelde kam? Genug, sie sollte angekommen sein und Geld bei sich führen, um ihn aus seiner Verlegenheit zu reissen: das ist nun so eine zusammenhängende, einleuchtend wahre geschichte! Je mehr er sie wahr wünschte, je mehr vergass er, dass er sie bloss mutmasste.

Nach langem, ungeduldigem Hoffen hörte er die stimme des Lohnlakais: sein Herz klopfte, er zitterte, er flog nach der Tür, riss sie auf underblickte eine Perücke, einen ölgelben Rock, von oben bis unten zugeknöpft, schwarze Unterkleider und einen silbernen Duodezdegen, der aus der Öffnung des Schosses hervorgucktemit einem Worte, seinen Patron, den gutmütigen Advokaten.

"Lieber Sohn", fing er an, "du sollst heute bei mir essen: meine Frau ist verreist. Wenn die Katze nicht zu haus ist, macht sich die Maus lustig, wir wollen hoch zusammen leben; und wenn du so angebrachtermassen bei mir als heute mittags issest, so wollen wir weiter deliberieren, was in puncto deines Fortkommens zu tun und zu machen ist."

Er berichtete zugleich, dass er ihn schon zweimal vergeblich gesucht und in der Nachbarschaft bei einem Freunde erwartet habe. Welche fröhliche Botschaft! – Sie wanderten zusammen fort.

Bei Tische entdeckte er ihm, dass er seine Rechnung im Gastofe bezahlt habe und ihn zu sich ins Haus nehmen wolle:

aber was ihn dazu so schnell bewegte, verschwieg er ihm. Schwinger hatte ihn in einem zweiten Briefe ersucht, seinen Freund zu sich zu nehmen, und Tisch und wohnung vierteljährig für ihn zu bezahlen versprochen. – "Aber lassen Sie ihn nichts davon merken!" schrieb er. "Der Bursche muss glauben, seinen Unterhalt durch seine Arbeit zu verdienen, damit er sich daran gewöhnt und es ohne Widerwillen tut, wenn er's bedarf. Beschäftigen Sie