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Ruf seiner Wohltätigkeit hatte sich schon wie ein Lauffeuer unter den Armen ausgebreitet: eine ansehnliche Zahl hatte sich truppweise versammelt und erwartete ihn: wie er den ersten Schritt aus dem haus setzte, tönte ihm schon eine klägliche Bitte entgegen: um sein Vergnügen zu verlängern, machte er zwar kleinere Portionen, aber die Menge der Prätendenten war so gross, dass er seinen Taler schon rein ausgeteilt hatte, als er bei der Katolischen Kirche anlangte: dort erwartete ihn der stärkste teil der Armee, aus jedem Winkel geschah ein Anfall auf ihn: man nannte ihn den kleinen Prinzen, Eure Durchlaucht, Eure Hoheitwelches Unglück, er fühlte und suchte in allen Taschen und fand nichts. Den Kopf hätte er sich mit der Faust zersprengen mögen: beschämt, verwirrt, geängstigt wie ein Missetäter, der ins Gefängnis geführt wird, eilte er mit niedergeschlagnen Augen dahin, und der ganze Haufen bittend und schmeichelnd hinter ihm drein: unter dieser zahlreichen Begleitung langte er zu haus an, dass sich die Leute auf der Gasse und an Fenstern laut fragten, welches der Delinquent sei, den man einführte.

Dies war der unglücklichste Abend seines ganzen bisherigen Lebens: Scham und Ärger folterten ihn und verstatteten ihm nur wenige Minuten ruhigen Schlaf. Er war von der Höhe seiner Einbildung herabgeworfen worden und sollte noch tiefer herabsinken.

Der Lohnlakai hatte eine andre herrschaft unterdessen zu bedienen bekommen und bat also den Morgen darauf um seine Entlassung und Bezahlung. Herrmann geriet in Todesangst: er musste seinen Mangel an Gelde bekennen und ihn vertrösten, bis ihn sein Freund Schwinger aus der Verlegenheit reissen werde, an welchen er noch den nämlichen Tag schrieb. Den Augenblick verwandelte sich die übermässige Höflichkeit des Bedienten in übermässige Grobheit: er sagte einige empfindliche Reden und ging. Heinrich hätte sich vor Ärger zum Fenster hinabstürzen mögen. Kurz darauf liess der Wirt, dem der Lohnlakai grossen Argwohn beigebracht hatte, seine Rechnung überreichen mit dem Bedeuten, dass diesen Nachmittag eine herrschaft das Zimmer in Besitz nehmen werde, die es schon vor vielen Wochen habe bestellen lassen: alle übrigen Zimmer im ganzen haus waren besetzt. Er nahm das fatale Papier, warf sich in einen Lehnstuhl und schwieg.

Was nun zu tun? – Es war die erste Verlegenheit dieser Art in seinem ganzen Leben und griff ihn deswegen mit einer Stärke an, die ihn bis zur Verzweiflung brachte. Nicht zu bezahlen und fortzugehn? – das gab Ehre und Gewissenhaftigkeit nicht zu. Dazubleiben und um Nachsicht zu betteln? – das war ihm bitter wie der Tod. Sich an seine Patrone zu wenden? – So bedenklich ihm das schien, so bequemte er sich doch dazu. In vollem Vertrauen, dass niemand eine Bitte abschlagen werde, die er auch den unbekanntesten Menschen nicht versagt hätte, ging er zu dem einen und dem andern: der eine liess ihn nicht vor sich, der andre war nicht zu haus. Die Verlegenheit drückte wie eine Zentnerlast auf sein Herz: er konnte kaum atmen. An der Haustür des Advokaten unterdrückte er alle Einwendungen der Ehre und fasste den verzweifelten Entschluss, sein bisschen Habseligkeit dem Wirte statt der Bezahlung zurückzulassen und in die Welt hineinzugehn. Die Gewissheit, was er tun wollte, erleichterte plötzlich seinen Schmerz: sobald nur der Vorsatz gefasst war, setzte sich alles in ihm in Bewegung, ihn zur Ausführung zu begeistern. Er wanderte mit heroischem Mute zum Pirnaischen Tore hinaus gerade dem Grossen Garten zu. Alle Reize der unendlich schönen Gegend, das ganze herrliche Amphiteater einer langen Ebne, mit Bergen, Wäldern und fernen, vielgestalteten Felsen umgürtet, fesselte ihn nicht: Kummer und Mut, Besorgnis und Entschlossenheit kämpften in ihm mit tyrannischer Wut. Er suchte einen einsamen Ort, warf sich in dem dicksten Gebüsche auf den Boden hin und seufzte. Er kehrte seinen Plan auf allen Seiten herum und wusste ihm keine bessre Wendung zu geben, als dass er sich vornahm, den nächsten Pfarrer oder Schulmeister um Aufnahme und Unterhalt zu ersuchen und jede Arbeit dafür zu übernehmen, deren er fähig wäre. Der Schluss war so fest, so unerschütterlich als die Tanne, die ihn mit ihren tief hängenden Ästen beschattete.

Ein Fasan erhub in der Nachbarschaft seine rauhe stimme, er erhielt Verstärkung, und der Gesang wurde zum allgemeinen Chor: auf allen Bäumen hüpften und zwitscherten Vögel in mannigfaltiger Vermischung, so munter, so fröhlich, als wenn sie seines Elends spotten wollten: das ganze Gebüsch war ein lauttönendes Konzert glücklicher Geschöpfe. – "O ihr seligen Geschöpfe! ihr bedürft keines elenden Silbers oder Goldes, um glücklich zu sein!" sprach er, stunde auf, ging tiefer ins Gebüsch, um der widrig fröhlichen Musik zu entgehn. Er trat in einen schauernden, finstern gang, wo unter dem Gewölbe verschlungener Fichtenäste tote Stille und Melancholie wie ein ausgebreiteter Flor schwebte: je grauser, je willkommner: je mehr er schauerte, je glücklicher fühlte er sich. Das finstre, lebenlose Leere des Orts spannte die Flügel seiner Einbildungskraft: das Gewölbe wurde enger und düstrer: ein schmaler, weisser Sandweg leuchtete in verzognen Krümmungen durch die Dunkelheit vor ihm her: bald wurde er ihm zu einem geist, in weisses Gewand gehüllt, der ihn leitete; bald war es Ulrike in ihrem Atlaskleide, die ihn aus dem Labyrinte führte: er hörte Atlas rauschen: der weisse Weg verlor sich, und Ulrike verschwand. Welche Betrübnis! auch eingebildetes Glück muss ihm das missgünstigste Schicksal rauben! – Jetzt schimmerte fernher der Pfad wieder aus den aufgehäuften Fichtennadeln hervor: