ihm auch unanständig, in fremden Zimmern allein herumzuschweifen. Er sah durchs Fenster: Niemand rührte sich. Er versuchte eine Tür zu öffnen: sie war verschlossen. Da er fast eine halbe Stunde lang eingesperrt war und keine Erlösung vor sich sah, wagte er's herzhaft, den Weg wieder aufzusuchen, durch welchen man ihn hereingelassen hatte. Mit vieler Behutsamkeit, nachdem er vorher an jeder Tür gehorcht hatte, fand er sich durch zwei Zimmer hindurch: aber nun war seine Geographie aus: das dritte Zimmer hatte vier Türen: er brauchte bei jeder die nämliche Vorsicht, öffnete eine-Götter und all ihr himmlischen Mächte! welcher Anblick!–, eine junge Dame im nachlässigsten Negligé lag lang ausgestreckt auf einem Sofa, ein zottiges Hündchen stand auf den Hinterbeinen neben ihrem kopf, eine Vorderpfote ruhte auf dem Busen, die andre hielt seine Gönnerin in der Hand und küsste sie mit stummer Zärtlichkeit, während dass ihre andre Hand ihn bei dem langbehangenen Halse fasste und freundschaftlich an die Brust drückte. Heinrich wurde glühend rot: er glaubte zu träumen: denn seine verliebte Einbildung gab der Dame so völlig das Gesicht der Baronesse Ulrike, dass in seinen Gedanken nichts gewisser war, als, sie sei ihm nachgefolgt und wolle ihn durch ihre Gegenwart überraschen – dass nichts gewisser war, als, man habe ihn auf ihre Veranstaltung eingesperrt und sich selbst überlassen, um sie bei seinem Herumirren zu finden. Diese Erdichtung war in zwei Pulsschlägen gemacht, und mit dem dritten schwebte schon "Ulrike!" auf der Zunge: noch ehe der laut durch die Lippen flog, wurde ihn die Dame gewahr, sprang auf, als wenn sie den feurigen Ziegenbock erblickt hätte, dass das arme Hündchen jammernd zu Boden stürzte, und rennte mit tugendhafter Eile davon: der Hund, um das Schrecken seiner Gebieterin zu rächen, lief klaffend auf den halb sinnlosen Heinrich zu und zwang ihn, seinen Posten zu verlassen. Der Hund setzte ihm mit unaufhörlichem Bellen nach: es erhub sich in den Nebenzimmern ein Getöse: man schlug Türen auf, schlug Türen zu, trampelte auf und ab: es ward ihm bange, was man mit ihm auszuführen gedenke, die eingebildete Gefahr gab ihm Entschlossenheit: er riss herzhaft eine Tür auf, flüchtete durch ein Zimmer, dann noch durch eins, und nun war er zu grosser Herzensfreude an der Treppe, setzte hinunter, der Hund hinter ihm drein. Der Bediente begegnete ihm in der Haustür und wunderte sich nicht wenig, dass ein Mensch, den er schon längst nicht mehr im haus glaubte, sich jetzt mit Hunden fortetzen liess. So ein stürmisches Ende nahm die erste Patronschaft.
Doch Heinrich konnte sich nicht vorstellen, dass damit nun alles aus sei: davon hatte er gar keinen Begriff, dass ein Mann in einem hohen Posten nicht helfen könne; und dass er's nicht tun wolle, wenn er gleich könnte, der Gedanke galt in seinem kopf der Unmöglichkeit gleich. Er war sich bewusst, dass er jedem Ärmern seinen letzten Pfennig freiwillig geben würde, wenn er ihn in Not sähe, dass er so bereitwillig, als er Schwingers kleinstes Verlangen erfüllte, von einem Ende der Stadt bis zum andern laufen würde, wenn jemand einen Dienst von ihm foderte; und solche Leute, die viel älter waren als er und also nach seiner Voraussetzung besser sein mussten, sollten schlechter denken und handeln als er? – Eine solche Vermutung fiel ihm gar nicht ein, besonders da sie nach seinen jugendlichen Vorstellungen bloss da waren, um jedem zu helfen, der hülfe bedurfte. Er erwartete sie standhaft von seinen Patronen und liess sich keinen Kummer anfechten.
Eine Menge Krämer, die sich in einem Menschen von seinem Alter eine gute Kunde versprachen, begleiteten ihn bei seiner Rückkunft auf sein Zimmer und wunderten sich nicht wenig über die Entschlossenheit, mit welcher er seiner Kauflustigkeit und ihren Einwendungen widerstand: aber einer andern Begierde konnte er desto weniger widerstehn: er brannte vor Verlangen, einen gang um die Katolische Kirche zu tun und neue Lorbeeren der Wohltätigkeit einzuernten: er fühlte etwas in sich, das ihn über sich selbst erhob, ein Entzücken, das ihn süsser begeisterte als alle genossene Freude – nur Ulrikens Gegenwart und der Gedanke an sie hielt ihm die Waage –, er schien sich über die Sterblichkeit hinausgeschwungen, wenn er sich umringt von einem Zirkel Knaben dachte, die hülfe von ihm flehten, wie er stolz daherging, bei jedem Schritte von einem neuen Dürftigen angesprochen wurde, mit edler Freigebigkeit ihr Elend milderte, und wie dann der ganze Trupp mit frohen Gesichtern und lautem Danke und Wünschen ihm nachlief, indessen dass er sich mit der Vorstellung ergötzte, diesen allen geholfen zu haben: das Bild rührte, bezauberte, fesselte ihn: in freudiger Berauschung füllte er seine tasche und eilte nach dem Schauplatze seiner Wohltätigkeit hin, und es fehlte ihm nie an Veranlassungen, die Freuden der Guterzigkeit reichlich zu geniessen. Jetzt, nachmittags, hatte er seinen menschenfreundlichen Spaziergang zweimal getan und fühlte einen unwiderstehlichen Zug, ihn zum dritten Male zu wiederholen: er hatte freilich nur noch einen einzigen Taler im Vermögen und wusste nicht, woher er Geld nehmen sollte: bedachtsam legte er den Taler auf den Tisch, wenn ihm diese Bedenklichkeit einfiel, steckte ihn in die tasche, wollte gehen, besann sich, überzählte sein Geld – es war und blieb nicht mehr als ein Taler: er wollte auf dem Zimmer bleiben, stritt, kämpfte mit sich selbst und – ging. Der