1780_Wezel_105_80.txt

Beladne Kähne mit roten, flatternden Wimpeln schwammen fern daher auf der ausgespannten Fläche des Wassers: mit schnellerm Laufe fuhren andre, vom Strome begünstigt, vor ihnen vorbei, grüssten mit lautem Zuruf die Kommenden, empfingen und gaben mit treffendem Schifferwitze Grüsse von wartenden Mädchen, verliebten Weibern und eifersüchtigen Ehemännern; und eine Kanonade von helltönendem Gelächter war der Abschied. Andre ruhten am Ufer: mit tätiger Emsigkeit stieg man in sie hinab und entlud sie ihrer Bürde:hier wurden verwundete Fahrzeuge zur unvermuteten Reise eilfertig ausgebessert: dort stand auf dem umgekehrten Bauche eines anderen ein Trupp Zimmerleute um den Herrn des Kahns, in ernste Beratschlagung vertieft, wie man mit leichten Kosten dem zerlöcherten Patienten vollkommne dauerhafte Gesundheit verschaffen könne: bedenklich wie ein Arzt bei einer gefährlichen Krisis schüttelte der Zimmermeister über dem hoffnungslosen Gebäude den Kopf, und betrübt kraute der Patron sich den Kopf.

Tagelang hätte Heinrich bei einem für ihn ganz neuen Schauspiele verweilen mögen, wenn ihn nicht sein ungestümer Begleiter beständig zum Abmarsche ermahnte: nach langem Kampfe mit sich selbst riss er sich endlich los, doch mit dem festen Vorsatze, oft zurückzukehren.

Kaum näherte er sich der Katolischen Kirche, als ihn von der Seite eine Knabenstimme anfiel. -"Mein junges, schönes Herrchen", tönte ihm in das linke Ohr, "der liebe Gott hat Sie gar zu schön gemacht, und er wird Sie noch schöner machen, wenn Sie einem armen Jungen auch etwas mitteilen." –

Der unerwartete Lobspruch riss seine Hand nach der tasche hin: er gab dem Schmeichler ein Zweigroschenstück. Der Bube zeigte es triumphierend und hüpfend seinen Kameraden zwischen den emporgehaltnen Fingern; und kaum sahen sie es blinken, so schoss eine ganze Kuppel wie wütend auf den Wohltäter los: gleich Hunden, die eine Beute erwischt haben, packten sie ihn fest, als wenn sie sich in seine ganze person teilen wollten. Jeder bekam soviel als der vorige, und nur einer, der die Schmeicheleien der andern mit einem "Gnädiger Herr" überbot, erhielt doppelt soviel.

"Ihre hochwohlgeborne Gnaden" – rief eine alte zerlumpte Frau, die auf einem Steine bei der Kirche sass und sich langsam und zitternd zu ihm hin bewegte. So eine Höflichkeit war etwas wert: er bezahlte sie mit einem halben Gulden. Die Alte erschrak über die Grösse des Geschenks, wackelte ihm mit gefaltnen Händen nach und betete mit lauter stimme zwo lange Strophen aus einem Kirchenliede, die der Lohnlakai, aus mechanischer Andacht, murmelnd nachsprach: dann fuhr sie ihm nach dem Rockzipfel und küsste ihn, eh' er's wehren konnte.

"Wenn doch die Leute hierzulande nicht so entsetzlich höflich wären!" dachte Heinrich, als er in die tasche griff und seinen Geldvorrat merklich vermindert fühlte. Indem er's dachte, erschienen die Buben, die er schon einmal beschenkt hatte und um die Kirche herumgeschlichen waren, zum zweiten Male und stürmten mit 'Exzellenzen' und 'Gnaden' so gewaltig auf ihn zu, dass er dem Angriffe nicht widerstehen konnte: Guterzigkeit und Eitelkeit leerten seine ganze tasche unter sie aus.

Den Abend brachte er nach seiner Rückkunft unter mancherlei angenehmen Träumereien hin, worunter sich wie ein Gespenst die traurige Vermutung mischte, dass es ihm mit der Zeit, und zwar sehr bald, an Geld fehlen könne: – 'aber Schwingers vornehmer Freund, der in so ein hohes Amt vor kurzem gerückt ist und mich morgen früh zu sich bestellt hat, wird mir schon helfen' – tröstete er sich; und die Hoffnung drückte ihm die Augen zu.

Drittes Kapitel

Zur bestimmten Stunde flog er am folgenden Morgen zu seinem Patrone. Der Bediente stellte eine lange Untersuchung mit ihm an und hiess ihn endlich warten. Nach einer halben Stunde öffnete er einen Flügel der Tür, ging voran und gebot, ihm nachzufolgen. Die Wanderung geschah durchs ganze Stockwerk, wenigstens durch fünf bis sechs grosse Zimmer, und am Ende steckte er ihn in ein kleines, enges Stübchen, wo er ihn abermals warten hiess. In einer halben Viertelstunde trat der halbangekleidete Patron durch eine Nebentür auf, eine Büchse mit Zahnpulver in der einen Hand, in der anderen ein Bürstchen, womit er die breiten Zähne scheuerte, dass ein rosenfarbener, müskierter Sprühregen aus dem mund hervorsprützte. Er blieb in dieser Beschäftigung lange stumm bei der Tür stehen und überlegte bei sich, ob er den jungen Menschen Sie oder Er nennen sollte: endlich wählte er einen klugen Mittelweg und fragte: "Was will man?" – Hermann tat seinen Vortrag. -"Also lebt Schwinger noch?" unterbrach ihn der Patron. Heinrich führte ihm den gestern abgegebnen Brief zur Beantwortung der Frage zu Gemüte: der Patron besann sich. "Ja, ich hab ihn gelesen", sprach er. "Wenn sich etwas findet, worinne ich dienen kann, so darf man sich nur an mich wenden: ich werde mir ein Vergnügen daraus machen" – hustete und ging ab.

Erstaunt stand Heinrich da und wusste nicht, ob er gehen oder bleiben sollte: er bildete sich ein, der Patron habe nur einen Abtritt genommen, um mit tätiger hülfe zu ihm zurückzukehren: der Himmel weiss, mit welchen jugendlichen Einbildungen mehr er sich täuschte: doch da die Wiedererscheinung zu lange aussenblieb, so schloss er ganz vernünftig, dass er die Erlaubnis habe, wieder nach haus zu gehen. Er wäre gern diesem Schlusse gefolgt, aber wie sollte er sich durch die vielen Zimmer bis zum Ausgange finden? Zudem schien es