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dass meine Liebe die Leute meistens verdirbt: ich fühle meine Schwäche in diesem Punkte. – Wir wollen den Burschen lassen, wo er ist."

"Aber", nahm der Graf mit einer kleinen Hastigkeit das Wort, "warum wollen Sie es denn nicht versuchen, wenn Sie Ihr Vergnügen dabei finden? – Wollen Sie zuweilen eine kleine freundschaftliche Warnung von mir annehmen, im Falle, dass Sie zu weit gehen –"

Die Gräfin. O mit Freuden, gnädiger Herr! Sie wissen, wie willig ich mich von Ihnen leiten lasse, wie gern ich Ihre Vernunftgründe zugebe, dass ich leicht von etwas abstehe, wenn Sie es missbilligen

Der Graf. Ja, ich kenne Ihre Güte

Die Gräfin. nennen Sie das nicht Güte, gnädiger Herr! Pflicht, Schuldigkeit ist es. Ich schätze mich glücklich genug, dass ich fähig bin, die Richtigkeit und Billigkeit Ihrer Einwendungen und Befehle einzusehen: auf keinen andren Verstand als auf diesen mache ich Anspruch.

Der Graf. War denn Ihre Absicht, dass der Knabe bei uns auf dem schloss wohnen sollte?

Die Gräfin. Meine Absicht war es allerdings; denn eine doppelte, so ganz entgegengesetzte Erziehung

Der Graf. Würde ihn nur verderben! Was er in den paar Stunden, die er sich bei uns aufhielt, Gutes lernte, würde er den übrigen teil des Tages bei seinen Eltern wieder vergessen; die Fehler, die er bei uns ablegte, würde er dort wieder annehmen. Sein Vater ist ohnehin etwas ungeschliffen. Das täte gar nicht gut: wenn er einmal besser erzogen werden soll, so muss er von der Lebensart seiner Eltern gar nichts mehr zu sehen bekommen. Zudem wäre mir's auch unangenehm, ihn unter uns zu leiden, wenn er hernach wieder mit seinesgleichen, mit gemeinen Jungen auf der Gasse spielen und herumlaufen dürfte.

Die Gräfin. Ihre Bedenklichkeiten sind völlig gegründet: es lässt sich nicht das mindeste dawider einwenden. – Ich will mir die Grille wieder vergehen lassen: der Junge mag bleiben, wo er ist. –

"Aber wozu denn?" rief der Graf mit ereiferter Güte. "Ich will dem Haushofmeister befehlen, dass er –"

Die Gräfin. Ich bitte Sie, gnädiger Herr! Verursachen Sie sich meinetalben nicht die Beschwerlichkeit, einen Jungen um sich zu sehen, der Ihnen freilich anfangs nicht mit der gehörigen Ehrerbietung begegnen wird. –

Der Graf. Das besorge ich eben. Er hat noch keine Manieren, ist auch wohl zuweilen ungezogen: aber ich denke, er soll sich durch unsern Umgang bald bilden.

Die Gräfin. Das hoff ich! – Mir sollte die sorge für seine Erziehung ein süsses Geschäfte sein. –

Nach einer kleinen tiefsinnigen Pause setzte sie traurig und mit nassen Augen hinzu: "Da mir das Glück keine eignen Kinder zu erziehen gibt, muss ich die mütterlichen Vergnügen an fremden geniessen."

"Aber", warf ihr der Graf ein, "Sie werden sich zu sehr an den Knaben fesseln, sich zu sehr mit ihm abgeben und dadurch eine unendliche Last auf sich laden."

Die Gräfin. Meine Last dabei wäre sehr gering: allein für Sie, gnädiger Herr, könnte sie grösser sein, als ich wünschte. -Es mag unterbleiben.

Der Graf. Nein doch! Sie sollen sich schlechterdings meinetwegen kein Vergnügen versagen.

Die Gräfin. Und ich will schlechterdings kein Vergnügen geniessen, das Ihnen nur eine missvergnügte Minute machen könnte. Wollte ich doch, dass ich nicht so unbescheiden gewesen wäre. Ihnen von meinem unüberlegten Einfalle etwas zu sagen!

Der Graf. Ihr Einfall muss befriedigt werden: ich geb es nicht anders zu.

Die Gräfin. Gnädiger Herr, ich müsste mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich aus Unbesonnenheit Ihre Güte so missbrauchte

Der Graf. Ich will nun, ich will.

Nunmehr war er auf den Punkt gebracht, wohin er sollte: er sagte die letzten Worte mit so einem auffahrenden positiven Tone, dass nur noch eine Gegenvorstellung nötig war, um ihn zornig zu machen. War er einmal unvermerkt dahin geleitet, dass er die Sache selbst verlangen und befehlen musste, die er anfangs bestritt und im grund sehr ungern sah, so hatte die Gräfin zuviel Feinheit, um seinen Stolz bis auf das Äusserste zu treiben und einen wirklichen Zorn abzuwarten, sondern sie ergab sich nunmehr mit anscheinendem Widerwillen. -"Ich unterwerfe mich Ihrem Befehle", sprach sie mit einer tiefen Verbeugung und küsste ihm ehrerbietig die Hand: "Sie können meiner Dankbarkeit gewiss sein und ebensosehr meiner Folgsamkeit, sobald Ihnen Ihre Güte nur die mindeste Beschwerlichkeit –" "Denken Sie nicht mehr daran!" unterbrach sie ihr Gemahl. "Ihr Vergnügen und das meinige können nie ohneeinander sein. –"

Er sagte gleich darauf mit der verbindlichsten Freundlichkeit gute Nacht und trieb die Verbindlichkeit so weit, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in seinem Zimmer bei dem Ausziehen dem Kammerdiener Befehl gab, noch denselben Abend zu dem Einnehmer Herrmann zu gehen und ihm zu melden, dass er sich morgen früh um sieben Uhr vor des Grafen Zimmer einfinden solle.

Die ganze Herrmannische Familie lag schon in tiefem Schlummer: der Hausvater schnarchte bereits so lieblich und mit so mannigfaltigen Veränderungen alle Oktaven durch, dass die arme Ehegattin an seiner Seite nicht fünf Minuten zusammenhängenden vernünftigen Schlummer zuwege bringen konnte. Eben war es ihr geglückt, alle Hindernisse zu überwältigen und in einen sanften erquickenden Schlaf dahinzusinken, als der Kammerdiener des Grafen an der Tür rasselte