ins Haus nicht vermutet!" dachte Hermann bei sich. "Die Leute sind doch wahrhaftig viel besser als bei mir zu haus." Während dass er diese Betrachtung fortsetzte, legte er seinen Staat an, erblickte sich mit Freuden schön wie einen Königssohn im Spiegel, und die Reise ging fort. Unterwegs freute er sich schon auf den liebreichen Empfang, womit ihn Schwingers Freunde beehren würden, sann auf Komplimente, ihre Höflichkeit zu erwidern, und sah vor begeisternder Erwartung kein einziges von den schönen Häusern, die ihm der Lohnlakai zeigte. Er langte an: er glaubte, nur Schwingern nennen zu dürfen, um mit ausgebreiteten Armen empfangen zu werden. Der Bediente, bei dem er sich meldete, kannte keinen Schwinger, erkundigte sich kalt nach seinem Verlangen, nahm ihm den Brief ab und trug ihn zum Herrn. Schon rüstete sich Heinrich zu einem der auserlesensten Reverenze und harrte mit freudiger Ungeduld auf die Erscheinung seines Patrons. Der Bediente kam zurück: "Es ist gut", sagte er, "Sie sollen morgen früh um acht Uhr wiederkommen." -Der unerfahrne Bursche wusste sich das Phänomen nicht zu erklären: er empfahl sich voller Erstaunen und konnte auch seinem Lohnlakai nicht verhehlen, dass die Leute, die ihn heute bei seiner Ankunft besuchten, viel höflicher gewesen wären. – "Ja, sehen Sie!" antwortete der Bediente, "der Herr ist vor kurzem in ein sehr hohes Amt gerückt: das ist ein vornehmer Mann!" –
Zu dem Besuche bei Schwingers zweitem Freunde kam er mit verminderter Erwartung und fand auch Ursache, zufrieden mit der Aufnahme zu sein. Der Mann war in kein hohes Amt unterdessen gerückt, sondern noch Advokat, und freute sich deswegen ungemein über Schwingers Andenken. Mit der gutmütigsten Freude zog er das blausamtne Mützchen vom kopf, sooft Heinrich seinen Freund nannte und der guten Meinung gedachte, die er von ihm habe: er bot alle möglichen Dienste an und ward recht unruhig, als er nach einigem Nachdenken fand, dass er sie ihm nicht auf der Stelle erzeigen könnte. – "Hm! hm!" brummte er vor sich hin, sann und rückte verdriesslich das Samtmützchen im Kreise auf dem kopf herum, "braucht denn niemand einen Schreiber? Gar niemand? Hm! hm! fatal! recht fatal." –
Man sah ihm in allen Zügen des Gesichts den Schmerz an, dass er ihn mit einer blossen Vertröstung von sich lassen musste: er konnte das unmöglich ohne einen gewagten Versuch übers Herz bringen. Er lief zur Frau Gemahlin, führte sie herbei und ersuchte sie inständigst, dem jungen Menschen einen Platz im haus zu verstatten: er streichelte ihr die hände, liebkoste und bat sie wie ein Kind. Die Frau Gemahlin antwortete mit preziosem Tone: "Das weisst du ja selber, Papachen, dass wir keinen Platz haben: nein, das kann ich nicht, Papachen. Vielleicht in einigen Wochen oder Monaten, wenn dein Schreiber abgeht: aber ich kann nichts versprechen." – Der Mann verdoppelte seine Bitten und flehte demütigst, ihn wenigstens zum Abendessen dazubehalten. – "Nein, Papachen, das kann ich heute nicht", war abermals ihre Antwort, "vielleicht ein andermal, wenn uns Gott Leben und Gesundheit gibt." – Der Mann wusste vor Verlegenheit nicht, was er tun sollte; und da es ihm schlechterdings nicht möglich war, jemanden, der ihn interessierte, ungegessen von sich zu lassen, so holte er ein Schächtelchen Magenmorschellen aus einem Schranke und verehrte, als seine Frau den rücken wandte, seinem gast heimlich drei grosse Stücken davon, nahm höchst unruhigen Abschied und versprach seine tätigsten Dienste auf das feierlichste, mit vielem Händedrücken und Backenstreicheln.
Weil es noch sehr zeitig am Tage war, entschloss er sich auf Zureden seines Begleiters, einen Spaziergang zu machen, um die Stadt zu sehen. Er wanderte, mutig und froh über die Freundschaftsversicherungen des dienstfertigen Advokaten, der Katolischen Kirche zu, bewunderte, in Erstaunen verloren, die majestätische brücke mit herauf- und hinabgehenden Menschen mit mannigfaltiger Vermischung, mit heraufund hinabfahrenden Karossen, Wagen, Karren, Trägern und Reitern erfüllt: er weidete sich unersättlich an dem herrlichen Schauspiele: in seinen Augen war es eine kleine Welt, die hier zwischen Himmel und wasser schwebte. Er tat einen gang über sie hin und brach mit entzückter Selbstvergessenheit in laute Bewundrung aus, als auf beiden Seiten das schönste Teater in bezauberndem Reize vor ihm stand. Gärten und Pavillons, die ihm in der Luft zu hängen schienen, Häuser, ferne Paläste an beiden Ufern hin und über den lang daherwallenden Strom hinaus am Ende der Aussicht einen schieflaufenden Bergrücken, mit bunten Häusern, einzelnen Bäumen und malerischen Einzäunungen überstreut und mit hohem, dunkelgrünen wald in mannigfaltigen Krümmungen bekrönt: er hatte nie des Anblicks genug. Nicht weniger verweilte er auf dem Rückwege bei der andern Seite der Aussicht und vermehrte die Anzahl der Neugierigen, die Geländer und Bogen besetzt hatten, um den Mast eines Schiffes mit langen Zurüstungen niedersenken zu sehen, das dem schiessenden Strome entgegen durch die Wölbung der brücke gezogen werden sollte: die Zuschauer äusserten mit der lebhaftesten Teilnehmung Besorgnis und Erwartung, Tadel und Bewundrung über die Massregeln der Zimmerleute und Schiffer, die wie Eichhörner auf der Bedachung des schiffes herumsprangen, schrien, schalten, zankten, anordneten, jetzt mit angestrengten Kräften dem fallenden Baume das Gegengewicht hielten, jetzt müssig, auf ihre Hebebäume gelehnt, dastanden und plaudernd und pfeifend in den wallenden Strom sahn.